Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

China schlägt Japan: Der Drache überfliegt die Sonne

(c) EPA (Paul Hilton)
  • Drucken

Nachdem es China im Vorjahr zur Nummer eins der Exporteure gebracht hat, dürfte es sich heuer zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht aufschwingen und somit Japans Volkswirtschaft überholen. Das Wachstum spricht dafür.

Tokio/Peking. Erst Deutschland als Exportweltmeister ablösen, dann Japan als Nummer zwei der größten Volkswirtschaften stürzen. So hat sich das Reich der Mitte das vorgestellt. Der Plan dürfte aufgehen: Nachdem es China im Vorjahr zur Nummer eins der Exporteure gebracht hat, dürfte es sich heute zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht aufschwingen.

Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von einer Billion Euro fiel Japan im zweiten Quartal erstmals hinter die Wirtschaftsleistung des großen Nachbarn und Konkurrenten China zurück, der im zweiten Quartal 1,04 Billionen Euro im Land erwirtschaftete Produkte und Dienstleistungen bilanzierte.

Experten warnen zwar, dass die chinesischen Statistiken nach internationalen Maßstäben nicht immer zuverlässig sind. Es ist auch nicht das erste Mal, dass China ein Quartal lang die Nase vorn hat. Aber der stabile Wachstumstrend spricht nun erstmals deutlich dafür, dass das Reich der Mitte seinen Vorsprung dauerhaft halten kann. So soll Chinas Wirtschaft im Gesamtjahr Schätzungen zufolge um etwa zehn Prozent zulegen. In Japan hingegen hat sich die Konjunkturerwartung beinahe über Nacht von 2,3 Prozent auf alarmierende 0,4 Prozent abgekühlt. Wuchs Japans Wirtschaft im ersten Quartal noch um rasante 4,4 Prozent, waren es im zweiten nur noch 0,1 Prozent.

Konjunkturpakete laufen aus

Über die Hintergründe des aktuellen japanischen Schwächeanfalls braucht man nicht lange zu grübeln. Die beeindruckenden Zuwächse zu Jahresbeginn waren weitgehend der Exportstärke und der Marktposition in China geschuldet. Dann kam die abrupte Yen-Aufwertung gegenüber Dollar und Euro von mehr als einem Drittel in die Quere. Der Bedarf an verteuerten japanischen Waren sackte vor allem in den USA und China bedrohlich ab. Weil gleichzeitig Stimulusprogramme der Tokioter Regierung ausliefen, verlor zudem der private Konsum auf dem Heimatmarkt an Schwung.

Japan trifft eine Vollbremsung aus höchstem Tempo zu einer ungelegenen Zeit. Neben dem hohen Yen plagen die Regierung weiterhin eine Preisdeflation und die rapide alternde Bevölkerung mit entsprechenden Auswirkungen auf Renten- und Gesundheitssicherung.

Vor allem aber ist Japan extrem überschuldet. Die öffentlichen Hände Nippons stehen nach internationalen Berechnungen mit 230 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung in der Kreide. Zinszahlungen machen bereits ein Fünftel des nationalen Haushalts aus. Premierminister Naoto Kan will durch eine radikale Haushaltssperre diesen Schuldenberg abbauen – aber gleichzeitig den Sozialstaat stärken.

Das kann nur gelingen, wenn die Wirtschaft brummt. Bisher erwartete die Regierung für das laufende Haushaltsjahr bis 31. März 2011 ein Wachstum von 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Jetzt räumt ein Sprecher ein, die „Konjunktur hat schon eine abflachende Phase erreicht“. Erweist sich die bisherige Prognose, die auch vom Internationalen Währungsfonds weitgehend gedeckt wird, als falsch, ist Japans „dritter Weg“ aus der Krise – sparen, erwirtschaften, sozial absichern– schon wieder blockiert. Auch für die Weltwirtschaft wäre ein Absacken in Fernost fatal. Die OECD erwartet von Japan als globalen Beitrag auch in den kommenden zwei Jahren einen Anstieg des BIPs um rund 1,5 Prozent.

 

Yen soll schwächer werden

In ersten Reaktionen sucht die japanische Regierung nach Lösungen, um den Außenwert ihrer Währung, die zum Dollar auf einem 15-Jahres-Hoch steht, zu senken. Vor allem die exportorientierte Autoindustrie erwartet Entlastungen vom Devisenmarkt. Premier Kan will noch in dieser Woche mit Notenbankchef Masaaki Shirakawa über eine staatliche Intervention auf dem Devisenmarkt sprechen.

Aus japanischer Sicht ergäben Maßnahmen gegen den Yen-Anstieg Sinn, erklärt Takeshi Minami, Chefvolkswirt des Forschungsinstitutes Norinchukin. „Wenn das mit einer Politik des billigen Geldes einhergeht, dürfte das einen gewissen Effekt haben.“ Die erste Devisenintervention Japans seit 2004 könnte aber sehr leicht auf Kosten des Konjunkturaufschwungs anderer Exportstaaten, vor allem Deutschlands, gehen, warnen Marktexperten in Tokio.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2010)