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Diskussion

Narrative und Bildungsscheren

Einfach die Frontalvorlesung online übertragen? Das lässt Studierende leicht abschweifen.
Einfach die Frontalvorlesung online übertragen? Das lässt Studierende leicht abschweifen.(c) Getty Images/iStockphoto (AndreyPopov)
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Zwischen Distance-Learning und Präsenzlehre entwickeln sich weltweit derzeit spannende Studienmodelle. Experten diskutierten online über das Studium von morgen.

Wenn man das Präsenzformat auf digital überträgt, endet das in einer mittleren Katastrophe. Meine Aufmerksamkeitskurve ist viel geringer als im Hörsaal“, sagt Sagithjan Surendra. Der Student und Gründer des Aelius-Förderwerks, das sich für faire Bildungschancen einsetzt, wurde vom Deutschen Hochschulverband und dem Deutschen Förderwerk zum Student des Jahres 2020 gekürt.

Dass dieses Modell nicht die Zukunft sein kann, darauf einigten sich Zukunftsforscherin Aileen Moeck, Direktorin des Entrepreneurship Clusters Mittelhessen, Monika Schuhmacher, Vorständin der Deutschen Bildung, Anja Hofmann, MCI-Rektor Andreas Altmann und Sagithjan Surendra vergangene Woche bei einer Onlinediskussion der Organisation Deutsche Bildung schnell. Aber wie sieht die Zukunft dann aus?

 

Digitale Demenz

Viele Unis haben heuer Hybridvarianten gewählt, streamen Vorlesungen und halten Übungen in Präsenz ab. So auch die Justus-Liebig-Universität Gießen. „Wir setzen mehr Methoden und Tools in diesem zweiten Corona-Semester ein und praktizieren Blended Learning“, sagt Professorin Schuhmacher. Das gemischte Lernen funktioniere besser als die rein digitale Version, hätte aber nach wie vor Defizite im Vergleich zur Präsenzlehre. Schuhmacher: „Wenn wir Wissen digital vermitteln, wird das anders verarbeitet und abgespeichert. Es werden andere Synapsen aktiviert. Das nennt man digitale Demenz.“

MIC-Rektor Altmann sieht das anders. An seiner Hochschule werden schon seit 2014 digitale Fernlehreformate angeboten. „Wir fahren manche Studiengänge parallel online und präsent. Die Prüfungen sind dieselben. Die Online-Studierenden schneiden dabei gleich gut ab wie jene, die vor Ort studieren.“ Altmann gesteht ein, dass es schwierig und aufwendig sei, gute Onlineformate zu entwickeln. Dafür seien diese dann aber auch skalierbar. Die Zusammenarbeit mit sogenannten Ed-Techs, also bildungstechnologischen Start-ups, erleichtere die Konzeptionierung der digitalen Lehre.

 

Studieren à la „Super Mario“

Corona beschleunige, was zuvor als Trend in der Bildungstechnologie sichtbar gewesen sei, sagt die Zukunftsforscherin Moeck. Und dieser weise klar in Richtung Informationsvermittlung durch Geschichten: „Der Mensch liebt Narrative. Wir sollten uns nicht darin verbeißen, wie wir Wissen vermitteln, sondern uns darauf fokussieren, welche Geschichten wir erzählen wollen.“ Anstatt reines Wissen zu vermitteln, sei es wichtig, Studierenden kritisches Denken beizubringen. Um diese Fähigkeit zu erlernen, würden Lernspiele helfen, ergänzt Altmann. „Früher haben wir ,Super Mario‘ gespielt und sind von einer Welt in die nächste aufgestiegen. Wenn man diesen Frame bei digitalen Lernmaterialien anwendet, erleben Studierende das Lernen als Spiel.“

„Viele Kinder und junge Erwachsene hängen in der Schule und im Studium hinterher, weil ihre Eltern nicht den Laptop oder den Drucker haben, den die Lehrenden erwarten. Da tut sich eine riesige Bildungsschere auf“, gibt Hofmann zu bedenken. Viele Studierende, die durch Corona ihren Nebenjob verloren haben, könnten sich kein eigenes WLAN mehr leisten. Fällt das WLAN an der Uni oder in Cafés durch Ausgangsbeschränkungen weg, können sie nicht weiterstudieren.

 

Neue Bildungsscheren

Auch bei der Ausstattung mit Laptops gebe es in vielen Haushalten erhebliche Mängel. Studierende, die Seminararbeiten normalerweise an den Stand-PCs in Bibliotheken schreiben, stehen vor einem Problem. „Die Uni war ein Safe space, wo alle den gleichen Zugriff hatten. Heuer ist alles anders, dadurch bleiben viele auf der Strecke“, warnt Surendra.

In der digitalen Lehre fehle zudem der persönliche Kontakt, sagt Schuhmacher. „Die sozialen Kompetenzen, die man in der Ausbildung und der Uni bekommt, lernt man nicht in der Schule. Das Zeit-Management zwischen Job und Uni zum Beispiel. Das ist eine ganz wichtige Qualität.“ Bei der Bildung in Hochschulen sei mindestens die Hälfte von sozialer Natur. Das könne man nicht digital lernen. Hier stimmt Altmann zu. Er warnt vor „digitaler Vereinsamung“.

Die Experten sind sich einig: Covid-19 zeige viele bereits bestehende Probleme im Hochschulsystem auf, das stelle die Universitäten vor große Herausforderungen. Surendra fordert stellvertretend für alle Studierenden: „Unsere Stimmen gehören gehört. Die Digitalisierung muss fair implementiert werden, um Bildungsgerechtigkeit zu erzeugen.“

Auf einen Blick

Neue Formen der (Fern-)Lehre waren Thema einer Onlinediskussion. Einhellig abgelehnt wurde die reine Übertragung der Präsenzlehre in den virtuellen Raum. Während die einen bei Onlinelehre prinzipielle Defizite orten, sehen andere Chancen durch innovative Formate und spielerisches Gestalten. Wichtiges Thema ist für die Experten die mögliche Benachteiligung wegen fehlender technischer Ressourcen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2020)