Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Radsport

Der Champion im Gruppetto

Eine denkwürdige Spanien-Rundfahrt rollt ihrem Ende entgegen.
Eine denkwürdige Spanien-Rundfahrt rollt ihrem Ende entgegen.APA/AFP/MIGUEL RIOPA
  • Drucken
  • Kommentieren

Obwohl er bei der Vuelta derzeit nur den Wasserträger gibt, wähnt sich Chris Froome auf dem Weg zurück zu alter Stärke. Kann das gelingen? Wegbegleiter wie Bradley Wiggins trauen es dem 35-jährigen Briten jedenfalls zu.

Puebla de Sanabria. Gleich die erste Etappe brachte die Ernüchterung. Elf Minuten hatte Christopher Froome im Bergfinish auf Sieger Primož Roglič verloren und als 72. das Ziel erreicht. Es war der Auftakt für die wohl härteste Rundfahrt in der Karriere des britischen Radstars, denn der erste Formcheck täuschte nicht. Aktuell ist Froome Gesamt-91. der Vuelta a España, sein Rückstand auf den Gesamtführenden Roglič nach der 14. Etappe (Tagessieg: Jasper Philipsen) betrug 2:44:07 Stunden.

Über Jahre hinweg war Chris Froome jener Mann, den es bei den großen Landesrundfahrten zu schlagen galt. Sieben Triumphe bei Tour de France (4), Giro d'Italia (1) und Vuelta (2) hatte der mittlerweile 35-Jährige eingefahren, ehe ihn ein Sturz im Sommer 2019 aus dem Tritt brachte. Bei einer Streckenbesichtigung für das Critérium du Dauphiné wurde er von einer Windböe erfasst und prallte gegen eine Hauswand. Drei Wochen verbrachte Froome mit zahlreichen Brüchen im Krankenhaus, wegen der langen Rehabilitation verlor er nicht nur die Form, sondern auch seinen Status im Team Ineos. Für die diesjährige Tour de France wurde er nicht berücksichtigt, und nun sollte die Vuelta, wo Froome mit seinem Triumph 2011 der Durchbruch gelang, das Trostpflaster sein.

Dass er heuer nicht um Gesamtwertung und Trikots mitfahren wird, war schnell klar. Inzwischen ist Froome als Helfer für den Gesamtzweiten Richard Carapaz gefragt, der Roglič bis zum Zieleinlauf am Sonntag in Madrid noch abfangen will. Froome erkennt diese Rolle auch an („Ich bin hier, um Richard Carapaz zu helfen“), doch auch das fällt ihm schwer genug. Selbst als Helfer lässt seine Leistung zu wünschen übrig, er ist weit davon entfernt, Carapaz am letzten Berg beistehen zu können. Bisher reichte die Form lediglich dafür, dem Kapitän ein paar Kilometer Windschatten zu verschaffen. Im Gebirge trudelte Froome bisweilen im abgehängten Gruppetto der Sprinter über die Ziellinie. Im einzigen Zeitfahren – Froome ist zweifacher Olympiamedaillen-Gewinner in dieser Disziplin – landete er mit fast sechs Minuten Rückstand auf dem 86. Platz.

Doch Froome kämpft weiter. „Ich weiß, dass dies der Weg ist, den ich gehen muss, um wieder mein Toplevel zu erreichen“, erklärte er. Aber ist das überhaupt noch möglich? Zumal der Generationenwechsel im Radsport nicht zuletzt durch Tour-Sieger Tadej Pogačar längst eingeleitet wurde.

Bradley Wiggins, jener Mann, der dank Edelhelfer Froome 2012 die Tour gewann, glaubt an ihn: „Mit jedem Pedaltritt kommt er jenem Fahrer näher, der er war.“

Froomes Ziel ist der fünfte Toursieg, der ihn in die Riege der Rekordsieger Anquetil, Merckx, Hinault und Indurain befördern würde. Dazu hat er ab 2021 mit Israel Start-Up Nation auch ein neues Team um sich. In Spanien meinte er zuletzt: „Wenn ich jedes Mal aufgegeben hätte, wenn es in meiner Karriere hart geworden ist, hätte ich nie etwas erreicht. Glaubt mir, wenn ich sage: Ich bin noch lang nicht fertig.“ (joe)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2020)