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Morgenglosse

Gefährlicher Impfstoff­jubel

Pfizer and BioNTech'!s Covid vaccine found to be 90% effective Picture shows illustration for the coronavirus vaccine in
imago images/Pixsell
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Die angebliche Wirksamkeit von Corona-Impfstoffen wird viel zu unkritisch akzeptiert. Das könnte zum Bumerang werden, sollten sich die Hoffnungen enttäuschen - und die ohnehin mäßige Bereitschaft, sich impfen zu lassen, noch weiter senken.

Was war das für eine weltumspannender Jubel, als am Montag knapp vor 13 Uhr mitteleuropäischer Zeit die Eiltmeldung über die Nachrichtenagenturen verbreitet wurde, dass der Covid-19-Impfstoff von Pfizer und BioNTech zu 90 Prozent wirksam sei! Wie eine Welle durchs Fußballstadion wogt, wenn die Heimmannschaft 5:0 vorne liegt, so wallten öffentliche Freudenbekundungen politischer Entscheidungsträger um den Erdball. Sofort traf die Europäische Kommission Vorkehrungen, einen Vorvertrag über die Lieferung von 200 Millionen Dosen (plus der Option auf 100 Millionen weitere) zu schließen. Das würde, sofern sich ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters über den vertraulichen Inhalt dieses Vertrages bestätigt, mehr als drei Milliarden Euro kosten.

Zweifellos ist das eine gute Nachricht. Doch halt: wovon genau ist die Rede? Bisher nur von einer Presseaussendung Pfizers. Die ist zudem mit den üblichen Fußnoten versehen. Zum Beispiel mit jener, dass der Impfstoff, sobald er alle erforderlichen Tests durchlaufen und die behördliche Genehmigung erhalten hat, auch einen deutlich geringeren Wirkungsgrad haben könnte. Konsequent gedacht - und in Fragen, wo es um Leben und Tod geht, muss man konsequentest denken - könnte das Vakzin auch ein Rohrkrepierer sein. Wahrscheinlich ist das nicht. Aber wie gut es wirkt, kann derzeit niemand seriös beurteilen, der nicht im Forschungsteam von Pfizer und BioNTech arbeitet. Das gilt auch für weitere wesentliche Fragen: wie lange hält die Immunität an, welche dieser Impfstoff verschafft? Verschafft sie allen Altersschichten, Menschen sämtlicher Risikogruppen gleichermaßen Schutz vor dem Virus? Und welche Nebenwirkungen - so es sie geben sollte - sind bei wem in welcher Schwere zu erwarten?

Die Suche nach den Antworten auf all diese Fragen ist lang und mühsam. Sie ist der Grund, weshalb das bisher schnellste Verfahren zur Entwicklung und Genehmigung eines Impfstoffes vier Jahre gedauert hat (jener gegen Mumps, in den 1960er-Jahren). Gewiss geht es bei Covid schneller, weil viel mehr Ressourcen in die klinische Arbeit gesteckt werden als je zuvor. Aber beim behördlichen Genehmigungsverfahren darf es keine Abkürzungen und Schleichwege geben. Es ist insofern beruhigend, dass die zuständigen Beamten der Europäischen Kommission nicht müde werden zu betonen, dass der EU-weit einheitlich per Gesetz verankerte Patientenschutz nicht verhandelbar ist.

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Denn sollte sich dieser, oder ein anderer der in Entwicklung befindlichen Impfstoffe gegen Covid-19, als wenig wirksam oder gar schädlich erweisen, wäre das ein fataler Rückschlag im Kampf gegen diese Krankheit. Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, sänke voraussichtlich drastisch. Sie ist schon jetzt bedenklich gering. Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Gallup-Umfrage würden sich nur 46 Prozent der Österreicher impfen lassen. In einer tags zuvor vorgestellten GfK-Umfrage waren es auch nur 54 Prozent. Sprich: obwohl die Schwere dieser Krankheit angesichts steigender Todeszahlen immer deutlicher zu sehen ist, will jeder zweite Österreicher sich derzeit nicht gegen sie immunisieren lassen. Das Vertrauen der Bürger in die Tadellosigkeit des Genehmigungsverfahrens ist die Voraussetzung dafür, dass diese Skepsis sinkt. Das sollten all jene Politiker bedenken, die nun in Euphorie über die Frohbotschaft von Pfizer und BioNTech verfallen.