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Wort der Woche

Fossilien der Zukunft

Wir Menschen haben die Erde völlig verändert. Das werden auch künftige Generationen anhand der Fossilien feststellen können, die aus unserem Zeitalter überdauern werden.

Mit ungläubigem Staunen reagierten einige Leser auf den Beitrag am vorigen Sonntag an dieser Stelle: Man konnte kaum glauben, dass Heimtiere einen derart großen ökologischen Pfotenabdruck haben – dass nämlich Trockenfutter für Hunde und Katzen weltweit einen CO2-Ausstoß verursacht, der größer ist als jener von Österreich; und dass Hunde ein Drittel der Menge an Exkrementen produzieren, die wir Menschen von uns geben.

Bei näherer Betrachtung dürfen diese Zahlen aber nicht verwundern: Domestizierte Tiere sind längst viel zahlreicher als wildlebende Säugetiere. Forscher des israelischen Weizmann-Instituts haben berechnet, dass Haus- und Nutztiere 60 Prozent der Masse aller Landsäugetiere ausmachen (allen voran Rinder und Schweine, aber auch Schafe, Pferde, Hunde oder Katzen). Nur vier (!) Prozent der Säugetier-Biomasse entfallen auf Wildtiere. Der Rest von 36 Prozent – das sind wir Menschen. Und: 70 Prozent aller auf der Erde lebenden Vögel entfallen auf Geflügel, v. a. auf Haushühner.

Diese Zahlen zeigen eindrücklich, wie stark der Mensch die Natur für seine Zwecke verändert hat. Das hat nicht nur Folgen für die Gegenwart – man denke etwa an das Artensterben oder an Treibhausgasemissionen aus der Nutztierhaltung –, sondern auch für die Zukunft: Die Umgestaltung der Fauna wird auch in Jahrmillionen noch nachweisbar sein. Nämlich anhand von Fossilien.

Die US-Forscher Roy Plotnick und Karen Koy haben sich das im Detail angesehen: Sie haben untersucht, wo welche Knochen auf welche Weise in die Erde gelangen und wie sie sich verändern (Anthropocene 29, 100233). Demnach ist das Spektrum der Arten, deren Fossilien in Zukunft zu finden sein werden, deutlich eingeschränkt und weltweit sehr ähnlich: Zum einen werden v. a. Unmengen an (nach dem Schlachten) zerteilten Überresten einer Handvoll Nutztierarten im Boden überdauern. Zum anderen wird es viel mehr gut erhaltene menschliche Skelette geben als in allen Zeiten zuvor.

Diese Veränderung der Fossilwelt ist somit ein weiteres Kennzeichen der Ära des „Anthropozäns“ (in der der Mensch ein Faktor wurde, der die Geologie beeinflusst): Sie tritt hinzu zu anderen charakteristischen Merkmalen unserer Zeit, wie etwa Radioaktivität aus Atombombenversuchen, in Sedimente eingelagerte Schichten von Kunststoffen oder Ansammlungen von künstlichen Gesteinen – sprich: von Beton an jenen Stellen, wo sich heute unsere Städte und Deponien befinden.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2020)