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Hausgeschichte

Siedlung Siemensstraße: „Terra Nova“ in Floridsdorf

Siedlung Siemensstraße 1954: hohe Häuserblocks am Rand, je mittiger, desto niedriger.
Siedlung Siemensstraße 1954: hohe Häuserblocks am Rand, je mittiger, desto niedriger.Wien Museum
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Die Siedlung Siemensstraße wurde vor 70 Jahren als „Schnellbauprogramm“ im 21. Bezirk mit 1700 Wohnungen errichtet. Ein Spaziergang durch den Gemeindebau.

Wien 1951: Wiederaufbau und Not beherrschen die Stadt, 86.000 Wohnungen fehlen. Auch Karl Bachmaier, ÖBB-Bediensteter und Hobbyfotograf, ist auf der Suche, stellt einen Antrag auf eine Gemeindewohnung. Am 26. Juni 1951 wird der dreiköpfigen Familie eine Wohnung in der neuen Siedlung Siemensstraße zugewiesen, bestehend aus „1 Zimmer, 1 Wohnküche, 1 Vorraum, 1 Waschraum, 1 Abstellkammer“. Für die 38 m2 bezahlt er 68,68 Schilling/Monat.

Bäder gibt es in der neu erbauten Siedlung keine, und das Tröpferlbad zählt für 1700 Wohnungen 17 Kabinen. Dafür findet man: sehr viel Grün, Kinderfreibad und -garten, Spielplätze, zum Teil Eigengärten, Ladenzeile, Eisdiele, Friseur und eine „Heimstätte für alte Menschen“. Die Wohnungen sind klein gehalten – und sollen später bei Bedarf leicht zusammengeschlossen werden können. „Duplex-Wohnungen nannte man das“, erklärt Wolfgang Fichna vom Wien Museum, das hier, in der Scottgasse 5, gemeinsam mit Wohnpartner-Team 21 und der Wiener Wohnbauforschung die Ausstellung „Terra Nova“ kuratiert hat. Ergänzt wird sie mit einer Fotoschau aktueller Bewohner im Bewohner-Zentrum Ruthnergasse (bis März, derzeit geschlossen).

Zeitkolorit und Übersichtskarte in der Ausstellung. V. l.: Werner Michael Schwarz, Susanne Winkler (beide Wien Museum), Burak Büyük (Leiter Wohnpartner-Team 21), Wolfgang Fichna (Wien Museum).
Zeitkolorit und Übersichtskarte in der Ausstellung. V. l.: Werner Michael Schwarz, Susanne Winkler (beide Wien Museum), Burak Büyük (Leiter Wohnpartner-Team 21), Wolfgang Fichna (Wien Museum).Daniela Mathis

Wenig Privat-, viel Grünraum

Zeitzeugenberichte, Schautafel, und Erinnerungsstücke geben Einblicke in die Geschichte der Siedlung. Dazu gehören auch Korrespondenz, Fotos und Möbel der Familie Bachmaier, etwa ein schmaler Sideboard-Tisch. Auf den Fotos ist seine Nutzung dokumentiert: Essen, spielen, Hausaufgaben und, des Nachts, die Heimarbeit wurden auf dem Tischchen erledigt. „Die Möbel mussten platzsparend und multifunktional sein“, erklärt Susanne Winkler vom Wien Museum. Das entsprach ganz dem Ideal der Zeit – allerdings waren die Stücke meist nicht so elegant wie die angestrebten Vorbilder aus Zeitschriften oder der eigens entwickelten Wiener SW-Möbellinie (Soziale Wohnkultur). Auch das Bad wurde mit mehr oder weniger Raffinesse zu ersetzen versucht: „In vielen Wohnungen entstanden Duschklos, für kleine Kinder gab es Wannen mit mittigem Auslauf, die man auf das WC stellte“, erzählt Fichna. Dass man überhaupt Gemeindebauten ohne Bad baute – eine extreme Ausnahme – war der Not der Zeit geschuldet.

Als Architekt des Schnellbauprogramms wurde Franz Schuster (1892–1972) beauftragt. Seine NS-Nähe ab 1938 störte sichtlich nicht, man besann sich eher auf den Beginn seiner Karriere in der Siedlerbewegung des Roten Wien. Und er brachte diese Idee in die Siemensstraße mit: In der Mitte der Siedlung dominieren einstöckige Häuser mit Eigengärten. Besonders die Idee des integrierten Wohnens für Ältere (und Kriegsversehrte) mit eigenen Wohnungen und Gemeinschaftsflächen erscheint heute bemerkenswert modern.

Erinnert an englische Reihenhäuser: zweistöckige Häuser in der Wankeläckerstraße.
Erinnert an englische Reihenhäuser: zweistöckige Häuser in der Wankeläckerstraße.(c) Daniela Mathis

„Die tiefen Fenster sollten den Menschen, die ihre Zeit oft sitzend verbrachten, mehr Tageslicht bringen“, erklärt Werner Michael Schwarz vom Wien Museum. Das Konzept funktionierte bis in die 1960er-Jahre. „Zeitzeugen erinnern sich, dass sie als Kinder den ,Alten‘ oft kleinere Arbeiten bringen und diese wieder abholen mussten“, erzählt Burak Büyük vom Wohnpartner-Team 21 von Erzählungen langjähriger Bewohner. „Und der versteckte Garten wurde zum Busseln genutzt.“

Eine engagierte Gruppe von Bewohnern war es auch, die die Ausstellung überhaupt ins Rollen brachte. Unter ihnen die Tochter Bachmaiers. Sie wohnte als Jungvermählte mit Ehemann und erstem Kind für einige Zeit weiterhin bei den Eltern: Drei Generationen auf 38 m2. Als die junge Familie Ende der 1960er-Jahre endlich in eine neue Wohnung übersiedeln konnte, fühlte sie sich auf den 56 m2 „wie in einem Tanzpalast“.

Zum Ort

Die Siedlung Siemensstraße, 1950–54 zwischen Kleingärten, altem Ortskern, Simmering-Graz-Pauker, Siemens und Gaswerk Leopoldau errichtet, galt international als Vorbild für sozialen Wohnbau und steht heute unter Denkmalschutz – und in interessantem Kontrast zu Gemeindebauten der 1960er- und 1980er-Jahre in nächster Nähe. Für Mietwohnungen zahlt man heute im 21. Bezirk 6,45 bis 11,33 Euro/m2.

Fotos und Infos zur Ausstellung auf www.wienmuseum.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2020)