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Wort der Woche

Baumriesen

Gibt man Bäumen Zeit, so wachsen sie zu wahren Giganten heran. Über die Jahrhunderte haben solche Baumriesen viel erlebt – einiges davon ist an ihren Jahresringen ablesbar.

Eigentlich ist es ein bisschen absurd, den Weihnachtsbaum als Licht- und Lebenssymbol zu interpretieren: Im Wald hätte die Tanne wohl noch ein langes Leben vor sich gehabt, während sie im Wohnzimmer, ihres Wurzelwerks beraubt, schon nach wenigen Wochen zu Biomüll wird – zu einem „Sinnbild unserer Wegwerfgesellschaft“, wie der deutsche Forstwirt und Autor Wilhelm Bode in seinem Buch „Tannen“ (156 S., Naturkunden/Matthes & Seitz, 20,60 €) anmerkt. Tannen entwickeln sich langsam, doch gibt man ihnen Zeit, so wachsen sie irgendwann schubartig zu imposanter Größe heran. Ein solches Prachtexemplar kann man etwa im Gesäuse (beim Parkplatz Weidendom) bestaunen: die „Himmelstoß-Tanne“ mit 45 Metern Höhe und vier Metern Stammumfang. Ihr Alter: mehr als 250 Jahre.

Solche Baumriesen sind ökologisch sehr wertvoll. Sie bieten unzähligen Arten Mikrolebensräume – etwa im Kronen-Totholz, an Wucherungen, in Höhlen oder an Stammverletzungen. Im Holz ist überdies CO2 langfristig gebunden, das nicht zur Erderwärmung beitragen kann, solang der Baum lebt (oder das Holz z. B. in einem Haus verbaut ist).

Alte Bäume haben viel erlebt. Und sie haben auch eine Art Gedächtnis – in Form von Jahresringen: In guten Zeiten legt ein Baum ordentlich an Dicke zu, in schlechten nur wenig. Am Muster dieser Wachstumsringe lassen sich somit historische Vorgänge ablesen. Forscher um Bernhard Muigg (Uni Freiburg) konnten damit kürzlich beweisen, dass der Mensch die Wälder schon sehr lang gezielt bewirtschaftet: Anhand von Eichenholzproben aus den vergangenen 2500 Jahren bewiesen sie, dass unsere Vorfahren bereits Mitte des ersten Jahrtausends planvoll einen Mittelwald gepflegt haben – lang vor den ersten schriftlichen Aufzeichnungen darüber (Scientific Reports, 11. 12.).

Noch verblüffender ist, was eine Forschergruppe um Claudia Hartl (Uni Mainz) berichtet: Anhand alter Birken und Kiefern vom Kåfjord im Norden Norwegens konnte eine denkwürdige Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg nachvollzogen werden: 1942–44 war die Tirpitz, das größte deutsche Schlachtschiff, in diesem Fjord stationiert, von wo aus sie Nachschub-Konvois der Alliierten angriff. Um das 251 Meter lange Schiff vor Luftangriffen zu schützen, wurde es wiederholt in künstlichen Rauch eingehüllt. Dieser führte indes auch zur Entlaubung der Wälder rund um den Fjord – und das lässt sich bis heute an den Jahresringen der Bäume ablesen (Anthropocene 27, 100212).

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2020)