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Pierre Cardin oder: Mode ist alles und überall

'Soixantes Dix Ans de Sculptures Vivantes' : Pierre Cardin Celebrates 70th Anniversary of Design At Palais De L'Institut de France, Quai de Conti In Paris
Die Verbindung des Schlichten mit dem Üppigen war eine Stärke von Pierre Cardin (1922–2020), hier im Partnerlook mit seinen Modellen.Getty Images
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Ein Schöpfer der alten Schule, aber auch ein tüchtiger Geschäftsmann, der früh die Chancen und Möglichkeiten erkannte, seine Marke nach allen Richtungen zu verbreitern: Pierre Cardin starb mit 98.

„Ich bin immer noch der einzige Innovative auf der ganzen Welt“, vertraute Pierre Cardin 2007 kühn der „Süddeutschen Zeitung“ an. Nicht nur das, er war ein Sterngucker, träumte davon, auf dem Mond spazieren zu gehen, und entwarf Raumanzüge für Erdlinge. Neben dem Créateur und Erfinder des Futurismus in der Mode gab es aber noch den tüchtigen Geschäftsmann Cardin, dieser entwickelte Prêt-à-porter, Mode fertig zum Tragen, neben der Haute Couture, die sich nur eine schmale Schicht betuchter KundInnen leisten konnte. Und Pierre Cardin war auch ein Pionier der Diversifizierung, seine Marke stand für vieles.

Ein Lifestyle, der in allem wirken soll, ist ein alter Traum vieler Künstler, einige der Vorkämpfer dieses Konzepts stammen aus Wien, Adolf Loos zum Beispiel. Doch tolles Design ist nicht immer lukrativ, viele Kreative scheitern, weil sie nicht imstande sind, große Stückzahlen zu produzieren, und zu teure Materialien für eine realistische Preisgestaltung wählen. Frankreichs Modehäuser beschritten Mittelwege, einige sind aber auch untergegangen. Cardin hielt sich.

Der Mann stammte aus einer Urzelle der italienischen Wirtschaft, dem Wein, der ja auch zum Lebensstil gehört. Cardin war das jüngste von sieben Kindern eines Weinhändlers. Geboren wurde er bei Treviso. 1944 wanderte er nach Frankreich aus.

Wende zur schlichten Eleganz

Was fand er dort vor? Große Veränderungen. Coco Chanel hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg begonnen, die Mode vom Piedestal zu holen: Nicht mehr eingeschnürt in Korsetts, eingehüllt in lange Röcke, das Gesicht verborgen unter üppig geschmückten Hüten sollte die Frau einherschreiten. Einfach, schlicht und elegant musste Kleidung sein. Generationen von Modeschöpfern stürzten sich auf noble Kargheit.

Pierre Cardin begann als Zeichner bei der noch am 19. Jahrhundert, am Fin de Siècle und den 1920ern orientierten Jeanne Paquin. Er wechselte bald zu Elsa Schiaparelli und entwarf 1946 die Kostüme für Jean Cocteaus Film „La Belle et la Bête“, besser bekannt als „Die Schöne und das Biest“.

1947 heuerte Cardin bei Christian Dior an. Dort entwickelte er einen Klassiker, der ungefähr so unvergänglich ist wie Coco Chanels „Kleines Schwarzes“: weit ausgestellte, verschwenderisch geschnittene Röcke, Jacken mit schmalen Schultern, engen Taillen. Ein Vorläufer des Petticoat grüßte von den Laufstegen. Doch auch das Business-Kostüm war geboren, feminin und streng.

1950 gründete Cardin sein eigenes Modehaus, alltagstauglich sollten seine Kreationen sein, trotzdem chic. Es gibt locker herabfallende Kleider, Hosen, Jeans. Besonders berühmt wurden seine Herrenanzüge. Cardin gestaltete Armbanduhren, Tisch-, Bett- und Badewäsche, Porzellan, Besteck, Plattenspieler und sogar Autos: Cardins Name schmückte ein pinkfarbenes Sportcoupé, das Modell AMC Javelin ebenso wie den spacigen Sbarro Stash 1976, bald kam auch Cadillac zu Cardin. In diesen Wagen reiste man am besten mit Cardin-Brille und schrieb seine Liebesbriefe mit Cardin-Füller.

Ab den Siebzigerjahren konnte man auch geometrisch gestaltete und bunt lackierte Bugholzmöbel bei Cardin kaufen. Zu seinen Mitarbeitern gehörte der später berühmte Designer Philippe Starck. Wer das Œuvre Cardins betrachtet – der selber oft keineswegs wie ein farbenfroher Vogel, sondern eher wie ein braver Büroangestellter gekleidet war –, darf nicht die Explosion von Gebrauchsgütern nach zwei Weltkriegen in Europa vergessen, jeder wollte alles haben, und es war plötzlich auch da! Ferner spielten die 1968er-Revolution und die Hippie-Zeit eine Rolle für den gesamtgesellschaftlichen Umbruch. Das lang chauvinistische Frankreich bediente sich bei Trends aus den USA, ganz Europa zog nach. Verschwendung und Lebensfreude waren angesagt. Das Erscheinungsbild musste aber auch „was hermachen“, wie man damals sagte.

Indes, sein Expansionsdrang hat Cardin nicht nur Freunde gewonnen; er gebe seinen Namen für zu billiges Zeug her, hieß es. Bereits in den 1970er-Jahren knüpfte er Kontakte nach China, allerdings um Aufträge für Uniformen an Land zu ziehen. Zwar war Cardin sicher auf keinem Gebiet das einzige Genie, weder in der Mode noch im Mode-Business. (Ketten wie Zara nutzen etwa heute sein weitreichendes Warenkonzept). Aber Cardin war ein Visionär für die Umsetzung der Idee, dass der Auftritt eines Menschen viele Facetten hat – was gerade heute offenbar wieder sehr wichtig geworden ist.[R2N1J]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2020)