Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Atomkrieg

Vergessene Bedrohung: Zurück in den Atombunker?

(c) MGO (Marin Goleminov)
  • Drucken

Binnen kürzester Zeit wäre Österreich sowohl von grenznahen AKW-Unfällen als auch von einem militärischen Atomangriff betroffen. In der Öffentlichkeit ist vor allem Letzteres selten Thema, obwohl die Lage angespannt wie nie zuvor ist. Etwas Hoffnung gibt ein diplomatischer Erfolg, an dem Österreich wesentlich beteiligt ist.

Von Felix Novak

Ein Nuklearalarm ist in Österreich keine Seltenheit. Im Schnitt kommt er etwa alle drei Wochen vor, wie es im Bericht des Strahlenfrühwarnsystems für die Jahre 2018 und 2019 heißt. Dann blinkt es auf einem Monitor des Rechenzentrums am Wiener Donaukanal auf, und das Bereitschaftsteam wird verständigt. So einen Alarm gibt es immer dann, wenn eine der 336 Messstationen, die über das ganze Bundesgebiet verteilt sind, einen Strahlenwert über 300 Nanosievert pro Stunde meldet. Das entspricht etwa dem Dreifachen des normalen Messwerts.

Einen AKW-Unfall oder gar Atomangriff bedeuten diese Meldungen nicht. In zwei von drei Fällen regnet es einfach stark. Das Edelgas Radon, das in der Luft auf natürliche Weise vorkommt, wird dann aus der Atmosphäre herausgespült und sammelt sich am Boden. Bei dem übrigen Drittel der Alarme ist die Quelle menschengemacht, der Bericht gibt aber auch hier Entwarnung: Werden Schweißnähte geprüft, kommen oft Röntgen- oder Gammastrahlen zum Einsatz. Wenn das in der Nähe einer Messstelle passiert, läuten in Wien die Telefone.

Sonden des deutschen Bundesamtes für Strahlenschutz
Sonden des deutschen Bundesamtes für StrahlenschutzAPA/dpa/Rolf Haid

Seit das österreichische Strahlenfrühwarnsystem vor etwa einem halben Jahrhundert eingerichtet worden ist, hat es nur einen einzigen relevanten Alarm verzeichnet: Ende April 1986 spielten die Messgeräte plötzlich verrückt. Der Grenzwert wurde um mehr als das Hundertfache überschritten. Die Strahlenbelastung aus dem AKW Tschernobyl, die damals freigesetzt worden ist, wird heute noch gemessen. Jene der Atomkatastrophe von Fukushima vor zehn Jahren hingegen lag in Österreich unter der Wahrnehmungsgrenze.

Mittlerweile sind die Strahlenwerte nicht mehr nur auf der ORF-Teletext-Seite 623 abrufbar, sondern auch online unter strahlenschutz.gv.at. Doch die nukleare Bedrohung gibt es nach wie vor. Zum einen geht sie von den Atomkraftwerken in fast allen Nachbarländern Österreichs aus, die immer wieder für Spannungen in den sonst beinahe makellosen diplomatischen Beziehungen sorgen. Zum anderen aus dem tödlichen Potenzial von Nuklearwaffen. In den heißen Phasen des Kalten Krieges (1947-1989) war diese Gefahr allgegenwärtig. Heute ist das anders. In den Medien kommt das Thema vergleichsweise selten vor, und schützende Jodtabletten hat kaum noch jemand zu Hause. Dennoch könnte die Bedrohung heute größer sein als jemals zuvor.

Hundert Sekunden vor Mitternacht?

Besonders anschaulich wird das anhand der „Doomsday Clock“. Diese Uhr soll die verbleibende Zeit bis zum Weltuntergang darstellen – zumindest im übertragenen Sinn.

Kurz nach dem ersten Einsatz der Atombombe 1945 wurde sie von Wissenschaftlern entwickelt, die an deren Entwicklung beteiligt waren. Die verkündete Uhrzeit sollte abbilden, wie wahrscheinlich eine nukleare Apokalypse aus Sicht des Gremiums gerade ist. Damals wurden die metaphorischen Zeiger auf sieben Minuten vor zwölf gesetzt. Heute bleiben hingegen nur noch hundert Sekunden bis Mitternacht – so wenig wie noch nie.

Damit ist die globale Gefahr laut „Bulletin of the Atomic Scientists“, der Organisation hinter der Uhr, momentan größer als zum Höhepunkt des Kalten Krieges in den 1950er-Jahren. Das hängt zwar auch mit dem fortschreitenden Klimawandel zusammen, wesentlich ist aber die zunehmende atomare Bedrohung. Ein Nuklearkrieg, der die menschliche Zivilisation zerstört, stelle momentan ein echtes Risiko dar, heißt es im jüngsten Jahresbericht – „ob er nun absichtlich gestartet wird, durch einen Unfall oder einfach nur durch ein Missverständnis“.

In Österreich geht eine direkte nukleare Bedrohung vor allem von Terroristen aus, heißt es beim Bundesheer. Extremisten würden aber wohl keine klassischen Atomsprengköpfe nutzen, sondern einfacher herstellbare „Dirty Bombs“ – herkömmliche Sprengsätze, die bei der Explosion strahlende Stoffe in der Umgebung verteilen. Die Wahrscheinlichkeit derartiger Terrorangriffe schätzt Brigadier Philipp Eder, Leiter der Abteilung Militärstrategie, „höher ein als jene von nuklearen Angriffen staatlicher Akteure“.

Bundesheer-Soldaten der ABC Abwehr bei einer Übung
Bundesheer-Soldaten der ABC Abwehr bei einer ÜbungAPA/ROBERT JAEGER

Gefahr „zumindest so groß wie im Kalten Krieg“

Eine Entwarnung vor einem Atomkrieg bedeutet das aber nicht. Im Gegenteil. Eders Einschätzung gegenüber der „Presse“ klingt alarmierend: Seit dem Kalten Krieg seien Nuklearwaffen an diverse Staaten „und möglicherweise auch an nicht staatliche Akteure“ vergeben worden. Dazu komme die „aktuelle sich dynamisch entwickelnde sicherheitspolitische Lage“, sagt der Bundesheer-Experte.

Auch im Verteidigungsministerium wird die Gefahr nuklearer Kriegsführung deshalb „als zumindest so groß wie im Kalten Krieg eingeschätzt“. Sollte sich die Lage plötzlich zuspitzen, etwa zwischen den verfeindeten Atommächten Indien und Pakistan, würde das auch massive Konsequenzen für Österreich haben. Aufgrund der schieren Anzahl der verfügbaren Sprengköpfe wären laut Brigadier Eder die „negativen Auswirkungen von staatlich geführten nuklearen Auseinandersetzungen größer“ als jene durch Terroranschläge.

Tschernobyl als Warnung

„Bisher hatten wir einfach nur Glück“, sagt Thomas Hajnoczi dazu. Der Diplomat zählt Situationen auf, in denen die Menschheit knapp am Atomkrieg vorbeigeschrammt ist. Die Bandbreite reicht von besonnenen Entscheidungen einzelner Militärs in Extremsituationen bis hin zum Verlust von Atomwaffen. Berichte der US-Regierung aus den 1960er-Jahren, die mittlerweile veröffentlicht wurden, listen allein Hunderte Zwischenfälle mit dem eigenen nuklearen Arsenal auf. Nur ein Beispiel: 2016 fand ein Taucher vor der Küste Kanadas laut „Washington Post“ zufällig eine Atombombe, die ein US-Langstreckenbomber 1950 bei einem Absturz verloren hatte. Laut Militärangaben habe sich darin allerdings kein Sprengstoff befunden.

Hajnoczi kennt sich beim Kampf gegen Atomwaffen aus wie kaum ein anderer Österreicher. Schließlich hat er ihm einen großen Teil seiner Karriere gewidmet, in den vergangenen Jahren als Abteilungsleiter für Abrüstung, Rüstungskontrolle und Non-Proliferation im Außenministerium. Schon in jungen Jahren hat er dort an diesem Thema gearbeitet. Prägend war allerdings die Tschernobyl-Katastrophe 1986: „Ich hatte damals zwei ganz kleine Kinder, die durften nicht hinaus. Wir sind herumgelaufen und haben versucht, Haltbarmilch mit älterem Datum zu finden.“ Diese Situation sei für ihn persönlich „sehr einschneidend“ gewesen.

Irgendwann werde die Glückssträhne der Menschheit aber enden, das ist für Hajnoczi heute klar. Irgendwann komme es zum Atomkrieg, womöglich auch unabsichtlich. Verhindern soll das eine Reihe von internationalen Verträgen. „Bisher war bei allen Waffengattungen, die abgeschafft wurden, zuerst die Verbotsnorm da, bei Chemiewaffen, biologischen Waffen oder Streubomben“, erklärt Hajnoczi. Sein langfristiges Ziel ist es, auch Nuklearwaffen völkerrechtlich zu verbieten. Diesem Vorhaben kam er vor im vergangenen Jänner ein gutes Stück näher, ironischerweise fast zeitgleich mit seiner Pensionierung zum Jahreswechsel.

Die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags NPT am 1. Juli 1968 von den Vertretern der Sowjetunion, der USA und Großbritanniens.
Die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags NPT am 1. Juli 1968 von den Vertretern der Sowjetunion, der USA und Großbritannien.(c) imago images/United Archives International

Die verheerende Wirkung von Atombomben auf Umwelt und Zivilbevölkerung ist unbestritten. Das zeigten nicht zuletzt die Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki 1945 sowie die zahlreichen Atomtests während des Kalten Krieges, die abgelegene Gegenden für Generationen unbewohnbar machten. Dennoch gab es bisher kein eindeutiges Verbot. Lediglich eine Absichtserklärung, das Ziel nuklearer Abrüstung verfolgen zu wollen. Diese wurde im Atomwaffensperrvertrag (NPT) festgeschrieben, der seit 1970 in Kraft ist. Nur vier Staaten sind diesem Abkommen nie beigetreten: Indien, Israel, Pakistan und der Südsudan. Dazu kommt Nordkorea, das 2003 seinen Austritt angekündigt hat. Die meisten Atommächte haben also unterzeichnet – und bekanntlich trotzdem nicht abgerüstet.

Österreich auf diplomatischer Mission

Hier kommt der Atomwaffenverbotsvertrag (TPNW) ins Spiel. Er soll den bewusst schwammig formulierten Sperrvertrag ergänzen und Atomwaffen zum ersten Mal klar verbieten. Der Anstoß dazu erfolgte vor mittlerweile acht Jahren und ging damals von drei Staaten aus: Mexiko, Norwegen – und Österreich. Warum gerade Österreich? Hajnoczi führt das auf die Erfahrungen mit dem AKW Zwentendorf und Tschernobyl sowie generell auf Österreichs gefährdete Position im Kalten Krieg zurück: „Es ist eines der ganz wenigen Themen, bei denen hier alle Parteien einer Meinung sind.“ Dadurch gebe es eine gewisse Kontinuität, „egal, wer in der Regierung sitzt“.

Der Diplomat begleitete den Verhandlungsprozess ab 2014, als Abrüstungskonferenzen im mexikanischen Nayarit und in der Wiener Hofburg abgehalten wurden. Seitdem ist viel passiert. Gemeinsam mit Verbündeten kam es zur Einigung. 2017 wurde der Verbotsvertrag in New York angenommen. 84 Staaten haben ihn unterzeichnet, genau 50 bisher auch ratifiziert – zuletzt Honduras im Oktober 2019. Damit war die nötige Schwelle überschritten, und der Vertrag konnte drei Monate später in Kraft treten. Das geschah auch, am 22. Jänner 2021. Nun ist das Verbot offiziell im internationalen Recht verankert.

Debatte eines Atomwaffen­verbots­vertrags bei der UNO-Arbeitsgruppe zu nuklearer Abrüstung in Genf, Mai 2016
Debatte eines Atomwaffen­verbots­vertrags bei der UNO-Arbeitsgruppe zu nuklearer Abrüstung in Genf, Mai 2016ICAN-Australia, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons

Doch was bringt das? Kein einziger Atomwaffenstaat hat den Pakt bisher unterzeichnet, kein einziger Sprengkopf wurde deswegen vernichtet. Das dürfte sich so schnell auch nicht ändern – solang die nukleare Abschreckung eine zentrale Säule der jeweiligen Verteidigungsstrategie bleibt und von den Atommächten nicht einmal infrage gestellt wird. „Wir können zwar nicht für die anderen abrüsten, aber dieses Verbot hat neben der rechtlichen eine große politische Wirkung“, versichert Hajnoczi. „Für die Nuklearstaaten war es ein Schock, dass die Habenichtse auf einmal erfolgreich etwas zustande bringen.“

Der Vertrag sieht vor, dass Teilnehmer Kontrollmechanismen zur dauerhaften nuklearen Abrüstung einrichten und regelmäßig darüber berichten. Ein erstes internationales Treffen muss es spätestens ein Jahr nach Inkrafttreten geben. Es wird wohl in Wien stattfinden. Sobald auch eine Atommacht mitmacht, beginnt automatisch ein Zeitplan, der erst mit der kompletten Abrüstung endet. Im Idealfall sollten deshalb alle Atommächte gleichzeitig beitreten. Die entscheidende Frage stellt sich Hajnoczi, neuerdings Pensionist, selbst: „Ob wir jemals den Zustand, in dem alles abgeschafft ist, erreichen?“ Nur, um im selben Atemzug zu antworten: „Hoffentlich.“