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Germanistik

Dialekt oder Hochdeutsch? Wie gesellschaftliche Normen unsere Kommunikation prägen

In welcher Sprache drücken sich Menschen an einer österreichischen Universität aus? Die Wahl zwischen Englisch und Deutsch ist ähnlich kontrovers wie die Erwartung, ob jemand Dialekt oder Hochdeutsch spricht.

Wenn man Menschen fragt, was Deutsch von anderen Sprachen unterscheide, antworten viele, dass Wortschatz und Grammatik anders sind. „Aber das trifft auf Dialekte auch zu, dass sie eigene Worte und eine Grammatik haben“, sagt Philip Vergeiner von der Uni Salzburg. Eine Sprache definiert sich also auch durch „außersprachliche Kriterien“, etwa, was die Gesellschaft erwartet. „Im Unterschied zwischen Sprache und Varietät spielen Faktoren wie Prestige und Status mit. Es ist ein hochpolitisches Thema, was als Sprache anerkannt wird und was nicht“, sagt Vergeiner und zitiert mit „Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und Marine“ den jiddischen Linguisten Max Weinreich.

„Wenn ein Staat dahintersteht, sehen wir es als Sprache an“, betont Vergeiner, der viele Aspekte dieser „äußeren Mehrsprachigkeit“ (nationale Sprachen) sowie der „inneren Mehrsprachigkeit“ (Dialekte und Varietäten) erforscht hat. Exemplarisch nahm er die Uni Salzburg als Forschungsobjekt: In welchen Sprachen und Dialekten wird hier geredet? In welcher Situation erwarten Studierende und Lehrende welche Formen? Passen die Erwartungen zur Realität der gelebten Sprache?

„Mich haben immer schon Normen fasziniert, also Erwartungen, was man wie tun soll, aus denen Regelmäßigkeiten im Verhalten resultieren“, sagt Vergeiner. Nun machte er soziale Normen messbar und überprüfte, ob Erwartungen der Gesellschaft tatsächlich im Verhalten der Menschen wirksam sind.

Fragebögen und Aufnahmen

Glücklicherweise gab es hier schon einen Datenberg aus dem von der Nationalbank geförderten Forschungsprojekt Vamus (Verknüpfte Analyse von Mehrsprachigkeiten an der Uni Salzburg). Vergeiner durchforstete über 1000 Fragebögen von Studierenden, Lehrenden und Mitarbeitern der Verwaltung zu ihrem erwarteten und tatsächlichen Sprachgebrauch sowie über 100 Interviews über Normen, Dialekte und Sprachen. Dazu kamen noch Aufnahmen von ganzen Lehrveranstaltungen.

An einer Universität gibt es klare Erwartungen, wie man zu sprechen hat, und Vergeiners Analyse macht nun sichtbar, ob die Menschen auch tatsächlich so reden, wie von ihnen erwartet wird.

„Bei der äußeren Mehrsprachigkeit bietet der Umgang mit Englisch das größte Konfliktpotenzial“, sagt Vergeiner. Während Migrationssprachen wie Türkisch ebenso vorkommen wie in Schulen, gibt es im Uni-Bereich kaum Diskussionen, wer wann türkisch oder serbokroatisch spricht. „Das wird eher als Privatsache eingeordnet“, sagt Vergeiner. Den Germanisten überraschte aber die Heftigkeit der Kontroverse, wie stark das Englische an einer österreichischen Universität zum Einsatz kommen soll.

Bei manchen herrscht Skepsis, warum man bei uns vor einem deutschsprachigen Publikum eine Lehrveranstaltung auf Englisch halten soll. Auf der anderen Seite gibt es eine Euphorie, dass Englisch die Zukunft für eine internationale Wissenschaftswelt ist. „Die Grenze verläuft oft entlang von Fakultäten und Fachbereichen“, sagt Vergeiner. Während Natur- und Sozialwissenschaften eine hohe Affinität zu Englisch haben, sehen es Geisteswissenschaftler und Juristen eher kritisch. Spannend ist auch die Begründung, warum gerade Englisch so geeignet sei. „Viele antworten: ,Weil die Sprache so einfach ist‘“, sagt Vergeiner. Dabei ist Englisch vom Wortschatz und der Grammatik her relativ komplex. Auch die Erwartungen, wann wer wo Englisch spricht, brachten interessante Ergebnisse: „Viele Austauschstudenten würden gern Deutsch lernen, aber ihr Gegenüber wechselt ins Englische, wenn erkannt wird, dass man nicht von hier ist.“

Umgangssprache sehr häufig

Ähnliche Vorannahmen zur Sprachform fand Vergeiner auch bei der „inneren Mehrsprachigkeit“, also dem Wechsel zwischen Hochdeutsch (Standardsprache) und Dialekt bzw. der in Österreich typischen Mischform, der Umgangssprache.

„Das Meiste findet im mittleren Bereich statt, also weniger Dialekt als im kleinen Dorf daheim, aber doch nicht so Standard, wie man es von der Schriftsprache oder dem deutschen Nachrichtensprecher kennt – und wie es von der Gesellschaft an einer Universität eigentlich erwartet wird.“

Das fällt auch vielen deutschen Kollegen auf. Anders als mit Fremdsprachigen wird mit ihnen aber oft absichtlich dialektnäher gesprochen, etwa um sich abzugrenzen. „Die Wahl zwischen Dialekt und Standardsprache ist oft ein Konflikt zwischen Herz und Hirn“, betont Vergeiner.

Sein Ergebnis deckt sich mit einer Studie aus dem großen FWF-Projekt „Deutsch in Österreich“, die die äußere und innere Mehrsprachigkeit an Schulen untersuchte: Wenn es um Verständnis und Formalität geht, redet man Hochdeutsch. In informellen Situationen und wenn man authentisch sein will, spricht man Dialekt. „Diese Erwartungen sind erstaunlich stabil und spiegeln Normen der gesamten Gesellschaft wider. Ich glaube, dass wir in einer anderen Arbeitsumgebung, etwa einer Fabrik, ähnliche Dinge feststellen würden.“

 

Lexikon

Hochdeutsch bezeichnet die Standardsprache in Österreich. Die Vorstellung, was Hochdeutsch sei, orientiert sich an der geschriebenen Sprache und an dem, wie in den Medien gesprochen wird.

Innere Mehrsprachigkeit beschreibt Varietäten und Dialekte. Fast jeder ist auch innerhalb seiner Muttersprache mehrsprachig und wechselt zwischen Standardsprache, Umgangssprache und regional begrenzten Dialekten.

Die äußere Mehrsprachigkeit umfasst Sprachen verschiedener Nationen wie Deutsch, Englisch oder Türkisch.

 


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2021)