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Wirecard

Die Beichte von Marsaleks BVT-Freund

Villa Alfons in M�nchen, 2020
In Marsaleks Villa in der Prinzregentenstraße in München arbeitete auch Martin W. Er hatte bei der Firma IMS-Capital ein Büro, die tief im Wirecard-Skandal verstrickt ist.(c) Robert Haas / SZ-Photo / picture (Robert Haas)
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Ein Ex-Abteilungsleiter ermöglichte dem Ex-Wirecard-Chef die Flucht und hatte auch danach Kontakt. Er sollte Polizei-interne, sensible Informationen liefern. Nicht zum ersten Mal.

Waschbeton-Platten außen, Terrazzoboden innen und Stiegengeländer aus abgenutztem Holz. Der Flughafen Bad Vöslau hat optisch viel mit einem durchschnittlichen österreichischen Schulgebäude aus den 60er-Jahren gemein. Erstaunlich wenig Glamour dafür, dass hier sündteure Reisen mit Privatfliegern angetreten werden.

Die Abflughalle ist etwa 50 Quadratmeter groß. Auf der einen Seite der einzige Check-in, gegenüber der Schalter der Polizei. Und genau an der spazierte der Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek am 19. Juni 2020 vorbei, setzte sich in die Cessna Mustang 50 mit leichtem Gepäck in einer Ledertasche und in Businesskleidung. Er zahlte seinen Trip nach Minsk bar, weg war er.

Am Tag zuvor war er vom Aufsichtsrat von seiner Funktion entbunden worden, sprach am Abend darüber mit zwei Freunden bei einem Italiener in München: Einer Bekannten und Martin W., bis 2017 mächtiger Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT). Und der war es auch, der Marsalek einen Ausweg aus der Bredouille ermöglichte. Gemeinsam mit einem Ex-FPÖ-Abgeordneten organisierte er für Marsalek den Flug bei einem befreundeten Pilot. Am 19. Juni, gegen 20 Uhr, hob der Flieger ab, seitdem fehlt jede Spur.

Freund und Helfer. Das war zumindest bis vor wenigen Tagen so, bis zuerst der Ex-FPÖ-Abgeordnete (eigentlich wegen etwas anderem), und dann Martin W. verhaftet wurden. Letzterer legte eine Beichte ab, die der „Presse“ vorliegt. Demnach ist Marsalek doch nicht so verschollen wie geglaubt. W. gab bei seiner Vernehmung an, auch nach Marsaleks Flucht mit ihm in Kontakt gewesen zu sein. Er habe sich mehrfach gemeldet. Per Whatsapp, Signal und Threema. Aber auch über eine britische und über eine russische Telefonnummer. Zur Identifizierung habe Marsalek immer dieselbe Frage gestellt: „Wie geht es meiner Schaukelfigur?“ Damit meinte er die Figur, die in seinem Büro in seiner Villa in der Prinzregentenstraße hinter seinem Schreibtisch steht. Und dann wollte er wissen, was gerade so gegen ihn läuft. Martin W. berichtete, was er wusste.

Der Ex-BVT-Mann war oft derjenige gewesen, der Marsalek heikle Informationen besorgen sollte. Seit seinem Ausscheiden aus dem BVT 2017 arbeitete W. für eine Firma, die Wirecard nahestand und in Marsaleks Villa beheimatet war. Und da beauftragte Marsalek seinen Freund W. auch, über gewisse Personen Erkundungen einzuholen. W. ließ Kontakte zu seiner alten Behörde spielen. Bei einigen seiner Ex-Kollegen gab es vergangenes Wochenende Befragungen. Sein wohl bester Freund, der BVT-Beamte O., wurde nach minutenlanger Gegenwehr festgenommen.

O. soll für Marsalek Informationen aus den sensiblen und geheimen Registern der Verfassungsschützer besorgt haben, so der Vorwurf. 25 Anfragen soll es gegeben haben, darunter Geschäftspartner und auch Journalisten. Bezahlt wurde O. von W. nicht direkt. W. gab bei seiner Vernehmung aber an, O. mit 6000 Euro bei seiner Kreditabzahlung geholfen zu haben. Wahrscheinlich ist, dass O. die Abfragen nicht alle selbst gemacht hat. Wegen Vorwürfen der Russlandspionage und illegaler Datenabfragen wurde der Mann bereits 2017 vom BVT in die Sicherheitsakademie versetzt. Von dort aus hatte er keinen Zugriff – laut W. lieferte er die gewünschten Informationen aber trotzdem. Etwaige Mithelfer sollen nun im BVT und der Exekutive ausfindig gemacht werden – die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. O.s Anwalt, Volkert Sackmann, sieht durch W.s Aussage (die erst zur Verhaftung führte), seinen Mandanten entlastet. „Ich bin froh, dass mein Mandant durch die Aussage entlastet wurde.“ Gegen die verhängte U-Haft wolle er nun darum vorgehen.

Informationsloch. Wie der „Presse“ vorliegende Handychat-Auswertungen ergeben, organisierte O. nicht nur Informationen für Marsalek. Auch Journalisten gehörten zu seinen Kontakten – und solche, die gerne welche wären. Und so war O. nicht nur W.s Informant, sondern auch umgekehrt. Ständig habe O. Neues über Wirecard oder Marsalek wissen wollen, sagte W. in seiner Vernehmung. Und so lieferte W. seinem Freund O. etwa ein Foto von ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka gemeinsam mit Marsalek. Die beiden waren am 30. Mai 2017 zu einem Abendessen in die österreichische Botschaft in Moskau eingeladen gewesen. Das Foto erschien kurz darauf auf Peter Pilz' Medium zackzack.

Und W. sagte über seinen Freund O. auch aus: „Wenn ich mir meine Kontakte zu O. überlege, seine Bemühungen, neue Infos zu beschaffen, in eine Gesamtschau einfließen lasse, komme ich zu dem Entschluss, dass O. beinahe die gesamte Opposition mit Nachrichten versorgt, ich kann mir nicht vorstellen, dass er das gratis macht.“ Einige dieser Informationen sollen im BVT-U-Ausschuss aufgekommen sein – das ist Gegenstand von Ermittlungen. Die „Presse“ befragte alle damaligen Fraktionsführer, ob sie O. kennen und ob Geld geflossen sei. Eine Bekanntschaft stritten ÖVP und SPÖ ab – O. gilt als SPÖ-nahe. Alle anderen wollten sich nicht äußern, schlossen aber aus, dass für Infos bezahlt wurde.

Auch W. und Marsalek pflegten Kontakte zur Spitzenpolitik – vor allem in der ÖVP und der FPÖ hatten sie von Ministern abwärts viele hochrangige Bekannte. Einige bekamen Aufträge im Wirecard-Universum. Welche Informationen über unsaubere Kanäle gelaufen sind, wer an dubiosen Geschäften beteiligt war – und wie die österreichische Politik darin verstrickt ist - W. könnte Licht ins Dunkel bringen. Er sagte umfängliche Kooperation zu, sagte, er sei sich seiner Taten bewusst – und wolle nun für seine Familie reinen Tisch machen. W. verzichtete mehrfach explizit auf den Beistand seiner Anwältin. Nach einer kurzen Haft ist er nun wieder auf freiem Fuß.

Steckbrief

Jan Marsalek wurde 1980 in Wien geboren, ging ins französische Lycée und dann auf ein Gymnasium in Klosterneuburg. Er brach die Schule ab und heuerte bald darauf bei Wirecard an. Sein Fall war tief – vom angesehenen Vorstand eines DAX-Unternehmens zum international Gesuchten. Marsalek wird Bilanzfälschung vorgeworfen.