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"Heldenplatz": Gereifte Tiraden Bernhards

Heldenplatz Gereifte Tiraden Bernhards
(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Theather in der Josefstadt. Philip Tiedemann geht mit der schwarzen Komödie Heldenplatz sorgsam um. Dem Regisseur und seinem Ensemble ist eine hervorragende Interpretation des einstigen Skandals gelungen.

Thomas Bernhards Schwanengesang „Heldenplatz“ war im aufgeheizten Gedenkjahr 1988 ein Skandal. Ein Misthaufen wurde vors Burgtheater gekippt, um gegen die Uraufführung von Direktor Peymann am 4. November zu protestieren, viele Medien hatten zuvor wochenlang gegen Nestbeschmutzer Bernhard gehetzt, der damals bereits todkrank war. Seine böse Tirade zum Anlass von 50 Jahren „Anschluss“, die den Katholizismus, Nazismus und allgemeinen Stumpfsinn des Landes anprangerte, wurde dennoch zum Triumph.

Wie aber wirkt dieser Text fast eine Generation danach, und das auch noch im Theater in der Josefstadt, gegen das Bernhard im Stück giftige Pfeile abschießt, dem er unterstellt, dass dort sogar die Tragödien als Operette gespielt werden? Der „Heldenplatz“ ist in Würde gealtert, er hat jetzt sozusagen Josefstadt-Reife, im Kern aber ist er noch immer treffend wie einst. Jeder Akt wird mit halb transparentem Vorhang als Schattenspiel samt heimeligen Glocken- und Gitarrenklängen eingeleitet, auch der Nebel im zweiten Akt im Volksgarten (Bühnenbild: Etienne Pluss) wirkt als Weichzeichner zwischen Burg und Burgtheater, doch die Idylle trügt.

 

Hommage an den sterbenden Dichter

Regisseur Philip Tiedemann und seinem Ensemble ist eine hervorragende Interpretation gelungen, die vor allem Michael Degen als Professor Robert Schuster zu einer Hommage an den sterbenden Dichter macht. Seine Klagen über ein verkommenes Land regen nicht auf, sondern rühren. Auch durch Marianne Nentwich als Wirtschafterin des verstorbenen Professors Josef Schuster und Sona Macdonald als dessen Tochter Anna wird dieser Abend zum Erlebnis. Sie setzen die Musikalität wirkungsvoll um. Sowohl die Bitterkeit als auch das Reizvolle des zynischen Textes kommen zur Geltung.

Anfangs, im Bügelzimmer, bringen Frau Zittel und das Hausmädchen Herta (Silvia Meisterle) Hemden faltend und Schuhe putzend zur Sprache, dass sich ihr Dienstherr unmittelbar vor dem Umzug nach Oxford aus dem Fenster auf den Heldenplatz stürzte. Er hat Österreich nicht mehr ertragen. Die Frauen unterbrechen ihr rhythmisches Putzen und Bügeln gelegentlich, um sich an der Rampe auf die Zehenspitzen zu stellen und schaudernd zu ergründen, wo drunten in der Tiefe Schusters Kopf zerschmetterte. Die Tiraden des jüdischen Professors, der bedauerte, dass er sich mit seiner Familie nach der Vertreibung durch die Nazis nach Wien hat zurücklocken lassen, erfährt man gefiltert – erst durch die Bediensteten, dann durch die Verwandten und Bekannten. Allein schon dieser erste Akt aber ist ein Wunder an Übertreibungsmeisterschaft.

 

Das Theater mit dem Tod misslingt immer

Im zweiten Akt steigert sich das Wüten, mit zwei Stöcken bewaffnet verstärkt der überlebende, hinfällige Bruder, flankiert von Anna und deren Schwester Olga (Elfriede Schüsseleder), mit umso mehr Wortgewalt diese Schimpfkanonaden: In Österreich ein Jude zu sein bedeute immer, zum Tode verurteilt zu sein, sagt er, oder: „Das Nicht-mehr-Sein ist das Ziel.“ Ja, dieses Stück ist vor allem auch eine hochpoetische vergebliche Auflehnung gegen das Sterben: „Das Theater mit dem Tod misslingt immer.“ In diesen Momenten aber gelingt Michael Degen Transzendenz, da werden die Österreich-Beschimpfungen, die Graz-Verachtung, die Linz-Phobie, die er genauso lustvoll wie das übrige Ensemble vorspielt, zur Nebensache, zum Selbsthass-Wahn. (Immerhin wird ja erwähnt, dass ein Großteil dieser besseren Gesellschaft, die Friedrich Schwardtmann, Sigrid Marquardt, Wolfgang Pampel und Siegfried Walther bei Tisch im letzten Akt so trefflich repräsentieren, Steinhof-Erfahrungen hat. Warum also haben diese irren Tiraden einst so erregt?)

Die schönste Szene am Schluss, am Ziel, gibt es für Gertraud Jesserer. Sie spielt die Witwe mit einem tragischen Gesicht, das man nicht vergessen wird. So viel Trauer, verhaltene Wut, Schmerz birgt ihre Miene, die vom erbarmungslosen Scheinwerfer aus dem Parkett beleuchtet wird, bis zum Zusammenbruch. Gebrüll vom Heldenplatz hört sie, hören wir. Die Nazis triumphieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2010)