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Türkei-Rundfahrt

Das größte Comeback im Peloton

Fabio Jakobsen links unter Trümmern. In Gelb: Sturzverursacher Groenewegen.
Fabio Jakobsen links unter Trümmern. In Gelb: Sturzverursacher Groenewegen.Tomasz Markowski / AP / picturedesk
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Fabio Jakobsen schwebte nach einem der grauenvollsten Stürze der Radsportgeschichte in Lebensgefahr. Nun kehrt der Niederländer zurück. „In dieser dunklen Phase hatte ich Angst, nicht zu überleben.“

Konya. Die erste Etappe der Türkei-Rundfahrt war eigentlich schon dem Wintereinbruch in Zentralanatolien zum Opfer gefallen. Dann aber wurde kurzerhand eine alternative und verkürzte Strecke rund um Konya ins Auge gefasst, und so ging am Sonntag doch noch ein bemerkenswertes Radsport-Comeback über die Bühne: Der 24-jährige Fabio Jakobsen kehrte ins Peloton zurück.

Im vergangenen August war noch nicht einmal sicher, ob der Niederländer die nächste Nacht im Krankenhaus von Sosnowiec überleben wird, nachdem er Opfer eines der grauenvollsten Stürze der Radsporthistorie geworden war. Im hektischen Sprint um den Sieg war Jakobsen von Landsmann Dylan Groenewegen in die seitliche Absperrung gedrängt worden. Es war die erste Etappe der Polen-Rundfahrt in Kattowitz, eines der ersten Rennen nach der Corona-Auszeit, die Fahrer entsprechend ehrgeizig, aber noch ohne Rennpraxis. Zudem wollten die Veranstalter Spektakel bieten, auf der gefährlich abschüssigen Zielgeraden erreichten die Sprinter 80 km/h.

In diesem Tempo krachte Jakobsen in die Zielaufbauten und erlitt schwerste Kopfverletzungen, hatte nur noch einen Zahn im Gebiss und ein entstelltes Gesicht. „Die Retter an der Ziellinie haben mir das Leben gerettet“, sollte er später sagen. Erst nach zwei Tagen im künstlichen Koma bestand keine Lebensgefahr mehr.

Nun, nach einem halben Dutzend Operationen, ist Jakobsen bereit für ein Radrennen. Der Sturz hat Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, mit 130 Stichen wurde es genäht. Der Kiefer wurde aus seinem Beckenknochen modelliert, das Gebiss besteht noch aus provisorischen Kunstzähnen.

In der Türkei will er jeden Rennkilometer genießen. Ob er auch seinen Instinkt als Sprinter wiederfindet? Und ob er sich wieder unerschrocken ins Getümmel schmeißen wird? „Ich bin extrem dankbar“, sagt er. „Ich bin aufgeregt, ein wenig nervös und ängstlich, aber voller Vorfreude. Ich habe ein Ziel erreicht, indem ich wieder fahren kann. Das nächste Ziel wird sein, wieder jubelnd die Arme heben zu können.“ Sein Quick-Step-Team hat ihn von der Intensivstation weg stets begleitet. „Deshalb war es in den vergangenen Tagen und ist es hier eine ganz besondere emotionale Stimmung.“

Seinen Sturz kennt Jakobsen nur von Videobildern, Erinnerungen daran hat er keine. Ein Gefühl aber hat sich eingraviert. „In dieser dunklen Phase hatte ich Angst, nicht zu überleben“, sagt er.

Sturzverursacher Groenewegen, der seinen Fehler unter Tränen eingestand, wird nicht in der Türkei antreten. Der 27-jährige Jumbo-Visma-Profi ist wegen des Vorfalls noch bis Mai gesperrt. „Der Sturz wird immer ein schwarzer Fleck in meiner Karriere sein“, erklärte Groenewegen. (joe)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2021)