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Junge Forschung

Mädchen, die tanzten, missfielen

Für ihre Forschungen zur Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige in Wiener Neustadt (1951–1974) sucht Flavia Guerrini noch Zeitzeuginnen.
Für ihre Forschungen zur Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige in Wiener Neustadt (1951–1974) sucht Flavia Guerrini noch Zeitzeuginnen.Thomas Steinlechner
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Die Innsbrucker Bildungswissenschaftlerin Flavia Guerrini untersuchte die Rolle, die Kinderheime für die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung in der Nachkriegszeit spielten.

Welche Vorstellungen ein Staat von Erziehung, Familie, Generationen und Geschlechtern hat, verrät auch der Blick auf die jeweilige Jugendfürsorge. Ein Blick, den die Bildungswissenschaftlerin Flavia Guerrini professionalisiert hat. Sie setzt sich seit Anbeginn ihrer Forschungskarriere mit dem Thema auseinander. Dazu gekommen ist sie allerdings eher zufällig. Nach der Matura verschlug es sie erst einmal nach Mittelamerika, wo sie sich in Costa Rica in der Stadtteilarbeit und für benachteiligte Jugendliche engagierte. Nach ihrer Rückkehr aus Übersee und dem Pädagogikstudium an der Universität Innsbruck erhielt sie die Möglichkeit, bei dem Forschungsprojekt „Regime der Fürsorge“ unter der Leitung der Erziehungswissenschaftlerin Michaela Ralser mitzuarbeiten. Das mündete schließlich in einer Doktorarbeit zur Geschichte der Jugendfürsorge in Tirol und Vorarlberg in der Nachkriegszeit.

 

Das Konzept der Verwahrlosung

„Mich interessierte, welche Folgen ein Heimaufenthalt für die Betroffenen hat“, erklärt die Bildungswissenschaftlerin. „Darüber hinaus hat die Jugendfürsorge immer auch einen Anteil an der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung.“ Ausgangspunkt für Rückschlüsse dazu seien die Formen des staatlichen Eingreifens. „Diese reichen von Hausbesuchen bis zu gerichtlich angeordneten Heimaufenthalten. Spannend ist, wann und bei wem interveniert wird und wo die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptablen liegen.“

In den Nachkriegsjahrzehnten konnte es etwa bei jungen Frauen schon genügen, sich gern an öffentlichen Orten wie Gaststätten und Kinos oder bei Tanzveranstaltungen aufzuhalten. „Diesem Verhalten wurde sexuelle Aktivität zugeschrieben und es konnte Ausschlag für die Einweisung in ein Heim sein.“ Gefußt habe das auf dem Konzept der Verwahrlosung, dem bis zur Novellierung des Jugendwohlfahrtsgesetzes 1989 bei derartigen Entscheidungen eine zentrale Rolle zukam, so Guerrini. „Ein Aspekt dieser rechtlich definierten Verwahrlosung war auch die sittliche Verwahrlosung.“ In ihrer Dissertation zeigte sie, wie durch eine problemzentrierte Sichtweise Heimeinweisungen legitimiert wurden: „Anstatt anzuerkennen, dass Kinder und Jugendliche durch soziale Umstände wie Armut oder soziale Marginalisierung gefährdet sind, wurde häufig angenommen, dass diese Kinder und Jugendliche selbst eine Gefahr für Gleichaltrige und die soziale Ordnung darstellen.“

Eine Kindheit im Heim zog in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts meist negative Konsequenzen im Erwachsenenleben nach sich: „Wir haben 48 biografisch-narrative Interviews geführt und konnten langfristige Folgen auf mehreren Ebenen unterscheiden. So erhielten die wenigsten eine berufliche Spezifizierung, angefangene Lehren mussten unterbrochen werden. Für sie war es später schwer, finanziell unabhängig zu leben.“ Parallel dazu beeinflusste die Abwertung und Stigmatisierung als Heimkinder das Selbstbild erheblich und schränkte die eigene Handlungsfähigkeit ein.

In aktuellen Projekten beschäftigt sich Guerrini mit der Situation von Besatzungskindern, deren Vormundschaft vielfach das Jugendamt hatte, und widmet sich vertiefend der Situation in der Tiroler und Vorarlberger Jugendfürsorge zwischen 1970 bis 1990. Außerdem arbeitet sie an ihrer Habilitation – dafür lässt sie erstmals auch Westösterreich hinter sich: Im Zentrum der Studie steht die ehemalige von Ordensschwestern geführte Bundesanstalt für weibliche Erziehungsbedürftige in Wiener Neustadt, eine frühere Strafanstalt für Frauen: „Mich interessiert die Einrichtung als Schnittstelle zwischen Jugendhilfe und Justiz besonders aus der Geschlechterperspektive.“

Biografische Interviews, in denen intime, manchmal traumatisierende Erlebnisse berichtet werden, seien für Forschende eine besondere Herausforderung, betont Guerrini. Sie selbst findet Abwechselung und Distanz nicht nur in der Natur sowie bei Partnerin und Kind, sondern auch in der Musik: Sie ist Teil der „Comedian Feminists“, die Lieder aus den 1920ern und 1930ern gesellschaftskritisch umtexten.

ZUR PERSON

Flavia Guerrini (36) studierte Pädagogik an der Universität Innsbruck. 2018 erhielt sie den Eduard-Wallnöfer-Preis für ihr Forschungsprojekt zu Besatzungskindern in Tirol und promovierte 2019 in Bildungswissenschaft („sub auspiciis“). Derzeit forscht Guerrini am Institut für Erziehungswissenschaft der Uni Innsbruck sowie am dortigen Center für Interdisziplinäre Geschlechterforschung.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2021)