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Wort der Woche

Corona-Rätsel

Warum afrikanische Staaten bisher so glimpflich durch die Coronapandemie gekommen sind, ist weiterhin ein Rätsel. Die Lage scheint sich nun aber zuzuspitzen.

Afrika ist vergleichsweise gut durch das erste Coronajahr gekommen. Laut der Gesundheitsorganisation Africa CDC gab es unter den 1,3 Mrd. Afrikanern bisher 4,2 Mio. Infizierte – das ist global ein Anteil von 3,3 Prozent – und 117.000 Todesfälle. Experten zweifeln zwar wegen der mangelhaften Statistiken und niedrigen Testraten an den offiziellen Infektions- und Sterbedaten. Aber Tatsache ist, dass Sars-CoV-2, anders als befürchtet, bisher keine katastrophalen Spuren z. B. in Slums hinterlassen hat.

Über die Gründe gibt es viele Theorien: etwa dass in Afrika der Altersdurchschnitt niedrig ist und es kaum Altersheime gibt; dass Hitze die Virenausbreitung hemmt; dass das Immunsystem der Menschen (u. a. wegen Parasiten) besser trainiert ist; dass es weniger Risikopatienten (Übergewicht, Diabetes, Krebs etc.) gibt; dass die Länder Erfahrung beim Umgang mit Seuchen haben (zuletzt Ebola), dass sie daher rasch handeln und die Menschen die Anordnungen weitgehend befolgen.

Beweise für diese Theorien gibt es kaum. Und wie der renommierte Wissenschaftsautor Siddhartha Mukherjee kürzlich in „The New Yorker“ ausführte, ist es bisher auch nicht gelungen, ein epidemiologisches Covid-19-Modell zu konstruieren, das die unterschiedlichen Entwicklungen adäquat abbildet. Den einen Faktor, der alles erklärt, gibt es ohnehin nicht – es handelt sich zweifelsohne um ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren.

Wie dem auch sei, nun kommen neue Herausforderungen: Viele afrikanische Länder erleben gerade eine zweite Coronawelle, manche auch schon – wie wir – eine dritte. Eine Rolle dabei dürften neue Virusmutationen spielen, die auch bei jüngeren Menschen schwere Symptome auslösen. Weiters kommen die Impfungen bei den Menschen nur spärlich an: Laut Africa CDC konnten die Staaten bisher 30 Mio. Impfdosen beschaffen, von denen erst ein Drittel verimpft wurde. Manche Experten sehen noch einen dritten wichtigen Faktor – der derzeit z. B. auch in Indien zu einer regelrechten Explosion der Krankheits- und Todesfälle beiträgt: Das Gefühl, die Pandemie (nach der ersten Welle) überwunden zu haben, verleitet viele Menschen dazu, die Vorsichtsmaßnahmen zu missachten.

Damit aber nicht genug: Neben Corona droht ärmeren tropischen Ländern laut „Nature“ (22. 4.)nun auch die sprunghafte Ausbreitung anderer Krankheiten, etwa Tuberkulose, Masern oder Malaria (s. S. 20), da die Bekämpfungsmaßnahmen wegen der Coronapandemie eingeschränkt sind. ⫻


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2021)