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Zoologie

Das Wandern ist der Huftiere Lust: Barrieren stören ihre Natur

Das Verbreitungsgebiet der Khulan-Wildesel in Asien endet an einer Bahnstrecke.
Das Verbreitungsgebiet der Khulan-Wildesel in Asien endet an einer Bahnstrecke.Petra Kaczensky
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Eine internationales Forschungsteam sammelt historisches und aktuelles Wissen über Wanderrouten von Büffeln, Zebras, Antilopen, Rehen, Hirschen, Eseln und mehr. Die Datenbank soll bei Entscheidungsträgern Bewusstsein schaffen, wie man gefährdete Arten besser schützt.

Viele kennen auch in Österreich „wandernde“ Huftiere im Garten oder Park nebenan: Wenn Rehe Siedlungen einen Besuch abstatten, sehen wir, wie diese mit Barrieren wie Zäunen oder Gräben umgehen. Ein Team internationaler Forscherinnen und Forscher aus über 90 Institutionen hat sich zusammengetan, um mehr Bewusstsein für die viel großräumigeren Wanderungen von Huftieren dieser Welt zu schaffen. Im Journal Science (6.5.) publizierte es erste Ansätze, um historische und aktuelle Daten zu vereinen: Das soll in Zukunft Huftieren wie Zebras, Rentieren, Wildeseln oder Antilopen das Leben erleichtern.

„Die Wanderkorridore all dieser Arten werden immer stärker blockiert oder zerstört“, sagt Petra Kaczensky, die bisher als einzige österreichische Forscherin an dem Megaprojekt beteiligt ist. An der Vet-Med-Uni Wien arbeitete sie lang an der Wiederansiedlung der Przewalski-Pferde in der Mongolei. Und sie erforscht die Ökologie von wilden Pferdeverwandten in Asien wie dem Khulan-Wildesel – auch von Norwegen aus, an der INN-Universität. Die Wildesel sind ein gutes Beispiel, wie menschliche Infrastruktur den Lebensraum einschneidet: „Die östliche Verbreitung der Art in der Mongolei endet an einem Eisenbahnzaun, der in den 1950ern errichtet wurde. Danach starb der Wildesel östlich des Zauns aus“, sagt Kaczensky. Ein Pilotprojekt schuf dort 2019 drei Öffnungen im Zaun, und voriges Jahr dokumentierte nun eine Wildkamera die erste Querung eines Khulan-Wildesels. „Man kann also durchaus etwas tun, um bestehende Barrieren zu entschärfen. Aber natürlich ist es besser und billiger, solche Barrieren gar nicht erst zu errichten.“

Wer sich die Dimensionen des natürlichen Wanderverhaltens von Huftieren vorstellt, kann auch an Büffelherden aus Indianergeschichten denken, deren historische Aufzeichnungen nun in die aktuelle Datenbank eingespeist werden. Moderne Methoden liefern dazu exaktere Werte, etwa aus Telemetrie-Studien mit GPS-Sendern und Satellitenbildern.

 

Generationenübergreifender Schaden

So wurden erst kürzlich bis zu 500 Kilometer weite Wanderstrecken von Zebras in Namibia und Botswana entdeckt sowie 860 Kilometer lange Pfade der Kob-Antilopen im Südsudan. Ebenfalls neu ist das Wissen, dass Jungtiere vieler Arten die passenden Wanderrouten nur von den älteren Tieren lernen und Barrieren daher generationenübergreifend für Schaden sorgen. Dass die Wanderungen nicht nur für Tiere und ihr Überleben wichtig sind, sondern für das gesamte Ökosystem, zeigen Auswertungen darüber, wie die trampelnden Hufe der Herden den Boden verändern, Kot und Urin als Dünger zu frischem Pflanzenleben führen. „Wandernde Huftiere sind seit Jahrtausenden eng mit der menschlichen Kultur verbunden, aber sie verschwinden in alarmierender Geschwindigkeit“, schreibt das Autorenkollektiv in Science.

„Es finden so viele Entwicklungen gleichzeitig statt“, sagt Kaczensky. Zusätzlich zum ständigen Ausbau von Infrastruktur wie Bahngleisen, Autobahnen und Siedlungen steigert auch das weltweite Bevölkerungswachstum den Druck auf die letzten verbliebenen natürlichen Gebiete. „Und der Klimawandel verschärft das“, so Kaczensky. Wo Rentiere und Elche in Tundra und Taiga ihre Wanderrouten an das Ergrünen der Landstriche anpassen, kommen mit der Erderwärmung die Synchronisierungen durcheinander: Pflanzen sprießen früher und die Tiere gebären ihre Kälber nicht mehr zum optimalen Zeitpunkt. Auch schmelzendes Eis kann neue Barrieren schaffen, weil Flüsse und Seen eisfrei unüberwindbar werden. „Es kommt immer wieder zu Massenmortalität, wenn ganze Herden einbrechen“, sagt Kaczensky. Und Extremwetter-Phänomene belasten die Populationen: So kostete ein harter Winter 2011 in der Mongolei fast 60 Prozent der Przewalski-Pferde das Leben, da sie – im Gegensatz zu den dortigen Wildeseln – nicht in günstigere Gegenden gewandert waren.

Die Idee des aktuellen Projekts ist, eine globale Datenbank mit dem gesammelten Wissen ins Bewusstsein der Entscheidungsträger zu bringen. Es sollen sowohl große Infrastruktur-Entwickler als auch lokale Naturschützer wissen, wo Barrieren für Tiere schädlich sind – und wie man planen soll, um die gefährdeten Tierarten nicht noch weiter in Bedrängnis zu bringen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2021)