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Der Philosoph als öffentlicher Intellektueller: Rudolf Burger war ebenso vornehm wie streitbar.
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Philosophie

Denken ist gefährlich

Als Skeptiker auch sich selbst gegenüber skeptisch: So stellt sich der jüngst verstorbene Philosoph Rudolf Burger im posthum erschienenen Sammelband „Über Gott und die Welt und die Liebe“ dar.

Am 19. April 2021 starb der Philosoph Rudolf Burger. In einer ersten Reaktion darauf schrieb mir Michael Fleischhacker: „Er wird mir fehlen, er hat einen einfach zum Denken gezwungen.“ Fleischhacker hat einige Interviews und Gespräche mit Rudolf Burger geführt, die nun in einem umfangreichen, von Bernhard Kraller zusammengestellten Sammelband erschienen sind. Dessen Lektüre bekräftigt aufs Eindringlichste Fleischhackers Charakterisierung. Die kenntnisreichen Analysen und spitzen Bemerkungen, die der zugleich vornehme wie streitbare Philosoph als öffentlicher Intellektueller formuliert hat, waren kaum in einem pädagogischen Sinn anregend, schon gar nicht mit dem Zeitgeist akkordiert, sodass man nur hätte nicken müssen. Sie waren im besten Sinne einer radikalen Aufklärung rücksichtslos, und nötigten dadurch, Überzeugungen und Begriffe ebenso zu überdenken wie moralische Werte und politische Illusionen.

Solche Verunsicherungen lässt man nicht leichtfertig über sich ergehen, man muss dazu gezwungen werden. Damit setzt man sich einer Gewalt aus: der Gewalt eines Arguments, einer zugespitzten Formulierung, einer ungewohnten Perspektive, einer überraschenden Volte. Der Hype um Greta Thunberg und Fridays for Future etwa animierte den Philosophen zu einer Relektüre von Johan Huizingas Klassiker „Herbst des Mittelalters“, der eine Epoche beschreibt, in der schon einmal politische Orientierungslosigkeit zu Kinderkreuzzügen führte. Solche Gedanken haben etwas Verblüffendes, ja Verstörendes an sich. Manche haben dies Rudolf Burger nie verziehen.

In einem Gespräch, das der Autor dieser Zeilen mit Rudolf Burger im Rahmen einer Veranstaltung anlässlich dessen 80. Geburtstages führte und das in den vorliegenden Sammelband aufgenommen wurde, fiel der provozierende Satz: „Die radikale Konsequenz der Aufklärung ist der Nihilismus.“ In einem spannenden Dialog aus dem Jahre 2011 mit dem damaligen Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle demonstrierte Burger diese These am Beispiel des lange umstrittenen alternativen Pflichtgegenstandes Ethik: „Wenn man Ethikunterricht ernsthaft betreibt und zuerst einmal versucht, historisch zu rekonstruieren, wie Moralsysteme entstanden sind, dann kommt man letztlich zu Nietzsches Genealogie der Moral. Und was dann bleibt, ist eine nihilistische Weltsicht.“ Und er setzte fort: „Ethik ist ein sehr gefährliches Unternehmen. Wie Denken überhaupt gefährlich ist.“