Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Premium
Identitätspolitik

Kinderbücher: Warum sind da alle weiß?

Amerikanisch-indische Familie in Mumbai.
Amerikanisch-indische Familie in Mumbai.Marilyn Silverstone / Magnum Pho
  • Drucken

Bücher sind für mich die größte Freiheit, die es gibt. Wenn aber vor allem der weiße Mittelstand in der Kinderliteratur vorkommt, dürfen wir uns nicht wundern, wie es um unsere gesellschaftlichen Debatten steht. Über Pippi Langstrumpf und Alice im Wunderland.

Ich habe der Kinder- und Jugendliteratur an meinem neunten Geburtstag den Rücken gekehrt. Seitdem las ich mich durch die russische und französische Klassik, amerikanische Short Stories und was auch immer ich in der Bibliothek meiner Eltern finden konnte. Natürlich verstand ich bei Weitem nicht alles, aber die Freude an der Sprache war stärker als die mangelnde Lebenserfahrung, außerdem hatte ich das Gefühl, dass das Gelesene mich weiterbringen wird. Später, nach unserer Immigration nach Deutschland, kam ich kurz zur Jugendliteratur zurück – ich las mich durch alle Bände von „Hanni und Nanni“, weil für mehr mein Deutsch damals nicht ausreichte. Ich muss zugeben, dass ich sie widerwillig las, aber sie halfen dabei, die neue Sprache zu erforschen und später zu beherrschen. Mittlerweile bin ich mir überhaupt nicht mehr sicher, ob es überhaupt eine Jugendliteratur in der Sowjetunion gab, zumindest abseits des sozialistischen Realismus. Die Kinderbücher dagegen waren unglaublich schön – zumindest in meiner Erinnerung.

Vor fast sechs Jahren wurde ich zum ersten Mal Mutter und habe seitdem eine beträchtliche Anzahl von Kinderbüchern vorgelesen. Als Erstes las ich wieder die Klassiker meiner Kindheit und blieb oft ratlos zurück. Mit der sowjetischen Ideologie war nicht viel anzufangen, und die Sujets vieler anderer Bücher erschienen mir auf einmal wie ein Rätsel, was natürlich auch mit besagter Ideologie zusammenhing. Andere Werke wiederum waren noch immer wunderschön. Die Bibliothek meiner Kindheit war in Baku zurückgeblieben, und so fing ich an, russische Online-Buchläden nach den Klassikern meiner Kindheit zu durchforsten. Eines meiner Lieblingsbücher von früher ersteigerte ich für eine wahnsinnig hohe Summe auf Ebay, nur weigerten sich meine Kinder, es mit mir zu lesen.

Zeitgleich arbeitete ich mich durch die zeitgenössische Kinderliteratur: Vieles war großartig, manches fand nur ich gut und die Kinder eher schrecklich, durch manche quälten wir uns gemeinsam, andere waren einfach nur entsetzlich. Bei einigen klebte ich zuerst Seiten weg, weil sie rassistische Klischees transportierten und sortierte sie später doch aus. Seitdem entwickelte ich eine Sucht nach Kinderbüchern, wir haben an die zweitausend Bilderbücher, es hängt allerdings auch damit zusammen, dass wir besonders schöne Titel in mehreren Ausgaben besitzen – auf Russisch und Deutsch und manchmal auf Arabisch, oder nur auf Englisch, weil sie nicht übersetzt wurden, wie etwa „Islandborn“ von Junot Díaz.