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Was schert mich das Vergangene? Ich kann's ja doch nicht ändern. Am12. Juni wäre H. C. Artmann 100 Jahre alt geworden.
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Zum 100.Geburtstag

H. C. Artmann: Ich pfeife auf eure Regeln

Bei aller Widersprüchlichkeit, Unterschiedlichkeit und künstlerischen Differenz: Freiheit hieß das Zauberwort – der Ort unserer Sehnsucht. Für uns war dieser Ort nicht fantastisch, sondern ganz real. Ihn galt es zu erobern, beinah um jeden Preis. Zum 100. Geburtstag von H. C. Artmann.

Gelegentlich, wenn ein schöner Tag ist, geht es nach Oberösterreich hinüber, in den Kobernaußerwald. Von Salzburg aus wird das eine lange Fahrt. Wir fahren über Obertrum, am Grabensee entlang, über Mattighofen mit seinem wunderschönen, alten Marktplatz. Oder über Seekirchen, Straßwalchen, über Schneegattern und dann in den Kobernaußerwald hinein.

Der Wald ist liegt etwas höher als das Umland. Die Straßen dort sind leer und gerade, still und leer, es gibt kein Dorf, keinerlei größere Ansiedlung. Wir wussten da ein Gasthaus, ein einzeln stehendes Haus an einer Kreuzung im Wald: Die Wirtsstube ist klein, die Wirtskinder spielen nachmittags auf dem Boden, und gibt es Wäsche zu bügeln, steht die Wirtin mit dem Bügelbrett in der Stube und bügelt. Sie stellt uns Bier hin. Gegen fünf Uhr kommt ihr Mann heim, ein Lastwagenfahrer. Wir essen mit der Familie, es wird ja nichts anderes gekocht. Zeit, heimzufahren! Nacht. Eventuell ein paar Sterne am schwarzen Himmel. Bald fahren wir hintereinander, bald nebeneinander, aufgekratzt und beinahe wieder nüchtern gemacht von der kalten Nachtluft.

Emily, die kleine Tochter von H. C., hat sich mit siedendem Wasser böse verbrüht. Wir fahren zu unserem Verleger, Wolfgang Schaffler, uns zu beraten: Was tun? Er, der unserem Herumzigeunern skeptisch gegenübersteht, stellt uns in Anbetracht der Umstände Wein auf den Tisch. Dämmerung. Es regnet stark, als wir aufbrechen. Aus den Spurrinnen, die der Schwerverkehr in die Umfahrungsstraße gegraben hat, spritzt Wasser auf, im schweren Regen fahre ich hinter H. C. her.

Im Biergarten der Trumer Brauerei, unter den Kastanien, da ist gut sein. Die Zeit vergeht schnell, jetzt ist Abend. Über den bayrischen Hügeln steht tief noch die Sonne. Manchmal zerstreuen sich ihre Strahlen an einem schmalen Wolkenband. Aufbruch! So schwer es uns fällt, jetzt geht es zurück nach Salzburg. Meist fahren wir auf blauen Linien, das heißt, dort, wo keine Kontrollen zu erwarten sind. Es gibt eine bestimmte Stelle, wo die Straße geradeaus in die untergehende Sonne hineinzuführen scheint. Wir lassen die Lenker los, fahren in die untergehende Sonne hinein.

Als ich im Sommer 1975 Richtung Salzburg aufbrach, hatte ich eben meinen „Entwurf für eine Welt ohne Menschen“ veröffentlicht, als passender für das Kommende sollte sich der beigefügte „Entwurf zu einer Reise ohne Ziel“ erweisen. H. C. kannte ich bereits von meiner Arbeit für den Kunstmaler Ernst Fuchs her: Schon als Student hatte ich für den damals hoch angesehenen Kunstmaler ein, zwei Mal die Woche die Post erledigt. Später, als frischgebackener Doktor der Rechte, war ich Sekretär und Manager für Fuchs geworden. Meine damalige Ehefrau und ich gehörten jedenfalls bereits zum Anhang von H. C., der sich bei Auftritten, Lesungen oder Ähnlichem regelmäßig um ihn zusammenfand.

Noch während meiner Zeit bei Fuchs kam es dazu, dass der Residenz Verlag auf die Zusendung einiger meiner Manuskripte positiv reagierte. In diese Ära muss das vom Verleger Schaffler arrangierte Treffen mit H. C. gefallen sein, von dem an unsere Beziehung in ein anderes Stadium trat: Es war im Müllner Bräu, H. C. hatte sich ein gut durchgebratenes Grillhähnchen geholt, das konnte er gut essen – er zeigte mir, dass seine Vorderzähne stark wacklig waren. Im Übrigen sah er etwas käsig und übernächtig aus und doch – das damals scharf geschnittene Gesicht, das bardenhaft lange Haar, ein Samtjackett oder etwas in der Art, die Beine in knapp sitzenden Hosen und Halbstiefeln steckend –, insgesamt sah er pfiffig aus; ein wenig wie eine Gestalt aus einem Stück von Nestroy – oder, noch besser, aus einem von Raimund. Ich saß diesem H. C. in einem modischen Designeranzug samt Krawatte gegenüber, ein Schnurrbart nach Fasson der Beatles war vielleicht das einzig Bohèmehafte an mir. Gleichviel, bei etlichen Krügeln kamen wir einander rasch näher. H. C. lud mich in seine Unterkunft ein, ein schmales, gemauertes Gartenhaus, gleich gegenüber dem Brauhaus.