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Literatur

Psychotrip durch Europa

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Hari Kunzru lässt in „Red Pill“ einen Autor an den Extremen der Gegenwart verzweifeln.

Mit der Ankunft des namenlosen Ich-Erzählers am winterlichen Wannsee, wo er als Stipendiat einer Berliner Kulturstiftung einen mehrmonatigen Aufenthalt antritt, um an seinem Buch zu arbeiten und melancholisch über das „mittlere Alter“ zu grübeln, setzt der neue Roman von Hari Kunzru ein. Von Werner Löcher-Lawrence sensibel ins Deutsche gebracht, entwickelt die exakte Beschreibung der komplexen Innen- und Außenwelt des Protagonisten sogleich eine erstaunliche Sogwirkung.

Der 1969 in London geborene und heute mit seiner Familie in New York lebende Kunzru siedelt sein fiktives Deuter-Zentrum an jenem Ort an, wo sich die reale American Academy befindet, in der er selbst 2016 – es ist auch das Jahr der Roman-Handlung – als Fellow zu Gast war. Der Erzähler gibt sich als Einzelgänger, seine psychische Labilität ist anfangs nur unterschwellig wahrnehmbar. Bei der Erkundung der Umgebung stößt er auf das Grab Heinrich von Kleists, dessen Gesamtwerk er sich daraufhin aus der Bibliothek holt.

Getrennt von Ehefrau und Kleinkind möchte er die Zeit nutzen, um sein Buch voranzutreiben. Das erledigt er allerdings nicht im gemeinschaftlichen Arbeitsraum, sondern ungestört in seiner Dachmansarde. Die Absonderung von den übrigen Stipendiaten wird von der Leitung des Zentrums sowie von einigen Tischgenossen nicht goutiert. Schnell bauen sich Antipathien auf. Vom Kollegen Edgar fühlt sich der Protagonist regelrecht terrorisiert, das Zentrum, vermutet er, überwache ihn. Zu allem Überdruss erzählt ihm das Zimmermädchen Monika ihre erschütternde Lebensgeschichte als von der Stasi drangsalierte junge Sängerin einer Punkband in der ehemaligen DDR.