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Karrierebremse

Warum SMART-Ziele Frauen schaden

MGO
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Ziele sollen heute SMART sein, die Abkürzung für spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Bei Frauen betoniert das „Realistisch“ den Status quo.

Wenn sich Frauen Ziele stecken, haben die eines gemeinsam: Sie orientieren sich am Machbaren. So beobachtet es Christine Mark, Coachin, Mentorin und Design Thinking-Beraterin, bei den Frauen, die sie begleitet: „Sie fragen sich nicht, was will ich eigentlich? Sondern, was ist überhaupt möglich? Ein kleiner Aufstieg vielleicht, die nächste Ebene, wenn ich brav arbeite und jemand mich entdeckt.“

So blieben Frauenziele immer im Rahmen dessen, was frau sich vorstellen kann, quetschten sich bescheiden in den Platz, den sie noch erkennt. Der kann sehr eng sein, eingezwängt zwischen Haushalt, Familie und Pflege bliebe nur mehr Platz für ein kleines bisschen Karriere. Corona-Mütter wissen ein Lied davon zu singen: Die Lockdowns warfen sie auf ihre tradierten Rollen zurück. „So ist das halt“, interpretiert Mark diese schicksalsergebene Akzeptanz: „Die Männer haben es sich wieder gerichtet.“

In Coachings lernen Männer wie Frauen heute, sich ihre Ziele SMART (die Anfangsbuchstaben von spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert) zu stecken. Das Problem liegt für Mark in der weiblichen Interpretation des vierten Punkts, dem „Realistisch“. Dieser Punkt sei dazu da, die hochfliegenden Ideen von Männern auf den Boden der Tatsachen zu bringen: „Männer tun sich leicht mit dem visionären Denken. Sie holt man damit auf die Erde zurück.“

Was die anderen wollen

Weibliche Ziele wiederum seien automatisch realistisch und füllten bestenfalls die Spielräume in den schmalen Nischen, die Frauen noch blieben. Mark vergleicht mit To-Do-Listen und Einkaufszetteln: Hauptsache machbar. „Obendrein unterscheiden wir Frauen nicht zwischen dem, was wir wollen und was die anderen von uns wollen. Wir halten es für dasselbe.“

Dazu käme eine grundsätzliche Furcht vor Kritik und dem, was andere über uns reden. „Wir wollen alles gut machen und dafür gelobt werden. Tief in uns sitzt die Angst, die anderen könnten daraufkommen, dass wir nicht gut genug sind. Deswegen trauen wir uns nichts zu.“

Tagträumen erwünscht

So einfach die Lösung klingt, so schwer fällt sie vielen Frauen. Für Mark besteht sie im Loslassen des Machbaren, im schrankenlosen Visionieren. „Bewusst denken: Wenn alles möglich ist, was will ich dann?“ Ein Ziel sei dann gut, wenn man denke: „Das ist verrückt, das schaffe ich nie.“

Solche „großen“ Ziele erkenne sie an der Freude, der Energie, die sie freimachen. Sind sie einmal gefunden, solle man bewusst auf der Metaebene bleiben: „Frauen wollen sich immer konkret vorstellen, wie ihr Leben, ihr Traumjob, ihre Arbeit aussieht.“ Déjà vue: Dann orientierten sie sich wieder an dem, was sie schon kennen: „Der alte Job, nur ein bisschen besser.“ Die Metaebene helfe ihnen, diese Bahnen zu verlassen: „Gute Visionen machen offen für neue Möglichkeiten.“

Marks zweiter Ansatzpunkt ist zu lernen, Nein zu sagen. Im Privaten „den Partner in die Pflicht zu nehmen“, im Beruf „die eigene Gestaltungsmacht nutzen. Etwa keine Meetings nach 16 Uhr ansetzen bzw. nicht daran teilnehmen. In anderen Ländern funktioniert das auch.“

Die Ergebnisse, verspricht Mark, seien „sehr befreiend. Ist die große Vision erst einmal da, sind Themen wie fehlender Mut oder geringes Selbstvertrauen nur mehr Randerscheinungen. Dann steht der Umsetzung nichts im Weg.“

Auf einen Blick

Stecken sich Frauen Ziele, sind die per se bescheiden, findet Coachin Christine Mark. Deshalb verwehre ihnen die gän-gige SMART-Regel das Weiterkommen. In ihr steht der vierte Buchstabe für „rea-listisch“, er solle männliche Visionen auf den Boden bringen. Die weibliche Visionskraft blockiere er jedoch. Mark startet am 14. Oktober ihr Gruppenprogramm „Future Lab“ zum Thema. www.christine-mark.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11. September 2021)