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Wort der Woche

Brummende Erde

(c) imago images/Shotshop (PRILL Mediendesign & via www.imago-images.de)
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Die Erde brummt ständig vor sich hin – und wir Menschen tragen maßgeblich dazu bei. Das zeigten Messungen im Corona-Lockdown.

Die kilometerdicken Gesteinsschichten unter unseren Füßen sind das stabile Fundament, auf dem wir leben. Sollte man meinen – denn die Erde ist in ständiger Bewegung. Wir nehmen das nur bei größeren Erdbeben und den angerichteten Schäden wahr. Nicht spürbar sind für uns hingegen die vielen kleinen Bewegungen der Erdkruste. Etwa die mannigfaltigen Arten von Wellen, die von Vulkanausbrüchen und Spannungen in der Erdkruste ausgehen, um die Welt laufen, dabei abklingen und dann in einem seismischen Rauschen untergehen.
Es gibt aber auch andere Schwingungsphänomene, die man als „Erdbrummen“ (Earth's Hum) bezeichnet. Die Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, eine Rolle dürften Meereswellen und Wirbelstürme spielen. Diese Eigenschwingungen der Erde manifestieren sich in rund 60 Frequenzbändern zwischen 0,02 und 20 Hertz (Schwingungen pro Sekunde). Sie liegen unterhalb unserer Hörschwelle, sind aber mit Messgeräten erfassbar.

Auch wir Menschen tragen dazu bei, dass die Erde nicht zur Ruhe kommt. Man muss dabei nicht nur an Großereignisse wie Atombombenversuche, Sprengungen in Bergwerken oder beim Fracking in Erdöllagerstätten denken – auch alltägliche Handlungen, wie etwa Industrieproduktion, Bauarbeiten oder Straßen- und Bahnverkehr, gehen mit Vibrationen einher, die sich auf das Gestein übertragen.

Allerdings: Wie groß der menschliche Beitrag zum Erdbrummen ist, konnte bisher nicht beziffert werden. Denn es ist messtechnisch kaum möglich, diese Schwingungen von den natürlichen klar zu unterscheiden. Die Coronakrise hat das geändert: Der weltweite erste Lockdown im Frühling 2020 bot die einmalige Gelegenheit, mit hochempfindlichen Sensoren das natürliche Erdbrummen bei verringerten menschlichen Aktivitäten zu vermessen.

Schon erste Analysen im Sommer des Vorjahrs zeigten verminderte Schwingungen, v. a. bei höheren Frequenzen (zwischen vier und 14 Hertz) – und zwar nicht nur in dicht besiedelten Gebieten, sondern sogar in Tourismusregionen wie der Zugspitze (T. Lecocq et al., Science, 11. 9. 2020). Nun konnte der indische Forscher Surendra Nadh Somala die Stärke dieses Effekts anhand von Daten des weltweiten Seismologie-Netzwerks FDSN beziffern: Die Lockdowns bewirkten demnach eine Reduktion des Erdbrummens (bei zehn Hertz) um bis zu 18 Dezibel, vielerorts jedenfalls um mehr als zehn Dezibel (Scientific Reports, 8. 9. 2021).

Jetzt wissen wir also, wie laut wir Menschen in seismischer Hinsicht sind.



Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

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