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Film

"The Last Duel": Edle Ritter als Vergewaltiger

Matt Damon in "The Last Duel".
Matt Damon in "The Last Duel".(c) Disney
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In Ridley Scotts „The Last Duel“ wird eine Vergewaltigung aus drei Perspektiven geschildert. Welche die Wahrheit zeigt, ist schnell klar: Ein Ritterfilm für die #MeToo-Ära.

Ritterlich – so steht es im Duden – ist jemand, der „edel, vornehm, anständig und fair“ verfährt, der sich „zuvorkommend-höflich und hilfsbereit“ benimmt – „besonders gegen Frauen“. Das (Sprach-)Bild des mittelalterlichen Kriegers als Prototyp des modernen Gentlemans kommt nicht von ungefähr: Die Kodifizierung und Reglementierung der (höfischen) Liebe in Traktaten wie „De amore“ von Andreas Capellanus (12. Jahrhundert) oder Eberhard von Cersnes „Der Minne Regel“ (1404) lässt stellenweise selbst zeitgenössische Anstandsstützen – wie Apps, die Einvernehmlichkeit beim Sex sicherstellen sollen – schamlos aussehen.

Dass die ritterliche Realität den hehren Idealen meist hinterherhinkte, ist wohl trotzdem keine allzu verwegene Annahme. Oft dürften sich vermeintliche Kavaliere benommen haben wie Gawan in Wolfram von Eschenbachs „Parzival“: „Er griff ihr untern Mantel gar / die Hüfte rührt' er ihr, ich glaube: / Da ward er großer Pein zum Raube.“
Sieht man von unverblümter Mittelalter-Fantasy wie „Game of Thrones“ ab, sind Ritter in der Popkultur bislang dennoch relativ unbescholten davongekommen. Zu wirkmächtig ist wohl die Fantasie des strahlenden (oder hochästhetisch verdreckten) Recken, der Hoch zu Ross im Namen des Guten und Schönen zu Felde zieht.

Ridley Scotts jüngster Film „The Last Duel“ reißt diese Recken nun mit einem rohen Ruck vom Rappen. Der 83-jährige britische Regieveteran hat mit Schwertkampf-Epen wie „Königreich der Himmel“ (2005) selbst zum Ritter-Mythos beigetragen.

Aus seiner Bereitschaft, dem Zeitgeist zu folgen, machte Scott jedoch nie einen Hehl. Dass seine Genre-Revision nun aufgrund des Ankaufs des Fox-Studis vom Image-versessenen Disney-Konzern vertrieben wird, wirkt nur folgerichtig.

Ein Verbrechen, drei Perspektiven

Das „letzte Duell“, das vom Titel (und von den Eingangsszenen) des Films vorweggenommen wird, hat tatsächlich stattgefunden. Zwei Normannen, der Ritter Jean de Carrouges (bei Scott verkörpert von Matt Damon) und der Schildknappe Jacques Le Gris (Adam Driver), standen sich 1386 bei einem Gerichtskampf im heutigen Paris gegenüber. Carrouges ging es um die Ehre: Seine Frau Marguerite (Jodie Comer) warf Le Gris vor, sie in Carrouges Abwesenheit aufgesucht und vergewaltigt zu haben.

„The Last Duel“ rollt im Laufe von zweieinhalb Stunden die Ereignisse auf, die zur brutalen Konfrontation vor schaulustigem Publikum führten – und zwar drei Mal hintereinander. Wie in Akira Kurosawas Klassiker „Rashomon“ (1950) wird die Geschichte hier nämlich aus unterschiedlichen Perspektiven (und eingefärbt von unterschiedlichen Wahrnehmungen) erzählt. Im Unterschied zum japanischen Vorbild zeichnet sich allerdings schon recht früh ab, welcher Version zu trauen ist und welcher nicht.

Den Anfang macht Carrouge selbst. Matt Damon gibt ihn mit von narbigem Make-Up verunstaltetem Antlitz, doch die Figur passt perfekt zu seinem üblichen Rollenfach. Er ist ein einfältiger, aber im Grunde gutmütiger Kraftprotz, der Gerechtigkeit für seine Gattin fordert. Doch schon im zweiten Kapitel, das den Blickwinkel des (aus seiner Sicht freilich nur mutmaßlichen) Vergewaltigers Le Gris einnimmt, beginnt man am Attribut der Gutmütigkeit zu zweifeln. Allerdings scheint auch diese Schilderung dubios. Zumal sich der Erzähler nach Bekanntwerden der Anklage frappiert zeigt, dass der „gebräuchliche Widerstand“, den sein Opfer ihm entgegenbrachte, von Unwilligkeit zeugte.

Dass der Bericht der Frau deutlich als Wahrheit markiert ist, kann kaum als Spoiler gewertet werden. Er zeichnet ein unschmeichelhaftes Rittersittenbild, das es dem Publikum zum Teil sehr leicht macht, sich über die (männlichen) Figuren und ihre eitlen Machtspiele und Missbrauchsrechtfertigungen zu stellen: Wenn Vergewaltigung als „Sachbeschädigung“ firmiert, wähnt man sich wahrlich im finstersten Mittelalter.

Der Kniff mit den Perspektivwechseln ist aber ungewöhnlich genug, um die Spannung zu halten. Auch die Darsteller überzeugen: Damon spielt Carrouge von Kapitel zu Kapitel dumpfer und jähzorniger, Driver changiert geschickt zwischen den zwei Seiten seines Images, gibt den charmanten Bad Boy, später den gefährlichen Gewalttäter. Am Rande amüsiert Ben Affleck als dekadenter Graf von Alençon. Letztlich fallen sie alle in ein Fass voller toxischer Männlichkeit. Spätestens dann weiß auch der letzte im Publikum: Vergewaltigung ist kein Kavaliersdelikt.