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Kulturerbe

"All das ist mein Erbe. Ihr Erbe. Unser Erbe."

Mavie Hörbiger mit ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. „Wir müssen uns aktiv, entschlossen, klar und wissend gegen die wenden, die Kultur und Erbe umzudeuten versuchen“, sagte die Kulturerbe-Gewinnerin.(C) Die Presse/ Clemens Fabry
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Mavie Hörbiger nahm den Preis mit einem flammenden Appell zum Tätigsein entgegen. Überreicht wurde er ein letztes Mal von Alexander Wrabetz.

Dass die Welt komplex und mehrdeutig ist, ist eine Wahrheit.“ Diese teilte nicht nur die für die Kategorie Kulturerbe nominierte Malerin Xenia Hausner in ihrem ORF-Porträt mit dem Publikum der Austria-Gala. Dessen wurde man sich auch in der Dankesrede der letztendlichen Gewinnerin dieser Kategorie gewiss, wobei es weniger ein Dank als ein flammender Appell war, den Mavie Hörbiger den Anwesenden rasant entgegenschmetterte.

Mavie Hörbiger im "Presse"-Podcast

Die Schauspielerin ist heute auch in unserem Podcast zu hören. Dazu: Die Höhepunkte der Austria21-Gala aus den Sofiensälen.

Der Preis und der Begriff Kulturerbe scheinen sie sichtlich bewegt zu haben: „Ein Erbe, meine Damen und Herren, kann man ausschlagen, ein Kulturerbe nicht.“ Um dann mit ihrem höchsteigenen „Kulturerbe“ als Burgtheaterschauspielerin, die heuer beim „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen den Teufel „ohne Schwanz, den brauche ich dafür nicht“, sowie Gott gespielt hat, aufzuwarten. Sie skizzierte dafür die mehr oder weniger ambivalenten Leben von zehn Burgschauspielern, beginnend mit Paula Wessely, ihrer Großtante, „die im März 1938 die Besiegelung der Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich zutiefst begrüßte“.

Sympathie und Widerstand

Attila Hörbiger, ihren Großonkel, beschrieb sie ebenfalls als Nazi-Sympathisanten, komplexer wurde es mit Paul Hörbiger, ihrem Großvater, „der im März 1938 ebenfalls dazu aufrief, bei der Volksabstimmung für den ,Anschluss‘ zu stimmen, und sich im letzten Kriegsjahr einer Widerstandsgruppe anschloss, wofür er von den Nazis zum Tode verurteilt wurde“. Es folgten weitere Burgschauspieler, ins NS-Regime verstrickt wie Werner Krauß, der sich in Propagandafilmen wie „Jud Süß“ virtuos an jüdischen Zerrbildern versuchte, sich zum stv. Präsidenten der Reichskammer machen ließ und 1954 den lffland-Ring erhielt. Und Burgschauspieler, die vertrieben und ermordet wurden, wie Fritz Straßni, der 1942 in Theresienstadt starb, oder Lilly Karoly, die nach Auschwitz deportiert werden sollte und in letzter Sekunde fliehen konnte. „Bei ihrer Rückkehr 1946 ins Burgtheater wurde sie mit den Worten begrüßt: ,Jessas, was machst denn du da?‘“, weiß Hörbiger zu erzählen.

Dürfen uns dem Erbe nicht entziehen

„All das“, kam sie zu einer Conclusio, „ist mein Erbe. Ihr Erbe. Unser Erbe. Wir können und dürfen uns ihm nicht entziehen. Dieses Erbe bedeutet Verantwortung und Verpflichtung.“ Und zwar zum Handeln und zum Tätigsein „gegen Rechtspopulisten, gegen Verschwörungstheoretiker, gegen Coronaleugner, gegen Rassisten, gegen Chauvinisten, gegen Demagogen und Simplifizierer.“ Das sei die Verpflichtung, die aus unserem Kulturerbe erwächst: „Nehmen wir sie an. Sie, ich, wir alle. Damit wir irgendwann acht Millionen Österreicherinnen des Jahres in der Kategorie Kulturerbe haben.“

Nehmen wir die Verpflichtung und Verantwortung an. Sie, ich, wir alle. Damit wir irgendwann acht Millionen Österreicher des Jahres in der Kategorie Kulturerbe haben.

Mavie Hörbiger, Burgtheater-Schauspielerin

Der Applaus ließ zumindest einen überraschend starken Wunsch erkennen, ebenfalls einmal in dieser Kategorie zu landen. Überraschend in diesem Zusammenhang auch das eindeutige Bekenntnis des neuen Außenministers, Michael Linhart, auch wenn dieses bei der Überreichung des Preises in einer anderen Kategorie fiel: Auf die Frage, wie er als Diplomat die Wahrnehmung Österreichs von außen erlebt habe, sagte er klar, es würde als Kulturnation wahrgenommen. Was einer inhaltlichen Aufwertung der österreichischen Kulturforen unter seiner Ägide durchaus Hoffnung verleihen könnte.

Die Austria-Statuette an Mavie Hörbiger verlieh aber ein letztes Mal der scheidende ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. Für ihn stand damit der ganze Tag schon im Zeichen der Kultur, er kam von der Feier des zehnten Geburtstags des jüngsten ORF-Kanals, des Kultursenders ORF III.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2021)