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Interview

Platter: „Nicht nur wirtschaftliche Daten sind wichtig, auch soziale“

LH Guenther Platter
Günther Platter ist seit 2008 Landeshauptmann von Tirol. Nur Eduard Wallnöfer war noch länger Landeschef.(C) Thomas Böhm
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Tirols Landeshauptmann, Günther Platter (ÖVP), über die Wintersaison, warum im Tourismus künftig Qualität statt Quantität gilt, und über die Frage, wie lang er noch Landeschef bleiben wird.

Wie sorgenvoll sehen Sie wegen der Coronapandemie der kommenden Wintersaison entgegen?

Günther Platter: Mir ist wichtig, dass es überhaupt eine Wintersaison geben wird – und das ist mit den Regeln, die vom Bund, den Ländern und der Branche gemeinsam erarbeitet worden sind, sichergestellt. Für uns in Tirol ist auch entscheidend, wie es bei unseren Nachbarn weitergeht – mit Deutschland etwa. Auch dort gab es den Paradigmenwechsel, dass man nicht mehr nur auf die Inzidenz, sondern vor allem auf die Belegung der Intensivstationen schaut. Wir hatten heuer eine tolle Sommersaison mit einer sehr guten Bettenbelegung. Ich höre aus der Branche auch, dass die Buchungslage für den Winter eine sehr gute ist. Die Gäste kommen nach Tirol, wir schauen optimistisch in die Zukunft – immer vorausgesetzt, dass es keinen neuen Lockdown gibt. Und den wird es in der Form, wie wir es kennen, nicht mehr geben.

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Soll man nur Nichtgeimpfte in einen Lockdown schicken, wenn es in den Spitälern wieder kritisch wird, damit sie sich nicht anstecken?

Das halte ich für sehr schwierig. Man wird durchaus zusätzliche Einschränkungen machen müssen für Nichtgeimpfte – etwa in der Gastronomie oder beim Après-Ski. Solche Einschränkungen halte ich für sinnvoll, aber einen völligen Lockdown für Ungeimpfte kann ich mir nicht vorstellen.Können Sie sich vorstellen, dass es ein Skiverbot für Nichtgeimpfte gibt?

Die 3-G-Regelung ist gut und funktioniert, wir setzen auch im Winter darauf. Genauso wie Bayern und Südtirol. Die Vorschriften können die Skigebiete erfüllen und auch gut kontrollieren.

Was hat man aus den teilweise chaotischen Zuständen rund um Corona im vergangenen Jahr in Tirol gelernt?

In der ganzen Welt wusste man zu Beginn nicht, wie man dem Virus umgehen soll. Wir haben alle sehr viel gelernt. Wir haben insbesondere gelernt, dass man die Pandemie nur gemeinsam mit der Bevölkerung bewältigen kann. Die Menschen müssen mitziehen, dafür bedarf es klarer Regeln, die auch rechtzeitig erlassen werden, damit man sich darauf einstellen kann. Wir haben gelernt, dass ganz klare Ansagen notwendig sind – man darf die Menschen nicht verwirrt zurücklassen. Was ich nicht verstehe, ist, dass es eine Partei gibt, die militant gegen das Impfen aufsteht und mobilisiert. Diese Partei weiß genau, dass sie damit einen schweren Schaden anrichtet.

Kommt bei der Partei, der FPÖ, Populismus vor Verantwortung?

Ja, ganz massiv, das ist Populismus. Die Verantwortung für das Land und die Menschen wird nicht wahrgenommen.

Kann man sich vorstellen, mit so einer Partei wieder zusammenzuarbeiten?

Eine Koalitionsansage hören Sie von mir jetzt sicher nicht.

Hat das Image Tirols unter den Diskussionen über Ischgl und die Vorgehensweise der Behörden nachhaltig gelitten oder ist das überstanden?

Das entscheiden die Gäste. Die Buchungslage für den Winter ist auf jeden Fall gut. Aber natürlich hat Tirol darunter gelitten, deshalb sind wir jetzt auch besonders bemüht, sensibel mit der Pandemie umzugehen und unseren Gästen die größtmögliche Sicherheit zu bieten. Dass wir das können, haben wir im Sommer bewiesen, da gab es bei uns überhaupt keine Probleme.

(C) DiePresse

Der Tourismus macht etwa 20 Prozent des Tiroler Bruttoinlandsprodukts (BIPs) aus. Das ist ein sehr hoher Prozentsatz – wenn es Probleme im Tourismus gibt, kracht das ganze Land.

Das muss man relativieren. Der Wirtschaftsstandort Tirol ist breit aufgestellt. Wir haben in unserem Land auch Industrie, die aber in der öffentlichen Wahrnehmung zu kurz kommt, obwohl sie prozentmäßig gleich stark ist. Und dann gibt es natürlich noch die vielen Klein- und Mittelbetriebe und den Dienstleistungssektor.

Aber man lebt primär vom Tourismus.

Es stimmt, dass wir die Top-Tourismusdestination in den Alpen sind. Wir versuchen hier gerade einen Paradigmenwechsel mit dem neuen „Tiroler Weg“. Es soll nicht mehr so sehr auf Nächtigungszahlen und auf immer neue Rekorde ankommen, sondern gelten soll: Besser ist mehr Qualität statt Quantität. Es geht nicht mehr nur um Übernachtungszahlen, sondern um die Zufriedenheit aller Involvierter – um jene der Gäste ebenso wie um jene der Mitarbeiter. Nicht nur wirtschaftliche Daten sind wichtig, sondern auch soziale. Und es geht genauso um Nachhaltigkeit und um die Umwelt, alle Tiroler Tourismusregionen sollen dafür entsprechende Kriterien schaffen.

Sie haben im Sommer ja angekündigt, die Tourismusbetten auf 330.000 beschränken zu wollen. Dann hat sich schnell herausgestellt, dass das die öffentliche Hand nicht einfach so verordnen kann.

Das war eine Zielsetzung, wohin sich der Tourismus entwickeln soll. Niemand hat behauptet, dass dieses Limit gesetzlich verankert wird. Wie soll das auch gehen? Das Bestreben ist aber auf jeden Fall da, diese Zielvorgabe unseres Leitbildes „Tiroler Weg“ gemeinsam mit den Partnern vor Ort zustande zu bringen.

Heißt Qualität statt Quantität auch, dass man eher auf Umsätze verzichtet, als Zugeständnisse bei der Qualität oder der Art der Gäste zu machen?

Wenn manche glauben, Umsätze durch einen übertriebenen Partytourismus machen zu wollen, dann sage ich: Das brauchen wir in Tirol nicht, da verzichten wir lieber auf diese Umsätze. Der Partytourismus, den es jetzt gibt, beschränkt sich auf ein paar Orte. Tirol ist anders, und Tirol ist mehr.

Zur Qualität gehört auch, dass man entsprechend viele und gute Mitarbeiter hat. In Tirol müssen manche Hotels die Zahl der Gäste beschränken, weil sie nicht genügend Mitarbeiter haben. Was kann man tun?

Das Problem haben wir leider nicht nur im Tourismus, sondern auch im Handwerk, in allen Branchen, sogar einfache Hilfskräfte fehlen. Das ist insgesamt ein riesiges Problem, das nicht nur Tirol betrifft, sondern ganz Österreich.

Was läuft falsch?

Einerseits haben wir eine gute Wirtschaftslage, es gibt viele Jobs. In Tirol haben wir eine Arbeitslosenquote von 3,6 Prozent – das ist mehr oder weniger Vollbeschäftigung. Andererseits müssen die Unternehmen den Mitarbeitern mehr bieten. In Tirol sind wir diesbezüglich schon sehr weit. In der Hotellerie werden eigene Häuser mit guter Infrastruktur fürs Personal errichtet, deren Bau wir als öffentliche Hand auch unterstützen, es gibt eine Fünftagewoche und ein breites Freizeitangebot – die Mitarbeiter müssen nicht mehr, wie vielleicht früher einmal, fast rund um die Uhr verfügbar sein. Wichtig wird weiterhin sein, dass man ausreichend Saisonniers beschäftigt, denn diese sind von zentraler Bedeutung für den Tourismus.

Wir haben noch immer viele Arbeitslose. Sind die Regeln zu großzügig, so dass manche lieber arbeitslos bleiben, als im Tourismus zu arbeiten?

Wichtig ist, dass man jenen hilft, die plötzlich ihren Job verlieren. Die Menschen haben Familien, sie müssen Miete zahlen, Betriebskosten, Essen einkaufen – man muss die Menschen auf jeden Fall unterstützen, wenn sie keine Arbeit mehr haben. Eine gute soziale Absicherung ist wichtig.

Aber?

Wenn es ein gutes Jobangebot gibt, wenn man die Möglichkeit hat, wieder arbeiten zu gehen, dann muss man auch wieder arbeiten gehen. Wenn das jemand nicht machen will, dann wird man ihm das Arbeitslosengeld streichen müssen. Das ist nämlich ein sehr unsoziales Verhalten.

Sind Sie für ein degressives Arbeitslosengeld?

Wenn man adäquate Jobs angeboten bekommt und arbeiten kann, aber partout nicht arbeiten will, dann sollte das Arbeitslosengeld auch reduziert bzw. gestrichen werden können.

Sie haben zuvor die Industrie angesprochen. Swarovski, der bisher größte industrielle Arbeitgeber in Tirol, hat Hunderte Stellen gestrichen. Sind in Tirol, in Österreich generell, die Arbeitsplätze nicht zu teuer für die Industrie?

Nein. Novartis baut beispielsweise massiv aus und beschäftigt bereits jetzt mehr als 4500 Mitarbeiter in Tirol. Sie hätten auch die Möglichkeit gehabt, woanders neue Arbeitsplätze zu schaffen, aber sie haben sich für Tirol entschieden, weil es ein attraktiver Standort ist. Auch das Plansee-Werk entwickelt sich hervorragend. Bei Swarovski geht es vor allem um die zunehmende Konkurrenz und um interne Diskussionen.

Wie kann sich Tirol attraktiver machen für Firmenansiedlungen?

Beispielsweise durch eine Internationalisierung. Wir haben eine internationale Schule in Kufstein, vom Kindergarten bis zur Matura werden die Schüler von Native Speakern unterrichtet. Das werden wir weiter ausbauen, in Innsbruck wird es eine Europaschule geben. Wir müssen insgesamt im Bildungssystem internationaler werden, damit einerseits die jungen Leute hinaus in die Welt können, um dann wieder gut ausgebildet nach Tirol zurückzukehren. Andererseits für internationale Arbeitskräfte, damit sie mit ihren Familien nach Tirol kommen. Dafür brauchen wir ein internationales Angebot, an dem wir aktuell arbeiten.

Tirols Wirtschaft lebt zum großen Teil auch von Klein- und Mittelbetrieben. Viele davon sind aufgrund der dünnen Eigenkapitalquote in der Pandemie wirtschaftlich unter Druck geraten. Wie kann man sie unterstützen?

Die Unternehmen haben die Krise bisher gut überstanden, es gab auch wegen der vielen Hilfen vom Staat wenig Pleiten. Da kommt sicher noch etwas, aber es ist bisher nicht dramatisch. Wenn man in die Schweiz schaut, dort ist es den Unternehmen wirklich schlecht gegangen.

Wie lang wird Tirol im Budget diese Coronapandemie noch spüren?

Wir hatten eine gute Ausgangslage, wir hatten acht Jahre lang ein Nulldefizit und waren sehr gut aufgestellt. Wegen Corona haben wir viel Geld in die Hand genommen, um die Auswirkungen der Pandemie bestmöglich abzufedern. Mein Ziel ist, dass die Finanzschulden des Landes die Grenze von einer Milliarde Euro nicht überschreiten und wir mit dem Doppelbudget 2024/2025 wieder in Richtung Nulldefizit gehen.

Heißt: Der Landeshauptmann dann noch Günther Platter?

Die Absicht ist da.

Sie haben angekündigt, dass ie 2023 noch einmal als Spitzenkandidat antreten. Gegenüber der Austria Presse Agentur haben Sie gesagt, Sie seien kein Teilzeit-Landeshauptmann. Heißt das, Sie werden 2028 auch noch einmal kandidieren?

Wenn man sich der Wahl stellt, wird man nicht zwei Jahre später zurücktreten.

Also treten Sie 2028 auch noch einmal an?

Lassen wir die Kirche im Dorf.

Zur Person

Günther Platter, 1954 in Zams geboren, ist seit

1. Juli 2008 Landeshauptmann von Tirol – nach Eduard Wallnöfer der längstdienende. Ursprünglich lernte Platter Buchdrucker, trat dann (1976) in die Gendarmerie ein und versah in Landeck und Imst seinen Dienst, unter anderem war er im Alpinismus und im Kriminaldienst eingesetzt. Seine politische Karriere begann Platter 1986 als Gemeinderat der ÖVP in Zams. Später war er Bürgermeister (1989 bis 2000), dazwischen auch Abgeordneter zum Nationalrat. 2003 wurde Platter in der ÖVP-FPÖ-Regierung unter Wolfgang Schüssel Verteidigungsminister, von 2006 bis 2008 leitete er in der SPÖ-ÖVP-Regierung das Innenministerium.

Impressum

„Austria's Leading Companies“ wird von der „Presse“-Redaktion in völliger Unabhängigkeit gestaltet und erscheint in Kooperation mit dem KSV1870 und PwC Österreich. ALC wird unterstützt von A1, Casinos Austria, Commerzbank, Donau Versicherung, Škoda, TÜV Austria und Zero Project.

Redaktion: Hans Pleininger,
hans.pleininger@diepresse.com

Autoren: Norbert Rief, Christian Scherl
Online: Marc Kiemes-Faucher
Grafik: Linda Gutzelnig, Martin Misarz
Infografik: Gregor Käfer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2021)