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Online-Plattform

Ein Atlas für Streifzüge durch Österreichs Artenvielfalt

Getty Images
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Der digitale „Biodiversitäts-Atlas Österreich“ stellt kostenlos Daten und Visualisierungen zur Vielfalt von Pflanzen, Pilzen und Tieren zur Verfügung. Die Informationen stehen nicht nur der Forschung für Analysen und Recherchen offen, sondern allen.

Wer Datenbanken als eher sperrig-trockene Informationsquelle empfindet, wird überrascht sein, im „Biodiversitäts-Atlas Österreich“ eine Runde „Spinning Wheel“ spielen zu dürfen. Das sich drehende Rad auf der Einstiegsseite des Internetportals wählt per Zufallsgenerator ein Lebewesen aus – Tier, Pflanze oder Pilz – und stellt dem Nutzer frei, sich damit zu beschäftigen. Ob das Rad nun beim schwarz glänzenden Laufkäfer Abax bonelli stehen bleibt oder beim Peruanischen Sauerklee Oka: Immer werden die Standorte bisheriger Funde, die genaue Klassifikation, akzeptierte Bezeichnungen, Literaturhinweise und andere Informationen in Text-, Grafik- oder Bildform angeboten.

Schließlich soll das frei zugängliche Online-Portal nicht nur der Wissenschaft, sondern verschiedenen Nutzergruppen zur Verfügung stehen, also auch für politische Akteure, Naturschützer oder Schüler. „Die Datenbank ermöglicht es, Daten, die in Österreich zur Artenvielfalt generiert werden, für alle nutzbar zu machen und so das Verständnis für Biodiversität und Ökosysteme über alle Bevölkerungsschichten hinweg zu stärken“, sagt Tanja Lumetsberger, Projektverantwortliche für den Biodiversitäts-Atlas Österreich. Auch die breite Öffentlichkeit sei zum „Arten-Stöbern“ oder auch zum virtuellen Durchforsten einer Region in Bezug auf deren Artenvorkommen eingeladen.

Die Plattform ist allerdings nicht mit einer Online-Enzyklopädie zur Schnell-Information zu verwechseln, schließlich ist sie darauf ausgelegt, auch Forschenden neue Informationen zu bieten. Für private Nutzer wird die wissenschaftliche Ausrichtung sehr bald an der Vielzahl der Daten und ihrer akribischen Aufbereitung ersichtlich. Das Portal verwendet ein sogenanntes taxonomisches Rückgrat, also eine festgelegte Systematik, nach der Arten zugeordnet werden. Dadurch „erkennt“ eine Datenbank zum Beispiel ein Tagpfauenauge als Schmetterling und als Insekt, das zum Stamm der Gliederfüßer gehört.

Unterschied zu Citizen Science

Übrigens handelt es sich bei dem Atlas nicht um ein Citizen-Science-Projekt für Einträge privater Naturbeobachtungen. Zwar fließen auch Daten aus Citizen-Science-Projekten mit ein – etwa aus der internationalen Meldeplattform iNaturalist, die Forschungsqualität erreicht haben. Der Biodiversitäts-Atlas ist jedoch als Datenaggregator zu verstehen – als eine Datenbank, die Daten aus unterschiedlichen anderen Datenbanken zusammenbringt und den Nutzern gesammelt zur Verfügung stellt. Für die Zusammenführung und Aufbereitung der Daten ist Tanja Lumetsberger in ihrer Funktion als Co-Leiterin des „Biodiversitäts-Hub“ an der Donau-Universität Krems zuständig. Die ausgebildete Biologin und Ökologin arbeitet daran zusammen mit einem Informatiker.

Im Team entwickeln die beiden den Atlas, der durch Förderungen des Landes Niederösterreich umgesetzt werden konnte und vor zwei Jahren online ging, seither laufend weiter. Als Quellen werden dafür einerseits Datenbanken herangezogen, die bereits online verfügbar sind, etwa von großen österreichischen Museen oder Institutionen. Ebenso werden jedoch Daten einbezogen, die nur offline vorhanden sind, zum Beispiel in Form von Excel-Tabellen. „Besonders jene Daten, die noch nicht online frei zugänglich sind, versuchen wir zu mobilisieren und verfügbar zu machen“, sagt Lumetsberger. Durch eine Kooperation mit der Global Biodiversity Information Facility Austria sei der Datenbestand vor Kurzem auf über sieben Millionen Funddaten angewachsen.

Als Grundlage verwendet der Biodiversitäts-Atlas Österreich die Open-Source-Infrastruktur des „Atlas of Living Australia“ (ALA) – der nationalen Biodiversitätsdatenbank Australiens. Sie ermöglicht laut Lumetsberger besser als andere Modelle, Daten mit Kontexten zu verknüpfen, die für verschiedene Nutzergruppen relevant sein könnten. „Darüber hinaus können wir aufgrund der Open-Source-Infrastruktur den Atlas unseren Wünschen entsprechend anpassen und weiterentwickeln.“ Das anfangs erwähnte Spinning Wheel ist eine dieser Eigenentwicklungen – weitere sollen folgen.

Mehr: https://biodiversityatlas.at

Lexikon

Biodiversitäts-Informatik, nicht zu verwechseln mit Bioinformatik, ist eine Spezialisierung an der Schnittstelle von Biologie und Informatik, die im Zuge des wachsenden Interesses am Erhalt biologischer Arten – laut Tanja Lumetsberger – zunehmend nachgefragt wird. Ziel dieser Teildisziplin ist, Daten, Messwerte und andere Informationen zur Artenvielfalt digital zu speichern, zu verarbeiten und zu präsentieren. Es braucht dafür sowohl naturkundliches Wissen und die Kenntnis bestehender Datenbanken als auch die Anwendung informatischer Analysemethoden und Informationstechnologien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2021)