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Junge Forschung

Eine Diagnostikerin für Beton

Ob Betonrecycling, „Römerbeton“ in Carnuntum oder Betonmikroskopie – Helga Zeitlhofer setzt sich mit allen Facetten des Materials auseinander.
Ob Betonrecycling, „Römerbeton“ in Carnuntum oder Betonmikroskopie – Helga Zeitlhofer setzt sich mit allen Facetten des Materials auseinander.Die Presse/Clemens Fabry
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Die Materialwissenschaftlerin Helga Zeitlhofer erforscht Prozesse in Beton und Zement. Neues Wissen kann helfen, Schäden zu entdecken und nachhaltigere Baustoffe herzustellen.

Es ist nicht alltäglich, dass jemand mit hörbarer Begeisterung über das Thema „Chloridkorrosion“ spricht. Ein Forschungsprojekt dazu sei jedoch das, was ihr „im Moment am meisten Freude macht“, sagt Helga Zeitlhofer. Die Korrosion, die Chloride, also Verbindungen des chemischen Elementes Chlor, etwa bei Objekten aus Stahlbeton verursachen, kann zu großen Schäden führen. Die Materialwissenschaftlerin arbeitet zusammen mit Expertinnen und Experten des Grazer Zentrums für Elektronenmikroskopie (ZFE) an neuen Möglichkeiten, um den Chloridgehalt im Beton festzustellen. Das ist von großer Bedeutung, um notwendige Instandsetzungsarbeiten einzuleiten.

Wie ein roter Faden zieht sich das Material Beton durch die Forschungsvorhaben der Technikerin, egal, ob es um Betonrecycling geht, um „Römerbeton“ für Restaurierungsarbeiten in Carnuntum oder um Betonmikroskopie zur Diagnose möglicher Schadensursachen. Petrologie, also die Wissenschaft von der Entstehung und den Eigenschaften der Gesteine, habe sie schon während des Studiums fasziniert, so Zeitlhofer, „wegen der damit verbundenen Techniken, etwa der Mikroskopie, aber auch wegen der Chemie und der Untersuchungen am und im Gestein“. Gleichzeitig sei sie immer schon an Umweltthemen interessiert gewesen.

Techniken aus der Geologie nutzen

In ihrer heutigen Tätigkeit könne sie viele Techniken aus der Geologie auf zementgebundene Systeme anwenden. Seit einigen Jahren arbeitet die Wissenschaftlerin bei Smart Minerals, einer von der TU Wien und dem Forschungsinstitut der Zementindustrie gegründeten GmbH mit Laborbetrieb. Das Unternehmen betreibt angewandte Forschung, ist aber auch als Prüf- und Inspektionsstelle akkreditiert. Für Zeitlhofer ist es besonders attraktiv, dort mit spezieller Infrastruktur arbeiten zu können. So steht für das eingangs erwähnte Projekt „Chloridkorrosion“ seit einem Jahr ein Mikroröntgenfluoreszenzspektrometer zur Verfügung, das international für diesen Bereich bisher noch kaum angewandt wird. Die damit verbundene Methode der Mikroröntgenfluoreszenzanalyse (μ-RFA) eröffnet neue Wege. Durch solche Untersuchungen sei es möglich, Feststoffproben, etwa einen Bohrkern, zur Gänze in das Gerät zu legen und Punkt für Punkt abzurastern, statt sie wie bisher zu pulverisieren: „Wir konnten dadurch sehr viele neue Erkenntnisse dazu bekommen, wie das Chlorid eindringt, welchen Chloridgehalt man Punkt für Punkt hat, wie sich Risse auf das Chloridsystem auswirken und ob man überhaupt herkömmliche Methoden für Prognosen heranziehen kann.“

Finanziert werden konnte diese Forschungsinfrastruktur unter anderem durch Mittel der Austrian Cooperative Research (ACR), eines Forschungsnetzwerks, das vor allem wissenschaftliche Projekte mit Relevanz für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) fördert. Das Arbeiten in einem KMU kennt Zeitlhofer auch aus eigener Erfahrung, sie war während ihres Doktoratsstudiums zwei Jahre für eine Umwelttechnikfirma tätig.

Umweltbezogen – auch privat

„Dass ich dann letztlich doch in der Materialwissenschaft gelandet bin, liegt daran, dass dort viel mehr unterschiedliche analytische Techniken eingesetzt werden“, meint die Forscherin. „Das hat mir sehr zugesagt.“ Zudem sei es in ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit ebenso möglich, ihrem Umweltinteresse nachzugehen, etwa in Projekten zur Verwendung von alternativen Rohstoffen bei der Zementherstellung.

Das Prinzip Nachhaltigkeit hat Zeitlhofer auch zu einem neuen Hobby gebracht. Während der Pandemie hat die Mutter zweier Kinder das Nähen für sich entdeckt. Sie stellt mindestens wöchentlich ein Kleidungsstück her und bessert schadhafte Textilien aus. „Wir gehen viel zu schleißig mit Kleidung um und sehen gar nicht, was bei der Produktion dahinter steht“, sagt sie. Und selbst beim hobbymäßigen Nähen empfiehlt die Forscherin eine solide Technik: „Erst durch eine gute Nähmaschine entsteht die Freude daran.“

Zur Person

Helga Zeitlhofer (38) wuchs im Waldviertel auf. Sie studierte Geologie am Geozentrum der Universität Wien, wo sie auch promovierte. Während ihrer Doktoratszeit war sie bei einer Umwelttechnikfirma beschäftigt. Seit ihrer Promotion arbeitet sie bei der Smart Minerals GmbH im Bereich der Materialwissenschaften und ist auf zementgebundene Systeme spezialisiert.

Alle Beiträge unter: www.diepresse.com/jungeforschung