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Literatur

Ohne Zweifel geht gar nichts

Wolfgang Müller-Funk stellt jede verfestigte Meinung infrage, ohne sich einem totalen Relativismus zu verschreiben.

„Beiträge zur Philosophie in ungefügten Zeiten“ untertitelt Wolfgang Müller-Funk seine Sammlung von Essays, Kommentaren und Miniaturen, von denen viele bereits in Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind. So divergierend sie in ihrer Thematik sind – der Autor ortet in der Grundhaltung des Zweifelns, den er auch als Kulturtechnik versteht, die jeden unverrückbaren Standpunkt, jede verfestigte Meinung infrage stellt, ohne sich einem totalen Relativismus zu verschreiben, eine nahezu existenzielle Lebens- und Ausdrucksform. Das Narrativ, verstanden als sinnstiftender Erzählkomplex, und der Essay bilden den methodischen Rahmen, innerhalb dessen der Autor Ansätze zu einer politischen Philosophie entwickeln will.

Ein Ärgernis für ihn ist die zunehmende Wahrnehmungsverweigerung liberaler Tendenzen, welche im politischen und gesellschaftlichen Diskurs unterzugehen drohen. Dies wird in fast allen Aufsätzen deutlich, wobei der Zweifel gelegentlich zugunsten eines Urteilens vorsichtig zurückgenommen wird – etwa wenn es um Identitäten, Nationalismen, Schuldzuweisungen und Sündenböcke geht. Der Autor scheut sich auch nicht, wider den Zeitgeist zu schreiben. So wird der Trend, Minoritäten zur heiligen Kuh zu erheben und Political Correctness dort einzufordern, wo sie ans Absurde grenzt, scharf kritisiert. Der Zweifel richtet sich auch gegen die gern geschwungene Moralkeule, die fast immer mit einer Subversion von Kommunikation Hand in Hand geht. Damit wird der offene Diskurs, die Anerkennung der Andersheit, zugunsten eines Beharrens auf der eigenen Identität und Überheblichkeit untergraben. Wie ambivalent viele der gängigen gesellschaftlichen Topoi sind, zeigen etwa die Überlegungen zu den Begriffen Heimat und Grenze oder zum Verlust des historischen Bewusstseins. Aufzeichnungen zu brandaktuellen Ereignissen dürfen auch nicht fehlen, wie die im März 2020 verfassten Eindrücke der durch Corona bedingten Quarantäne. Treffsicher wird die Pandemie als Herausforderung für die demokratische Zivilisation skizziert und der Spagat der Politik konterkariert, die sich gezwungen sieht, grundrechtliche Errungenschaften durch ans Autoritäre grenzende Maßnahmen außer Kraft zu setzen.