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Im Brut

"PoLy-Mirrors": Feminine Jamsession mit Tanz-Performance

Percussionistin Evi Filippou steht im ständigen Dialog mit den Tänzerinnen (hier: Lucie Piot).Brut/Christine Miess
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Naïma Mazic feiert mit ihrem sensiblen Stück „PoLy-Mirrors“ die Weiblichkeit – inspiriert von Madonnen-Darstellungen, Peepshow-Posing und Gemälden des Manierismus. Den Takt gibt die Live-Percussionistin vor, die selbst den namengebenden Spiegeln Töne entlockt.

Evi Filippou trommelt und spielt an diesem Abend auf allem, was sich als Percussion-Instrument eignet. Oder auch nicht. Auf den Drums, natürlich. Auf kleinen Glöckchen für die leisen Nuancen. Auf ihrer Sitzgelegenheit. Auf dem Boden. Auf den Spiegeln, die von der Decke hängen und dem Stück den Namen geben („PoLy-Mirrors“, heute noch im Brut), bis einer davon zerspringt. Auf einem mit Wasser gefüllten Tablett, dass es nur so spritzt. Und auf der Plattform, von der sich wenige Minuten zuvor die zwei Tänzerinnen wie auf der Drehbühne einer Peepshow präsentiert hatten. Keuscher allerdings – auch wenn durch den changierenden Organza ihrer Oberteile die Brüste durchschimmern. Die beiden wirken in ihren sich spiegelnden Bewegungen versunken und konzentriert, mitunter geradezu entrückt.

Der leicht geneigte Kopf unter einem durchscheinenden Schleier, die Augen in die Weite gerichtet – so erinnern die Tänzerinnen Yuika Hashimoto und Lucie Piot an Madonnen-Bilder. Würdig und ernst. Dann wieder erinnern die beiden an Yogis oder asiatische Tempeltänzerinnen. Der Griff mit gespreizten Fingern an die Brust ist inspiriert vom Doppelporträt der Gabrielle d'Estrées und einer ihrer Schwestern (Schule von Fontainebleau, um 1600). Bis heute gibt dieses Gemälde Rätsel auf. Deutet die Geste auf eine Schwangerschaft hin?

Weibliche Urkraft, leise und stark

Kurz vor Schluss lässt Choreografin Naïma Mazic die beiden Performerinnen ein imaginäres Baby schaukeln. Wie es hier überhaupt um die weibliche Urkraft, die leise und unaufdringliche Stärke zweier Frauen geht. Selbst wenn die beiden mit weit gespreizten Beinen auf ihrer Plattform sitzen, als würden sie – mit undefinierbarer Miene – auf den nächsten Freier warten, wirken sie unabhängig und stark. Einmal liegen sie keck auf der Seite, den Kopf auf den aufgestellten Arm gestützt, die andere Hand einladend auf der Hüfte. Wer kommen darf, entscheiden nur sie.

Mazic feiert mit diesem sensiblen Stück die Weiblichkeit. Der Rhythmus (Komposition: Elias Stemeseder) basiert auf dem Menstruationszyklus. Zugegeben, das fällt einem nicht ein, wenn man das Programmheft nicht gelesen hat. Aber da sind plötzlich elektronische Plopp-Geräusche, die so gar nicht in das Soundprofil dieses Stückes passen wollen. Sie stören. Und reißen die Tänzerinnen aus ihren Posen, ihrem Fluss – plötzlich gehen sie wie mechanisch vor und zurück – bis sie wieder zurückfinden in ihr gestenreiches Bewegungsmuster.

Der Takt, gehaucht und geatmet

Immer wieder halten die beiden inne, horchen in sich hinein. Oder schauen durch einen der Spiegel ins Publikum – mit der Blickachse eine der vielen Diagonalen verlängernd, die sich durch Schultern, Arme, Kopfhaltung ergeben. Ständig befinden sie sich im Dialog mit der anderen, immer wieder werden die Bewegungen synchronisiert.

Vor allem aber ist da auch die Kommunikation mit den Musikern. Filippou hält den Blickkontakt, sie gibt den Ton und den Takt an, manchmal haucht und atmet sie ihn auch nur, bis die Tänzerinnen ihn übernehmen und ihn selbst hauchen und atmen. Felix Hauptmann am Synthesizer war erst am Vortag eingesprungen. Nicht zuletzt deshalb hat man immer wieder das Gefühl, einer Jamsession beizuwohnen, die allen Beteiligten sichtlich Spaß macht.