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Hanna Husáhr und Karl-Magnus Fredriksson

Neue Holocaust-Oper

Zum Gedenktag präsentierte man im Opernhaus Stockholm ein Musiktheater-Auftragswerk, das online abgerufen werden kann.

Zum Holocaust-Gedenktag präsentierte das Opernhaus Stockholm ein neues Auftragswerk, die Oper „Löftet“ („Das Versprechen“) von Mats Larsson Gothe nach einem Text von Susanne Marko, die in ihrem Libretto die wahre Geschichte ihrer Eltern paraphrasiert. Wir erleben die Hochzeit des jüdischen Paares Ava und Teo, dessen Trennung in der Zeit der Verfolgung und Avas lange Suche nach ihrem Mann im verwüsteten Nachkriegs-Europa.

Hanna Husáhr irrt als Ava in Stefan Larsson Produktion durch ein Dickicht von Ahnungen, Alpträumen, Visionen und realen Erlebnissen, deren Aggressivität durch die stetig ineinander verschwimmenden Ebenen von Traum und Wirklichkeit ebenso gemildert wird wie durch die harmlose musikalische Klangkulisse. Die Komposition balanciert zwischen aktuellem Musical-Ton und behutsamer postmoderner Collagierung avantgardistischer Klangmittel, spricht also die Lingua franca des heutigen Gebrauchs-Musiktheaters. Dass „Löftet“ doch eine Oper wurde, liegt am ehesten daran, dass für ein Musical nachsingbare Melodien fehlen. Im Übrigen nähern sich die Genres mehr und mehr einander an. Der Komponist verwebt Fragmente jüdischen Synagogen-Gesangs in einen harmonischen Klangteppich, der durchwegs auf erkennbaren Grundtönen ruht. Die tonale Ortbarkeit wird durch das illustrative Rankwerk mehr oder weniger verdichteter Dissonanz-Schleier kaum beeinträchtigt.

Auf der Suche

Diesbezüglich knüpft „Löftet“ an die Werke der Spätromantiker um Franz Schreker an, mit denen die Novität das Irrlichternde gemein hat, das fortwährend in Bewegung unennbaren Zielen zustrebt, die kaum je erreicht werden. Doch hie und da dürfen die Solisten über klar definierten Grundtönen ariose oder duettierende Passagen singen.

Das sind die traumverlorenen Augenblicke der Handlung, in der das Leid der Verfolgten, Suchenden Visionen von einer besseren Welt weicht. Sie bleiben Illusion, rasch wieder zerstört - nur ganz zuletzt findet Ava ihren Teo. Der weist sie zurück. Er will nicht mehr leben. Doch die Oper endet mit einem tröstlichen Schlusschor - zumindest ein Funken Hoffnung bleibt.

Alan Gilbert malt mit dem königlich schwedischen Orchester und dem fabelhaften Chor des Stockholmer Opernhauses die suggestiven Klangbilder, die - ebenso wie die Regie - allzu schmerzhafte Drastik meiden. Der zynische Walzer-Verschnitt im Moment der angedeuteten Vergewaltigung Avas durch eine Gruppe von Lager-Aufsehern könnte von Schostakowitsch sein. Es ist der einzige Moment, in dem die Musik schärfere Konturen annimmt. Die Szene mündet in einen großen Monolog der jungen Frau, in dem sie gegen Gewalt, Macht und Ohnmacht in kühnem Schwung aufbegehrt: Das Libretto sieht ganz klassisch auch Arien und Ensemble-Nummern vor.

Zwischendurch herrscht eher oratorische Statik, belebt nur durch die heute wohl unvermeidlichen Videosequenzen. Der Chor kommentiert, leidet mit, schafft im Verein mit dem Orchester den tönenden Raum für die Reise ins Ungewisse, deren Stationen rätselhaft genug sind, den Zuschauer zwei Stunden lang neugierig zu halten und ihn hie und da auch betroffen zu machen.

Gut gemachtes Musiktheater-Handwerk, nachzukontrollieren via Stream auf der Plattform Operavision.