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Stromablesung

Kias Sprung: Gelandet in der obersten Elektro-Liga

Ornament, Effekte und Funktionen: Mit dem EV6 hat Kia ein Statement zum Staunen auf die Räder gestellt.
Mit dem EV6 hat Kia ein Statement zum Staunen auf die Räder gestellt.Fabry
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Einen zweiten Blick wert ist schon das Design des Kia EV6. Reichweite, schnelles Laden: Technisch glänzt er ohnehin.

Wien. Diskussionen über sie werden selten in sachlicher Kühle geführt: Elektromobilität. Wird sie kommen? Soll sie kommen? Oder ist sie eh schon da? Weltbilder werden verhandelt. Fakt ist: Batterie-elektrische Autos (BEV) kamen 2021 in Europa auf über zehn Prozent der Neuzulassungen (Österreich: 13,9 Prozent). Der südkoreanische Hyundai-Kia-Konzern hat seine Chance jedenfalls erkannt – dass beide Marken inmitten des allgemeinen Niedergangs des europäischen Automarkts im Vorjahr zu den großen Gewinnern zählen, liegt maßgeblich an seinem erfolgreichen Elektro-Line-up. Und da ist noch von umgerüsteten Verbrenner-Modellen die Rede.
Stufe zwei bei Kia ist der EV6 als erstes „Purpose-built“-BEV der Marke. Ein Plattform-Bruder des Hyundai Ioniq 5, aber das erkennt man nicht gleich. Es gibt wesentliche gestalterische, aber auch kleinere technische Unterschiede. So hat der EV6 zehn Zentimeter weniger Radstand – freilich immer noch stattliche 2,9 Meter, wie man sie sonst nur bei Oberklasse-Limousinen findet. Der Kia soll die etwas dynamischer angehauchte Variante der beiden darstellen.

Eyecatcher

Zunächst aber ist der EV6 ein Eyecatcher ersten Ranges. Was das Straßenpublikum genau in ihm sieht, ist schwer abzuschätzen, aber das Interesse ist ebenso schwer zu übersehen wie das Auto selbst. Wir hatten Design-Maestro Luc Donckerwolke bereits zu Gast für ein Interview, in dem er den Gestaltungsprozess erläuterte.
Die wesentlichen äußerlichen Merkmale sind eine Frontpartie, die niedrig ausfallen konnte, weil sich BEVs grundsätzlich leichter mit den Vorgaben für den Fußgänger-Aufprallschutz tun als Verbrenner-Modelle, kurze Überhänge, die sowieso ein BEV-Charakteristikum sind, und eine wirklich ungewöhnliche Heckpartie.

Ornament, Effekte und Funktionen: ein Cockpit zum Entdecken im Kia EV6.
Ornament, Effekte und Funktionen: ein Cockpit zum Entdecken im Kia EV6.Fabry


Dass Donckerwolke seinen Stilisten einen Lancia Stratos vor die Zeichentische stellte, mag auf den ersten Blick abwegig erscheinen. Doch er wollte ja keine Kopie des Stratos, er wollte „das Ungewöhnliche an dem Auto neu interpretiert“ haben. Das lässt die Dachpartie so aussehen, wie sie aussieht – doch ziemlich spektakulär. Wie die abschließende Leuchtenleiste in ihrer Doppelrolle als tragendes Element der ausgefeilten Aerodynamik des Autos. Hohe Windschlüpfrigkeit lässt sich bei BEVs direkt in gewonnene Kilometer bei der Reichweite umlegen.
Damit zum Antrieb, bei unserem Exemplar ein E-Motor des Typs PMS an der Hinterachse, Spitzenleistung: 168 kW. Mit der größeren der beiden Batterien ist dies der meistgefragte EV6. Der Heckantrieb schafft Platz für zusätzlichen Stauraum vorn, den sogenannten Frunk mit 52 Litern (bei der Allradvariante: 20 Liter). Eine Version, bei der das Haupt die Kopfstütze beim Beschleunigen verbiegt, wird Kia nachreichen, doch wird hier alleweil ausreichend Dynamik im Vortrieb geboten, BEV-typisch ansatzlos, geschmeidig, wohltuend (jedenfalls, wenn man am Fahrersitz ist). Eine abgesetzte Lenkradtaste variiert die Fahrmodi Eco, Normal und Sport.
Es war zwar schon vom Stratos die Rede, doch Sportwagen ist der EV6 keiner. Es ist ein großes und rund zwei Tonnen schweres Auto, das zwar über einen günstigen Schwerpunkt verfügt, sich sonst aber der Physik ergeben muss und zudem nicht übermäßig straff abgestimmt ist. Was im Sinne des Komforts auch so sein soll, uns war das Fahrwerk mit seiner Mitteilsamkeit über Zustand des Fahrbahnbelags fast schon zu geschwätzig. Die Wind- und Außengeräusche sind sonst gut gedämmt und verlagern die Wahrnehmung in den kokonartigen Innenraum. Hier gibt es jede Menge zu sehen und bestaunen, an Ornament, Effekten und Funktionen.

Ungewöhnliche Grafik der Dachlinien, Leuchtenleiste als aerodynamisches Element: Nichts am EV6 ist Design-Business as usual.
Ungewöhnliche Grafik der Dachlinien, Leuchtenleiste als aerodynamisches Element: Nichts am EV6 ist Design-Business as usual.Fabry


Auf einer zentralen Touch-Leiste sind zwei Ebenen zum Aufrufen von wahlweise Klimaeinstellung und Navi/Entertainment untergebracht. Eine effiziente wie ansehnliche Lösung, die kaum Eingewöhnung braucht. Die Hochwertigkeit des gesamten Interieurs ist beeindruckend und dürfte manch ausgewiesenen „Premium“-Konkurrenten erschrecken.
Weil Kia alles richtig machen will, ist auch das Aufgebot an Assistenzsystemen lückenlos (das gilt schon fürs Grundmodell, für die „Premium“-Version, wie getestet, sind gut 10.000 Euro zusätzlich aufzubringen). Das kann auch nerven, denn es findet fast immer eine Gelegenheit zu piepsen und intervenieren, und wenn man herausgefunden hat, wie sich der übereifrige Wächter ruhigstellen lässt, so beginnt beim nächsten Ausrücken alles von vorn. Das ist kein Kia-Spezifikum, ist uns hier aber besonders aufgefallen – das Auto ist breit und die Karosserieübersichtlichkeit, wie man also vom Fahrersitz aus die unmittelbare Umgebung sieht, eher schwach, so kommt man Bodenmarkierungen näher, als man wollte.
Doch wesentlich für ein BEV beeindruckte uns der geringe Verbrauch. So waren wir zeitweise mit um die 15 kWh unterwegs, gesamt stets unter 20 kWh/100 km. Das bringt reale Reichweiten von 450 km. Mit superschnellem Laden bis 240 kW dank 800-Volt-Architektur glänzt der EV6 auf allen Feldern.

KIA EV6 Air RWD 77 kWh

Maße L/B/H 4695/1890/1550 mm. Radstand 2900 mm. Leergewicht 2000 kg. Kofferraum 480 bis 1260 Liter.
Antrieb PMS a. d. Hinterachse, Leistung max. 168 kW (229 PS), Dauer 56 kW. Drehmoment max. 350 Nm. Batterie 77,4 kWh. Ladeleistung DC max. 240 kW.
0–100 km/h in 7,3 sec. Vmax 185 km/h. Hinterradantrieb. Ein-Gang-Getriebe.
Testverbrauch <20 kWh/100 km.
Preis ab 49.890 Euro.