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Eurovorgänger: "Griechen tricksten schon damals"

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Bereits zweimal scheiterten in den vergangenen hundert Jahren europäische Währungsunionen an nationalen Interessen. Griechenland und Italien spielten schon damals ein unsauber. Die Kontrolle fehlte.

Strassburg. In den vergangenen hundert Jahren zerfielen bereits zwei Währungsunionen in Europa. Gegenseitiges Misstrauen und nationale Interessen zerstörten die Versuche, mit einer gemeinsamen Währung den Handel zu beleben. „Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber es gibt Parallelen“, ist die deutsche Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin überzeugt. Die FDP-Politikerin hat sich in einer wissenschaftlichen Arbeit mit Aufstieg und Fall der „Lateinischen Münzunion“ befasst und sieht durchaus ähnliche Probleme wie beim heutigen Euro. „Schon damals wurde eine gemeinsame Währung geschaffen, ohne die gemeinsame Politik zu stärken.“

 

Weniger Edelmetall, mehr Münzen

Die „Lateinische Münzunion“ wurde 1865 von Frankreich, Italien, Belgien, der Schweiz und Griechenland vertraglich vereinbart. Ziel war es, Münzen zu gleichem Wert in allen Teilnehmerländern als Zahlungsmittel anzuerkennen. Der Erste Weltkrieg brachte in der Praxis das Ende der Währungsunion, erst 1927 wurde der Vertrag endgültig gelöst. Die Probleme begannen aber – ähnlich wie heute beim Euro – bereits in den ersten Jahren des Zusammenschlusses. Koch-Mehrin: „Italien und Griechenland haben schon damals getrickst.“ Sie versuchten, sich Vorteile zu verschaffen, indem sie Münzen mit weniger Edelmetallanteilen prägten, die vereinbarten Mengen an Münzen nicht einhielten, und sich über gemeinsame Regeln hinwegsetzten.

Der Fehler wurde bereits beim Start begangen. „Ähnlich wie in der heutigen Währungsunion war das Bestreben in der ,Lateinischen Münzunion‘ groß, möglichst viele Länder von Beginn an einzubeziehen.“ Dies geschah ohne ein ausreichend umfassendes Regelwerk, ohne übergeordnete Institutionen und ohne geeignete Sanktionsmöglichkeiten. „Zuerst war die Begeisterung über die Münzunion groß. Sie wurde als erste Globalisierungsphase erlebt“, so Koch-Mehrin. Die Treffen fanden auf höchster politischer Ebene statt. Der Handel zwischen den Ländern florierte. Doch die Begeisterung wich bald wieder aufkeimenden nationalen Interessen.

Aus ähnlichen Gründen wie die „Lateinische Münzunion“ zerfiel auch die „Skandinavische Münzunion“, die 1872 von Schweden und Dänemark gegründet wurde und der später auch Norwegen beitrat. Während des Ersten Weltkriegs entwickelten die Teilnehmerländer eine unterschiedliche Geldpolitik, um nationale Interessen zu wahren. Das war der Beginn vom Ende auch dieses Zusammenschlusses.

Heute können Mitglieder der Währungsunion nicht selbst den Geldwert bestimmen, sie haben, wie dies ein Experte im Finanzministerium betont, aber andere Möglichkeiten entwickelt, ihre bisherige Hart- oder Weichwährungspolitik trotz des gemeinsamen Euro fortzusetzen. Deutschland kompensierte das mit niedrigen Löhnen, Irland mit niedrigen Steuern. Auf der anderen Seite hielten Italien und Griechenland trotz Euro an hohen Lohnabschlüssen für Beamte fest. Sie belasteten damit den Staatshaushalt. Koch-Mehrin sieht allerdings auch historische Unterschiede, die gegen ein ähnliches Schicksal für die heutige Währungsunion sprechen. Denn nun gebe es einen funktionierenden Binnenmarkt mit gemeinsamen Regeln und eine unabhängige Zentralbank.

 

Beide Augen zugedrückt

Sie fordert dennoch, dass die Euroländer aus den Fehlern der Vergangenheit Lehren ziehen. So sei eine stärkere wirtschaftspolitische Koordination notwendig, die von einer übergeordneten Instanz koordiniert werden sollte. Diese Instanz müsse gegen ein Land einschreiten können, das seinen Haushalt nicht in Ordnung hält, zu stark auf den Immobiliensektor setzt oder ein nicht mehr finanzierbares Pensionssystem aufrechterhält. Damit der Euro länger als seine Vorgänger Bestand habe, so Koch-Mehrin, „müssen wir uns künftig gegenseitig in die Bücher schauen“. Man dürfe auch nicht mehr wie im Fall von Griechenland allzu lange „gleich beide Augen zudrücken“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25. November 2010)