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Buch der Woche

Olga Tokarczuk: Das Paradies hat nur vier Sterne

Karikiert die gegenwärtige Dekadenz der westlichen Wohlstandsgesellschaften. Olga Tokarczuk.
Karikiert die gegenwärtige Dekadenz der westlichen Wohlstandsgesellschaften. Olga Tokarczuk.Catherina Hess/SZ-Photo/picturedesk
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Eine mythologische Tour de Force: Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk erzählt in ihrem Roman „Anna In. Eine Reise zu den Katakomben der Welt“ von einer rebellischen Göttin – die Anspielungen reichen von der Antike über Dante bis zu den Brüdern Grimm.

Der Himmel war selten so fern. Krieg, Klimakrise und Pandemie tragen zu dem Empfinden bei, einsam im Kosmos, ja bar jedweden metaphysischen Überbaus zu sein. Umso mehr bedarf es sinnstiftender Geschichten, allen voran jener bedeutenden, die schon früher Orientierung boten. „Durch mythische Erzählungen wurde die dem Menschen unzugängliche Welt der mächtigen Energien begreifbar“, so schreibt Olga Tokarczuk in den Vorbemerkungen ihres neu übersetzten Romans „Anna In. Eine Reise zu den Katakomben der Welt“. Gewiss, durch Legende und Sagen erhält das Chaos des Daseins eine Form. Aber nicht nur das. Laut der 1962 in Polen geborenen Schriftstellerin vermitteln sie „ein Gefühl der Sicherheit in der Welt“, geben sie uns doch zu verstehen, dass jede Wunde und jeder Verlust ihre Gründe haben werden. Und was könnte gerade in einer Epoche, in der so viele ihr Leben verlieren und ratlose Hinterbliebene zurücklassen, dringlicher sein, als ein Narrativ, das uns ein wenig den Schrecken vor dem Tod und dem mit ihm verbundenen Nichts nimmt?

Olga Tokarczuk hat eines gefunden. Allerdings reaktualisiert sie nicht den berühmten Stoff um Orpheus und Eurydike oder jenen um die unglücklich an der Seite des Hades landende Persephone. Auch Odysseus' Gang in das Reich der Finsternis, wo er von dem Seher Teiresias Auskunft über sein Schicksal erwartet, steht nicht im Zentrum. Sie geht noch weiter zurück, nämlich zur sumerischen Fabel über Inanna. Ihr „Abstieg in die Hölle“, so die Autorin, kann „als die älteste, als die Ursprungsversion all dieser düsteren Geschichten gelten“.

Ein wenig die Lücken auf den überlieferten Tontafeln füllend, präsentiert uns die Literaturnobelpreisträgerin eine rebellische Göttin. Anna In, die „Herrin von größtem Herzen“, verkörpert das Diesseitige. Jede ihrer Berührungen wirkt vitalisierend.