Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Culture Clash

Vortreffliche Langweiler?

Dass auch Heilige spannend und aktuell sein können, zeigen ein erfolgloser Ex-Dandy und ein Märtyrer mit Nickelbrille, die der Papst heute heiligspricht.

Zu den nicht mehr so leicht fassbaren Konzepten der katholischen Kirche gehören ihre Heiligsprechungen. Wenn, wie es heute in Rom geschieht, wieder einmal ein Schwung neuer Heiliger amtlich bestätigt wird, wird das oft eher belächelt, als dass man sich mit den Personen beschäftigt. Dahinter steht vielleicht die Idee, ein Heiliger sei jemand von unerträglich vollkommener Vollkommenheit. Dabei sind viele in sich ein faszinierender Culture Clash.

Charles Eugène de Foucauld de Pontbriand, Vicomte de Foucauld aus einer der reichsten Familien Frankreichs, bekehrt sich nach einer ausschweifenden Zeit als Lebemann und wird armer Mönch in Algerien. Als er 1916 getötet wird, ist sein Traum von einer christlichen Gemeinde unter Muslimen nicht einmal ansatzweise in Erfüllung gegangen: Er war allein geblieben. Posthum inspiriert sein Leben die Gründung von 19 Ordensgemeinschaften.

Die Sehnsucht nach der Nähe Gottes verbindet ihn mit Titus Brandsma. Der Niederländer hatte eine gradlinigere Laufbahn: Er tritt als 17-Jähriger 1898 in den Karmeliterorden ein, wird Theologieprofessor und Publizist. Ihn beschäftigt die Frage, warum heute das Bild von Gott – „als der tiefste Grund unseres Seins, verborgen im Innersten unserer Natur“ – so verdunkelt ist, dass sich so viele von ihm abkehren. So entwickelt der auch als jähzornig und eitel beschriebene kränkliche Gelehrte mit Nickelbrille die Haltung, allen Menschen liebevoll zu begegnen. Aus derselben Quelle kommt sein klarer und mutiger Widerstand gegen den Nationalsozialismus, die Manifestation der Lieblosigkeit.

Das bringt den 60-Jährigen („Wer die Welt für Christus gewinnen will, muss den Mut haben, mit ihr in Konflikt zu geraten“) ins Gestapo-Gefängnis („Noch nie war mir Gott so nahe“) und dann ins KZ Dachau, wo Brandsma umkommt, wie 1800 andere katholische Priester auch. Zeitzeugen sagen, dass er zu allen gut war, auch zu seinen Peinigern. In der Haft segnet er die Niederlande und Deutschland: „Gebe Gott, dass beide Völker bald wieder in vollem Frieden und Eintracht nebeneinander stehen in Seiner Anerkennung und zu Seiner Ehre, zum Heil und zur Blüte beider so nahe verwandter Völker!“

So aktuell können Heilige sein. (Die Bürger von Nijmegen haben Brandsma 2005 zum bedeutendsten Einwohner aller Zeiten gewählt.) Und so aktuell bleibt auch die Frage nach Gott. Gelegentlich sagen mir Atheisten, dass sie ja auch aufgehört hätten, an Osterhasen oder Weihnachtsmann zu glauben. Foucauld, Brandsma und andere zeigen, dass Gott doch in einer ganz anderen Liga spielt.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

www.diepresse.com/cultureclash

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2022)