Kritik an Jolie: Kriegsopfer beschweren sich bei UN

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Angelina Jolie eckt mit ihrem Regiedebüt an. Jetzt haben sich weibliche Opfer des Bosnien-Kriegs mittels Beschwerdebrief beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) über den Hollywood-Star beklagt.

Zumindest bei den Dreharbeiten in Ungarns Hauptstadt Budapest plagte die Neo-Regisseurin bis zuletzt keine Scheu. Immer wieder übte sich Hollywood-Star Angelina Jolie während ihres Regiedebüts vor klickenden Kameras in innigen Turteleien mit ihrem Ehemann Brad Pitt in ihrer Lieblingsrolle als glückliche Ehefrau. Inzwischen erholt sie sich mit ihrer Familie von den Strapazen der Dreharbeiten in Paris: Bis Samstag hat der Pitt-Jolie-Tross dort ein Appartement gebucht, schon letztes Wochenende ließ man sich dort beim Shoppen sehen.

Vergeblich harrten vorvergangene Woche hingegen die Chronisten bei der Stippvisite ihrer Filmcrew in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo auf die prominente Filmemacherin: Ausgerechnet bei den Außenaufnahmen am Hauptschauplatz ihres Films über eine serbisch-bosnische Liebesaffäre während des Bosnien-Kriegs glänzte die Regisseurin durch Abwesenheit.

Doch nicht nur wegen der Verpflichtung prominenter Filmstars aus den Staaten des zerfallenen Jugoslawien sorgt Jolies Erstlingswerks in Bosnien-Herzegowina schon jetzt für kräftigen Wirbel. Erst zog das Kulturministerium in Sarajewo im Oktober wegen der vermuteten Verletzung der Gefühle von Kriegsopfern die erteilte Drehgenehmigung wieder zurück. Dann wurde Jolie die Dreherlaubnis Anfang November doch erteilt. Letzte Woche reiste die Filmcrew der 35-Jährigen schließlich ohne ihre Chefin an: Auch wegen der Proteste von Opferverbänden im Vorfeld wurden die Außenaufnahmen in Sarajewo von ursprünglich zehn auf drei Drehtage verkürzt.


Sie werde wiederkommen, um in Bosnien einen Liebesfilm „ganz ohne Politik“ zu drehen, hatte Jolie bei einer ersten Sarajewo-Visite im vergangenen April angekündigt. Doch ungewollt eckt Jolie bei ihrem Regiedebüt in dem labilen Vielvölkerstaat an allen Ecken und Enden an. Die Verfälschung der „historischen Wahrheit“ über die Massenvergewaltigungen muslimischer Frauen im Bosnien-Krieg hat der „Verband der Frauen-Opfer des Krieges“ Ende Oktober in einem offenen Brief an Jolie beklagt – ohne das Drehbuch jedoch gesehen zu haben.

Den Ärger mit den Kriegsopfern hatte der Amerikanerin ausgerechnet ein aus Bosnien stammender Ex-Parteigänger von Serbiens verstorbenem Autokraten Slobodan Milosevic beschert. Mit der Begründung, dass der geplante Film „voller Vorurteile gegen die Serben“ sei, hat der TV-Mogul Zeljko Mitrovic im Juli die ihm von Jolie angetragene Koproduktion abgelehnt.

Lokale Medien griffen die Gerüchte auf, der Film handle von einem muslimischen Vergewaltigungsopfer, das sich in seinen serbischen Peiniger verliebt. In der offiziellen Synopsis ist von einem serbischen Wärter und seiner einstigen Freundin die Rede. Jolie sprach in ihrem Antwortschreiben an Bosniens Opferverbände von „medialen Desinformationen“. Niemals werde sie die Leiden der Kriegsopfer „trivialisieren“: „Ich möchte Ihnen versichern, dass es immer meine Absicht war, die Geschichte mit dem größtmöglichen Respekt für die Menschen ihres Landes zu erzählen.“

Gleichzeitig kündigte sie ein Treffen bei ihrem nächsten Sarajewo-Besuch im November an, um „Missverständnisse“ zu klären und persönlich von den Vergewaltigungsopfern von dem im Krieg erlittenen Missbrauch zu erfahren. Doch die Lust an einem solchen Besuch scheint der sonst so sozial agierenden Sonderbotschafterin des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) vergangen zu sein. Der November ist vorbei, und noch immer harren die Opferverbände auf einen Gesprächstermin in Bosnien – eine Einladung Jolies nach Ungarn haben sie abgelehnt.

Nun veröffentlichte der Opferverband sogar einen Beschwerdebrief an das UNHCR. Jolie hätte mit den Opfern sprechen sollen, bevor sie mit dem Dreh begann, heißt es darin. Sie habe nicht wie eine UNHCR-Botschafterin gehandelt und ihre Glaubwürdigkeit damit verloren: „Angelina hat einen großen Fehler gemacht.“

Auf einen Blick

Angelina Jolie, Schauspielerin und Sonderbotschafterin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, hat in Ungarn und Bosnien ihren ersten Film als Regisseurin gedreht. Darin geht es um eine Liebesbeziehung zwischen einem Serben und einer Muslima vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs von 1992 bis 1995. Nach Protesten weiblicher Kriegsopfer wurden die Drehtage in Bosnien von zehn auf drei verkürzt. Ein geplantes Treffen kam nie zustande. Jetzt hat sich der Opferverband beim UNHCR beschwert.