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Film

"Bullet Train" mit Brad Pitt: Keine Kampfschreie im Ruheabteil!

Bullet Train
Waffen lehnt der Ex-Auftragskiller Ladybug (Brad Pitt) ab. Gut, dass er sich ebenso gut mit einem Koffer gegen wild gewordene Kollegen verteidigen kann.Sony Pictures
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Wie begegnet man einer Horde Auftragskiller in einem Schnellzug? Brad Pitt versucht es in „Bullet Train“ mit gewaltfreier Konfliktlösung: eine herrlich absurde Actionkomödie, ab Freitag im Kino.

Wären die Fahrgäste der ÖBB doch nur auch immer so rücksichtsvoll wie die Auftragskiller, die in „Bullet Train“ in einem japanischen Hochgeschwindigkeitszug aufeinandertreffen! Da prügeln und schießen sie sich quer durch alle Waggons, luchsen einander Geldkoffer, Sprengstoff und Pistolen ab, verwüsten Gepäckfächer und das Bordrestaurant – doch Ordnung muss sein: Im Ruheabteil ist Stille geboten! Da ist schon eine geflüsterte Morddrohung zu viel der Ruhestörung. Wird hier gekämpft, dann nur im Lautlos-Modus, mit entschuldigenden Blicken an die unbeteiligten Fahrgäste, die zwischen dumpfen Schlägen und erstickten Schreien an die Einhaltung der Zugordnung gemahnen.

Rücksicht und Friedfertigkeit als Lebensmaxime gehen eben nicht so einfach zusammen mit dem Anforderungsprofil eines Auftragskillers. Das spürt auch der von Brad Pitt gespielte Protagonist der neuen Actionkomödie, die ab Freitag im Kino zu sehen ist: Der ehemalige Assassine will sich jetzt in Achtsamkeit üben. „Wer Frieden in die Welt trägt, bekommt Frieden zurück“, ist sein neues Motto. Einen letzten Job nimmt er an, in völlig gewaltfreier Absicht: Er soll schlicht einen Aktenkoffer aus einem Shinkansen-Zug klauen. Sein passender Codename: Ladybug – harmloser als ein Marienkäfer kann man kaum sein. Das im Actionfilmfach zuletzt kultivierte Rollenideal des höflichen, sanfteren Kampfhelden treibt Pitt hier – mit Hornbrille und Fischerhut auch sehr unbedrohlich gekleidet – ironisch auf die Spitze. Er möge doch bitte wenigstens eine Pistole einpacken, rät seine Kontaktfrau am Telefon (Sandra Bullock) – vergebens.

Niedliche Plüschfiguren, viel Blut

Was „Bullet Train“ nicht davon abhält, in den folgenden zwei Stunden eine veritable Nahkampfparade abzuhalten. Wie sich herausstellt, sitzen in dem Zug, der nächtens von Tokio nach Kyoto rattert – was in Echtzeit etwa so lang dauert wie der Film –, allerlei Gangster, die allerlei Rechnungen miteinander offen haben und einander munter in ihre jeweiligen Missionen pfuschen. Darunter ein Killer-Duo, dessen eine Hälfte (Brian Tyree Henry) sich die Welt anhand der Figuren von „Thomas, die kleine Lokomotive“ erklärt, eine Bombenlegerin im rosa Schulmädchenlook und eine aus dem Zoo entkommene Giftschlange. Während sich das clever konstruierte Gefüge – der Film basiert auf dem japanischen Roman „Maria Beetle“ – entspinnt wie ein Krimikomplott, müht Ladybug sich ab, den Aggressoren mit seinen Deeskalationsstrategien beizukommen.

Daraus – und aus der Widerwilligkeit, mit der er sich gegen seine Gegner verteidigt, während er sie „über die toxische Wirkung von Zorn“ aufklärt – beziehen die Actionszenen einen Großteil ihrer Komik. Einen ähnlich ergiebigen Kontrast bietet das japanische Setting, dessen kulturelle Extreme – überbordende Kawaii-Niedlichkeit hier, brutale Yakuza-Gewaltästhetik da – Regisseur David Leitch launig ausreizt.
Er war Actiondouble (u. a. für Brad Pitt, der hier seine Stunts selbst drehte), bevor er ins Regiefach wechselte und etwa „John Wick“ oder „Deadpool 2“ inszenierte. Mit „Bullet Train“ gelang ihm ein hochstilisierter, rasanter Kracher, der vor allem Spaß macht: Was die Figuren nebenbei über Schicksal, Glück und Verantwortung schwurbeln, wird überlagert durch die Tarantino-artigen, fetzig komponierten (und klanglich mit Disco-Klassikern in japanischen Versionen unterlegten) Ansichten spritzenden Blutes neben einer mannsgroßen, durchs Kinderabteil wankenden Plüsch-Animefigur.

Und dann geht es eben wieder strikt geordnet zu. Nicht nur, was die bekanntlich superpünktlichen japanischen Zugpläne betrifft, die akkurat getimte Kampfhandlungen erlauben. Das Bordpersonal, das das Ausmaß der Zerstörung entweder nicht bemerkt oder nicht bemerken will, werkelt und verbeugt sich emsig weiter. Das ist echte Diskretion! Die Fahrgäste sind aber auch umsichtig: Da werden alle Leichen säuberlich auf ihren Bahnsitzen drapiert und zugedeckt. So rücksichtsvoll, diese Killerhorde!