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Studie

In medialer Politikberichterstattung mangelt es an Frauen

(c) Die Presse/Clemens Fabry
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„Obwohl man erwarten würde, dass die Frauen auch in einem höheren Maß vorkommen, haben wir diesen Effekt nicht gefunden", sagt Andreas Riedl von der Akademie der Wissenschaften.

In den Medien fehlt es an weiblichen Stimmen in der politischen Berichterstattung – doch warum, wo es doch inzwischen Genderguidelines gibt? Dieser Frage ging ein Forschungsteam der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), bestehend aus Andreas Riedl, Tobias Rohrbach und Christina Krakovsky. In ihrer Studie "'I Can’t Just Pull a Woman Out of a Hat': A Mixed-Methods Study on Journalistic Drivers of Women’s Representation in Political News", veröffentlicht in "Mass Communication Quarterly" beschäftigen sich die Forscher vor allem mit den Faktoren, die zur Unterrepräsentation führen.

Über 3500 politische Beiträge verschiedener reichweitenstarker österreichischer Medien wurden analysiert. "In lediglich 25 Prozent der Beiträge kommen Frauen mit einer Meinung oder Einschätzung vor, während Männer in 68 Prozent zu Wort kommen. Nur durch die Unterrepräsentation von Frauen in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen lässt sich dieser eklatante Unterschied nicht erklären", sagt Riedl. Ein großes Problem seien vor allem über lange Zeit gewachsene Quellennetzwerke. Oft werden aus Zeitmangel Personen angerufen, die bereits bekannt sind und welche die Sicherheit geben, inhaltlich und qualitativ verlässlich zu sein. "Bei Männern sind das verstärkt Männer. Oft herrscht auch der Glaube, dass Expertinnen schlechter erreichbar seien, weil sie beispielsweise nebenbei noch sogenannte Care-Arbeiten leisten oder auch zögerlicher reagieren als die Kollegen".

Drei Ebenen spielen zusammen

Man habe man sich drei Ebenen angesehen: die journalistische Kultur, die Redaktionen als organisationale Einheit und die Journalistinnen und Journalisten als Individuen. "Wir haben uns die Frage gestellt, was beim Zusammenspiel dieser drei Ebenen wirklich entscheidend ist“, erklärt Andreas Riedl. "Bei den journalistischen Strukturen gibt es durchaus Unterschiede, welches Rollenverständnis Journalistinnen und Journalisten haben, und diese Rolle wirkt sich auch auf die Repräsentanz von Frauen aus, unabhängig vom eigenen Geschlecht".

Auf der Organisationsebene hat man sich vor allem mit dem Effekt von Genderguidelines und -policies beschäftigt. "Das haben mittlerweile sehr viele Redaktionen und obwohl man da ja eigentlich erwarten würde, dass die Frauen auch in einem höheren Maß vorkommen, haben wir diesen Effekt nicht gefunden", so Riedl.

Ein paar Ergebnisse haben überrascht

Außerdem befasste man sich in der Arbeit, gefördert von der Stadt Wien, mit der Genderidentität. Im Gegensatz zu bestehenden Studien fokussierte sich das Forschungsteam hier vor allem auf Befragungen von Autorinnen und Autoren, mit denen rund zwei Dutzend Tiefeninterviews geführt wurden, um die Entstehung der Berichte zu rekonstruieren.

Ein paar Ergebnisse hätten Riedl und sein Team dann tatsächlich anders eingeschätzt, beispielsweise den Effekt der eigenen Genderidentität. "Man geht immer davon aus, dass die einzelne Person gar nicht mehr so viel Einfluss darauf hat“, wie ein Thema bearbeitet werde, so Red. "Trotzdem finden wir hier einen Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen, und das ist durchaus überraschend, denn wenn man argumentiert, die Leute hätten nicht die Autonomie, die Zeit oder gar die Möglichkeiten individuelle Schwerpunkte zu setzen, dann ist der Befund schon erstaunlich, dass die Genderidentität trotzdem noch Einfluss hat".

"Da fehlt noch das genauere Bewusstsein"

Auch der verhältnismäßig geringe Effekt der Genderguidelines ist ein Anknüpfungspunkt, der weiter erforscht werden sollte. Erste Hinweise findet Riedl auch schon in der aktuellen Studie: "Die Guidelines werden oft zu produktionsseitig interpretiert. Es wird zum Beispiel drauf geachtet, dass Kommentatorinnen gleichermaßen vorkommen. Aber auf die Inhalte, also welche Frauen lassen wir wirklich in meiner Berichterstattung zu Wort kommen, wird irgendwie weniger stark gedacht. Da fehlt noch das genauere Bewusstsein."

>> Die Studie in "Mass Communication Quarterly"

(APA/Red.)