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Buch der Woche

Überall Krisen, und wir sollen gelassen sein?

Byung-Chul Han
Byung-Chul Hanprivat
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Byung-Chul Han kritisiert in seiner Schrift „Vita contemplativa“ die Leistungsgesellschaft und greift dabei auf Martin Heidegger zurück. Seine Anleitung zum Nichtstun erscheint angesichts von Krisen und Kriegen fragwürdig.

Byung-Chul Han, deutsch-koreanischer Erfolgsphilosoph, Jahrgang 1959, widmet in seinem neuen Buch, „Vita contemplativa“, einem Hauptvertreter des Daoismus ein ganzes Kapitel: Zhuāngzi, „Meister Zhuang“ (um 365 bis 290 v. Chr.). Ähnlich wie Heideggers „Seyn“ ist das Dao jenes rätselhafte Prinzip, das allem, was ist, zugrunde liegt. Der Daoist mischt sich möglichst wenig in das Wirken des Dao ein, indem er versucht, sein Leben an ihm auszurichten. Er kultiviert eine Haltung der Kontemplation.

Das Beispiel, das Han zur Verdeutlichung wählt, entbehrt indes nicht einer gewissen Komik. Es handelt sich um einen daoistischen Koch, der einen Ochsen zerlegt: „Zhuāngzi stellt das Zerlegen als ein zwang- und absichtsloses Geschehen dar. Sein Koch ist eigentlich untätig. Er wohnt dem Geschehen nur bei, das er gleichsam anstupst. Nachdem der Ochse wie von selbst auseinandergefallen ist, staunt er selbst über das wundersame Geschehen, das ohne sein Zutun vonstattengegangen ist.“ Welche Lehre der Koch, den man sich heute als Tranchiermeister in einer Schlachterei vorstellen muss, aus diesem Beispiel daoistischer Kontemplation ziehen soll, bleibt rätselhaft. Aber vermutlich ist das alles gar nicht wörtlich gemeint, sondern eine Kritik an der massenhaften Beschaffung von Lebensmitteln.

Statt sich ernsthaft mit der Stillung des Hungers von Millionen Menschen durch die „motorisierte Ernährungsindustrie“ zu befassen, stilisiert Han das Zerlegen eines Ochsen zu einer Wohlfühlepisode für fleischverwöhnte Wohlstandsbürger voller Wohlstandsekel.