Zeitreise

Heute vor 100 Jahren: Der Prozess gegen Adolf Hitler beginnt

Selbst der lächerliche Zusammenbruch seines Unternehmens, das klägliche Versagen der Bierkellerrevolution, hat Hitler seine Popularität bei der keineswegs geringen Schar seiner Anhänger nicht zu rauben vermocht.

Neue Freie Presse am 26. Februar 1924

Die Führer der deutschen Reaktion stehen heute in München vor dem bayerischen Volksgericht. Seit Tagen schon, ja seit Wochen ist das ganze politische Leben Bayerns unter dem Eindruck dieses Monstreprozesses und der Spannung, die er erzeugt. (...) Denn der Mann, der heute einvernommen werden wird und den die Anklageschrift als den Hauptschuldigen des Putsches vom 8. November bezeichnet, als den, der bedenkenlos nicht nur den Straßenkampf in München, sondern auch den Bürgerkrieg im ganzen Reiche entfesseln wollte, scheint auch heute immer noch etwas von seiner Macht auf die Geister und auf die Gemüter sich bewahrt zu haben.

Selbst der lächerliche Zusammenbruch seines Unternehmens, das klägliche Versagen der Bierkellerrevolution hat Hitler, diesem Reichskanzler und Reichsdiktator einer einzigen Nacht, seine Popularität bei der keineswegs geringen Schar seiner Anhänger nicht zu rauben vermocht. Und der heute vor allen neben ihm steht, Ludendorff, bleibt doch für Millionen nicht der politische Tor, der verbrecherisch mit dem Bruderkampf spielt, nicht der Marschall der Niederlage, sondern der Anführer bei den deutschen Siegen, die historische Gestalt, an die sich die Hoffnungen der Nationalisten und Übernationalisten knüpfen.

Der Prozeß gegen Hitler und Ludendorff und gegen ihre Freunde müßte daher vor allem diesen einen Sinn haben: den Frevel aufzuzeigen, der von den Münchner Putschführern durch ihre Politik am ganzen deutschen Volk begangen wurde. Er müßte das Verwerfliche dieser Tat durch das Urteil der Richter aus dem Volke der ganzen Nation offenbar machen.

Heute vor 100 Jahren: Statt dem Ladenschild kommt das Kaufmannsbild

Es wäre möglich, dem alten Ladenschild einen modernen, zeitgemäßen Nachfolger zu geben: das Kaufmannsbild.

Neue Freie Presse am 24. Februar 1924

Vor einigen Tagen erschien ein als sehr talentiert bekannter jüngerer Wiener Maler bei uns und entwickelte, angeregt durch die in Künstlerkreisen jetzt herrschende Not, eine Idee, die inzwischen schon maßgebende Persönlichkeiten und Kreise der Wiener Künstlerschaft lebhaft zu interessieren begonnen hat. Wir geben seine Ausführungen hier auszugsweise wieder.

Tut man auf einem Gang durch die Stadt einen Blick in die kleinen und großen Kaufläden, so wird man in der ersteren oftmals kahle Wände finden, höchstens geziert durch Diplome von meist zweifelhaftem Kunstwert, etwa noch durch die lebensgroße Photographie des Inhabers oder Gründers, manchmal wohl auch durch ein Verlegenheitsbild, einen Farbendruck usw., dessen Gegenstand in keiner Beziehung zum Geschäft steht. In den großen Luxusgeschäften finden wir reiche, künstlerisch wertvolle Innenarchitektur aus kostbarem Material, aber kaum jemals ein Bild. Auch das ehemalige künstlerische Ladenschild ist heute fast gänzlich verschwunden und ein vor mehreren Jahren zur Zeit der Kriegsnot gemachter Wiederbelebungsversuch ist gescheitert. Die Außenwände werden jetzt praktischer Weise durch Vitrinen ausgenützt, das den Unbilden der Witterung ausgesetzte Bild geht bald zugrunde, überdies ist die technische Tradition dieser meist - jetzt unerschwinglichen - auf großen Metallplatten ausgeführten Malereien verloren gegangen.

Es wäre aber vielleicht möglich, dem alten Ladenschild einen modernen, zeitgemäßen Nachfolger zu geben: das Kaufmannsbild, das, im Innern des Ladens angebracht, den Betrieb in realistischer oder allegorischer Weise versinnlicht und durch Aufnahme der Firmeninschrift, der Initialen oder ähnlicher Kennzeichen in diskreter, nicht plakatmäßiger Art seinen Zwecke dient. Ein solches Bild (wer denkt da nicht an das berühmte Bild, das Watteau für den Kunsthändler Gersaint gemalt hat?) könnte beispielsweise als Mittelpunkt eines Schaufensters zur Geltung kommen. Es hätte auch praktischen Wert für den Kaufmann, abgesehen von der Anziehungskraft, die es durch seine malerischen Qualitäten auf den kunstverständigen Teil des Publikums ausübt, könnte es vervielfältigt als Ansichtskarte, Annonce, überhaupt als Reklamemittel Verwendung finden und ist bei eventueller Auflösung des Geschäftes für den Besitzer ein schöner Zimmerschmuck, der außerdem historischen Wert besitzt.

Für den Künstler eröffnet sich hier eine fast unendliche Perspektive: kleine und große Darstellungen in naturalistischer, symbolischer, humoristischer, selbst religiöser (Schutzpatron!) Fassung als Stilleben, Porträtgruppenbild; es gibt kaum ein Genre in der Malerei, das hier nicht zur Geltung kommen könnte. Die vortrefflichen Fresken Jettmers im Kassensaal der Wiener Bank (Ecke Freiung und Teinfaltstraße) zeigen übrigens, daß in vereinzelten Fällen ähnliches schon praktisch durchgeführt ist. Die große Gefahr liegt allerdings darin, daß Kitschmaler und Schmierer sich dieser Idee bemächtigen und bei dem in den hier in Betracht kommenden Kreisen nicht eben sehr verbreiteten Kunstverständnis den wirklichen Künstlern den Boden abgraben.

Andererseits könnte aber das gute Kaufmannsbild in eben diesen Kreisen erziehlich wirken. Am besten wäre es, wenn eine Anzahl kunstfreundlicher Kaufleute die verhältnismäßig geringen Kosten - verglichen mit den für die Reklame des Tages ausgegebenen Summen - nicht scheuen und solche Bilder bei begabten Künstlern bestellen wollte. Eine Ausstellung in den Räumen eines unserer größeren Vereinigungen, die nur gesiebtes Material bringt, könnte für die, wie uns scheint, sehr entwicklungsfähige Idee dann wohl die beste Propaganda sein.

Der bolschewistische Adel in Russland

Das bolschewistische Rußland hat sich seine eigene Aristokratie geschaffen, die sich aus den ehemals proletarischen Führern zusammensetzt.

Neue Freie Presse am 23. Februar 1924

Ein Engländer, der eben aus Rußland zurückgekehrt ist, gibt in der “Daily Mail” eine interessante Schilderung vom Leben der neurußischen Machthaber, deren Einzelheiten allerdings unkontrollierbar sind. Ein Zeichen der durchgreifenden Umschichtung der Gesellschaft liegt in der Tatsache, daß das bolschewistische Rußland sich seine eigene Aristokratie geschaffen hat, die sich aus den ehemals proletarischen Führern zusammensetzt und das Prinzip der Exklusivität mit nicht geringerer Rigorosität handhabt, wie die verjagte oder unterdrückte zaristische.

Krassins mächtiges Automobil mit seiner reichen Vernickelung der Metallteile und dem hochmütigen Chauffeur in englischer Livree ist ein Symbol dieser neuen Aristokratie. Eine strenge Rangordnung teilt den neuen Adel in drei Grade. Auf der untersten Rangstufe steht der Kommissär, der nur ein Regierungsauto benutzen und in der Oper eine von den für die Regierung reservierten Logen in Anspruch nehmen darf.

Der nächsthöhere Kommissär hat sein eigenes Auto, muß aber noch in die Regierungsloge; die höchsten Beamten fahren im eigenen Wagen - es sind die elegantesten der Staatsgarage  -und haben das Privileg auf die Loge des Direktors, die in früheren Tagen den Großfürsten zur Verfügung stand. Dem entspricht der Wohnungsluxus der hohen bolschewistischen Funktionäre. Da ist vor allem Trotzki, der, ehe er aus Gesundheitsrücksichten nach dem Kaukasus ging, ein herrliches Palais in der Nähe des Sadowaja-Boulevard bewohnte, dessen bezeichnende Eigentümlichkeit die ausnehmend hohen und starken Umfriedungsmauern bildeten. (...)

Die Mehrzahl der Herrschenden, die “geschworenen Kommunisten”, leben jedoch im Kreml, der so eifersüchtig bewacht wird wie die heilige Stadt Lhasa. Eines der interessantesten Dokumente, die der Engländer gesehen haben will, betraf eine Einkauforder für ausländische Delikatessen, die für die Insassen des Kreml abzuliefern waren. Diese Order umfaßte Zigarren, Champagner, Konservenhummer, Pate de foie gras, aller Art Konservenobst, Bäckereien, Saucen usw. Aber freilich, es gibt auch Ausnahmen. Darum wird man Lenins immer gedenken. 

Hungermarsch nach London

Die Londoner Polizei plant, den Protest der Arbeitslosen im Keim zu ersticken.

Neue Freie Presse am 22. Februar 1934

Die Londoner Polizei trifft unter der persönlichen Leitung des Polizeipräsidenten Lord Trenchard umfassende Maßnahmen, um Ruhestörungen in Zusammenhang mit dem Londoner Aufenthalt der Arbeitslosen, die auf ihrem Hungermarsch aus ganz England und Schottland sich Ende der Woche in London einfinden werden, im Keime zu ersticken. 

Außer der regionären Polizei werden 10.000 Spezialkonstabler zum Ordnungsdienst herangezogen. Besondere Verfügungen wurden auch im Hinblick auf die Versammlung der Arbeitslosen im Hydepark getroffen.

In Oxford ist es heute zu Sympathiekundgebungen von starken Studentengruppen für die Teilnehmer am Hungermarsch der Arbeitslosen gekommen. Die Studenten gaben den Oxforder Arbeitslosen ein Stück Weges das Geleite und versuchten dann, durch die Stadt zu marschieren. Die Polizei konnte dieses Vorhaben verhindern. 

Die rote Brille - eine Sensation

All die schrecklichen Dinge, die man in einem Theater zu sehen bekam, waren bloße Schatten, die durch Farbenlichter hinter wirkliche Menschen geworfen wurden und in Verbindung mit der Brille alpdrückende Vorstellungen erweckten.

Neue Freie Presse am 21. Februar 1924, Abendblatt

Ueber einen gelungenen Theatertrick, eine neue Attraktion für die Besucher der Revue „London ruft“, die im Duke of York‘s Theatre gegeben wird, berichten die Londoner Blätter. Die erste Wirkung der am vorigen Samstag eingeführten Neuerung war überraschend, fast eine Sensation. Jedermann wurde beim Eintritt ins Haus mit einem Paar roter Augengläser bedacht.

Nichts ahnend, setzte er sie auf, nahm seinen Platz, fand sich aber bald in einer Serie von aufregenden Situationen verstrickt. Er sah - wie leibhaftig - einen Mann, einen Riesen, von der Bühne aus über die Köpfe des dichtgedrängten Publikums geradewegs auf sich zukommen. Wird der Riese auch seinen Kopf als Pflasterstein benützen wollen? Erschrocken duckt er sich, dem großen Stiefelabsatz zu entgehen, da ist der Fremde verschwunden. Dagegen hat es sich ein anderer in den Kopf gesetzt, just über dem Unschuldshaupt des Besuchers eine hohe Leiter zu erklettern, wobei er jeden Augenblick auf besagtes Unschuldshaupt herabzupurzeln drohte, während ein Dritter sich damit vergnügte, dem Geängstigten einen Fußball über die Rampenlichter hinweg in kunstvollem Bogen an die Nase zu „kicken“. Der Ball verschwand zwar im kritischen Augenblick, aber man hatte vorerst zusammenzucken müssen. Dann stieg ein mächtiger Käfer auf, schwebte in verdächtiger Weise über den Häuptern der Anwesenden, bereit, auf sie herabzufallen. Als Pièce de résistance aber setzten sich auf der Bühne zwei mächtige Füße in Bewegung, die zu keinem Körper gehörten und mit seltener Rücksichtslosigkeit auf den Köpfen der Theaterbesucher herumzutrampeln schienen.

Die Illusion war äußerst geschickt, fast in körperlicher Wirkung, durch großartige Lichteffekte hervorgebracht worden. All die schrecklichen Dinge, die man zu sehen bekam, waren bloße Schatten, die durch Farbenlichter hinter wirkliche Menschen geworfen wurden und in Verbindung mit der roten Brille die alpdrückenden Vorstellungen erweckten. Der Erfinder dieser Spielerei ist ein Amerikaner., Mr. R. Greathouse, der damit jetzt eine Zeitlang die Londoner amüsieren wird.

Volkstrauertag in Österreich

Die Österreicher werden aufgefordert, die Häuser schwarz zu beflaggen und die Fahnen auf halbmast zu setzen.

Neue Freie Presse am 20. Februar 1934

Die Bundesregierung hat zum Ausdrucke der Ehrfurcht vor den Opfern der staatlichen Exekutive einschließlich des Freiwilligen Schutzkorps den heutigen Tag, an dem in der Bundeshauptstadt die feierliche Bestattung der fünfzig in Wien auf dem Felde der Pflicht Gebliebenen stattfindet, als allgemeinen Volkstrauertag erklärt. In diesem Sinne werden hiemit alle Oesterreicher aufgefordert, die Häuser schwarz zu beflaggen und die Fahnen auf halbmast zu setzen.

Außerdem wurde verfügt, daß die öffentlichen Aemter und Betriebe im ganzen Bundesgebiet in der Zeit zwischen 13 und 15 Uhr bis auf das unerläßliche Mindestmaß ihrer Dienstobliegenheiten Arbeitsruhe halten, daß alle Wiener Schulen um 12 Uhr schließen und daß alle privaten Unternehmungen und Geschäfte, welcher Art immer, in ganz Oesterreich zwischen 13 und 14 Uhr gesperrt zu sein haben und an diesem Tage alle öffentlichen Belustigungen unterbleiben.

Alle öffentlichen Verkehrsmittel werden um 13.30 Uhr auf die Dauer von fünf Minuten stillstehen und in dieser Art an dem Gedenken um die toten Helden teilnehmen. Von allen österreichischen Schulen aus wurden bereits am 19. d. über Verfügung des Unterrichtsministeriums Trauergottesdienste abgehalten.

Bankbeamte marschieren über den Ring

Auch die Nationalbank ist vom Streik betroffen.

Neue Freie Presse am 19. Februar 1924

Wir haben heute wieder einmal einen Demonstrationsumzug gesehen. Die Bankbeamten sind in großen Scharen über die Ringstraße gezogen, und dieser Aufmarsch zusammen mit den gesperrten Lokalen der Banken und Wechselstuben zeigt für alle Welt anschaulich die Bedeutung des Kampfes, der zwischen den Banken und ihren Angestellten ausgebrochen ist.

Heute ist auch die Nationalbank vom Streik betroffen, und so müssen sich die Wirkungen für die Öffentlichkeit noch rascher einstellen. Die Versuche der Institute, einen Notdienst aufrechtzuerhalten, haben bisher die ärgsten Störungen für die Wirtschaft ferngehalten, aber es ist nicht klar, wie dies weiter bei einer längeren Dauer der Sperrung möglich sein soll. Vorderhand mußte jedenfalls schon heute das Devisen-Clearing unterbleiben.Wien ist gerade bankmäßig der Mittelpunkt für ein Gebiet, das weithin ausgeht über das Territorium unserer kleinen Republik, und die Stellung unserer Stadt als finanzielles Zentrum kann nicht unberührt bleiben, wenn hier so schwerwiegende Unterbrechungen in der Geschäftstätigkeit der Banken erzwungen werden. Auch über dieses rein finanzielle Moment hinaus ist es jedoch für Wien, in dessen Leben der Fremdenverkehr und besonders der Handelsverkehr eine solche Rolle spielt, nicht gleichgültig, wenn ein plötzlicher Streik das Gefühl der Unsicherheit hervorruft, geschäftliche Abschlüsse unmöglich macht oder doch wesentlich erschwert und die Menschen, die oft von weither die Reise hierher unternommen haben, nötigt, unverrichteter Dinge wieder abzureisen oder wertvolle Zeit zu verlieren.

Die Banken gehören zu den Mittelpunkten unseres wirtschaftlichen Lebens, aber das Schauspiel, das uns jetzt geboten wird, ist gerade ein beweis für ein sehr geringes wirtschaftliches Verständnis.

Hunderttausende wandern hungernd durch Amerika

Seit die Wirtschaftskrise Amerika ergriff, begann sich eine Armee der Enterbten zu formen.

Neue Freie Presse am 18. Februar 1934

Zweihunderttausend junge Menschen wandern durch die Vereinigten Staaten, völlig mittellos, notdürftig bekleidet und hungernd. Eine Armee in immerwährender Bewegung, unerwünschte Menschenfracht der Lastzüge, ziellos auf den endlos sich aufrollenden Landstraßen. Sie bewegt sich mit den Jahreszeiten von Ost nach West, von Nord nach Süd.

Seit die Wirtschaftskrise Amerika ergriff, begann sich diese Armee der Enterbten zu formen, im letzten Jahre schwoll sie lawinenartig zu ihrer heutigen Stärke. Es sind die ganz Jungen, die von vierzehn bis zwanzig, die am Anfang ihrer Wirklichkeiten Stehenden, die es hinausgetrieben hat aus ihren notzerrütteten Heimen in die noch größere Not der offenen Straßen. Einmal draußen, bleiben sie die Jenseitigen, immer wieder in dieses “Draußen” Zurücksoßene. Mitleid, das sie von Hand zu Hand reicht, ist das Beste, was sie erwartet. Das Gemeinschaftsgefühl der Entwurzelten ist ihr stärkster Rückhalt.

Sie erinnern an die Banden verwahrloster Jugendlicher in Sowjetrußland. Aber hier in Amerika ist es eine unendliche Kette einzelner, die in dünnen Strömen die Städte und Siedlungen von allen Seiten überfluten. Sie würden arbeiten, wenn es Arbeit gäbe. Sie ziehen von der Apfelernte in Montana nach der Orangenernte in Florida. Aber es sind Zehntausende von ihnen, die mit der Triebhaftigkeit junger Tiere der dürftigen Gelegenheitsarbeit hinterherziehen. Sie sind voll guten Willens. Am Anfang vertrauen sie jedem Weg. Aber das zeitlich und räumlich Endlose ihrer Wege tötet ihr Vertrauen. Sie werden scheu, voll verächtlicher Verschlossenheit. Ihr reizbares Alter, ihr Elend treibt sie Lockungen entgegen, denen sie unterliegen. Der nächste Schritt ist das Verbrechen.

Großbritannien debattiert über ein Alkoholverbot

Gemeinden in Wales soll es freigestellt werden, Alkoholausschank zu untersagen.

Neue Freie Presse am 17. Februar 1924

In der heutigen Sitzung des Unterhauses kam es zu einer erregten Aussprache über den Gesetzesentwurf, der es den Gemeinden in Wales freistellen soll, durch örtliche Abstimmung darüber zu entscheiden, ob ein Alkoholausschank verboten werden soll. Während die konservativen Arbeitgeber mit den radikalen Mitgliedern der Arbeiterpartei darin übereinstimmen, daß man den Gemeinden dieses Verbotsrecht nicht übertragen dürfe, traten Lloyd-George und Lady Astor für das vollständige Alkoholverbot ein.

Lloyd-George behauptete, daß England angesichts seiner ungünstigen wirtschaftlichen Lage nicht länger imstande sei, jährlich vierhundert Millionen Pfund für alkoholische Getränke zu verbrauchen. Von diesem Betrag sei zwar die Hälfte Steuerzuschläge zu den Fabrikspreisen, aber der Staat werde eine Verminderung der Einnahmen aus den Getränken ertragen können, wenn die Kriminalität abnehme, die Volksgesundheit sich bessere und die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung zunehme. Es sei bezeichnend, daß in den Vereinigten Staaten alle Geschäftsleute erfolgreich für das Alkoholverbot eintreten.

Lady Astor, die sich im Interesse der Frauen und Kinder für das Alkoholverbot einsetzte, versuchte, alle Gegner des Gesetzes durch beleidigende Zwischenrufe in ihren Reden zu stören, bis der Sprecher genötigt war, sie in schroffster Form zur Ruhe zu weisen.

Der staatsgefährliche österreichische Kellner

Die französischen Hoteliers scheinen nicht übel gewillt, den missliebigen österreichischen Pikkolo zu verdächtigen, das er unter seinem „Hangerl“ staatsgefährliche Absichten verberge.

Neue Freie Presse am 16. Februar 1924

Man hat dem Oesterreicher nur allzuoft und mit gutem Grund zum Vorwurf gemacht, daß er an der Scholle klebe, daß er den Leitsatz der ungarischen Politik und des ungarischen Patriotismus sehr zum Schaden unserer Volkswirtschaft ins Zisleithanische übersetze: Extra Austriam non est vita! Pionierehrgeiz, Ueberseesehnsucht am Ende war dem gelernten Oesterreicher von jeher wesensfremd. Erst in den letzten Dezennien vor dem Kriegsausbruch war eine leise Wandlung zu verspüren, und auch der Oesterreicher machte hie und da Miene, sich einen Platz an der Sonne anderer Länder zu erobern. Nur einer bildete von jeher eine rühmenswerte Ausnahme. Das war der österreichische Kellner, der sich in der Fremde Geltung zu verschaffen verstand und selbst dort gesucht und geschätzt war, wo recht unklare geographische und staatsrechtliche Vorstellungen über unser Vaterland in Schwung waren.

In einer Versammlung von Fachmännern, über die heute berichtet wurde, ist bitter Klage geführt worden, daß auch hier der Allzerstörer Krieg sein Vernichtungswerk auf das gründlichste besorgt hat. Viel Mühe und zähe Beharrlichkeit ist notwendig, um den Wiederaufbau dieser internationalen Beziehungen desgleichen zu bewerkstelligen. Es ist aber recht bezeichnend, wenn seufzend konstatiert werden mußte, daß die hohe Politik noch immer unübersteigbare Hindernisse und Schwierigkeiten bereitet, daß beispielsweise die französischen Hoteliers der Wiederaufnahme österreichischer Kellner sehr ablehnend gegenüberstehen. Die französischen Gastgeber scheinen nicht übel gewillt, den mißliebigen österreichischen Pikkolo zu verdächtigen, daß er unter seinem „Hangerl“ staatsgefährliche Absichten verberge, daß er und sein Kollege Speisenträger anderes auszuspionieren bestrebt seien als Kochrezepte, daß es ihnen weniger um eine wohlschmeckende „Bombe a la glace“ als vielmehr um Sprengbomben und Handgranaten zu tun sei, deren Herstellungsmethoden sie später einmal in ihrem Vaterlande in die Praxis übersetzen wollen.

Muß man wirklich erst mit gewichtigem Ernst gegen solche Mutmaßungen protestieren? Oder läge nicht die Annahme viel näher, daß die französischen Fachgenossen das Unbehagen ob einer Konkurrenz, die vielleicht auch preisdrückend wirken könnte, in ein farbenschillerndes patriotisches Mäntelchen kleiden? Nein, unsere Kellner im Auslande haben durchaus nicht im Sinn, sich in die große Politik einzumischen und die Kreise Poincares zu stören. Ihr „Bitte sehr, bitte gleich!“ bezieht sich keineswegs auf die Revanche ob des verlorenen Weltkrieges, und wenn die französischen Hoteliers und Gastwirte gut beraten sind, so werden sie früher oder später einsehen, daß wenigstens auf diesem Gebiete die Völkerversöhnung nicht gehemmt werden soll, auf die Dauer nicht gehemmt werden kann. Wenn schon die Köpfe und die Herzen einander widerstreiten, die Magen wenigstens, würden Wippchen sagen, können doch nicht allzuschwer unter einen Hut gebracht werden.

Straßensänger in Paris

Man braucht nur ein paar Schritte von den großen Boulevards abseits zu gehen und man begegnet den Straßenmusikanten.

Neue Freie Presse am 15. Februar 1924

Aus Paris wird uns geschrieben: Sonderbar, wie sich im weltstädtischen Getriebe des Pariser Straßenlebens noch immer manche reizvolle provinzielle Züge erhalten haben. Wie es in der Lichtstadt altertümliche Höfe gibt, in deren verwitterten Winkeln man sich meilenfern von dem Seinbabel träumen könnte, so braucht man nur ein paar Schritte von den großen Boulevards abseits zu gehen und man begegnet den Straßenmusikanten, um die sich in idyllischer Andacht das Publikum gruppiert, als ob man sich auf dem Marktplatze eines Dorfes befände.

Diese Wandermusikanten treten gewöhnlich als drei- oder vierblättriges Kleeblatt auf: der Sänger ist von einem Harmonikaspieler und, wenn es sich um ein besonders luxuriöses Orchester handelt, auch von einem Cellospieler begleitet. Oft genug ist der Sänger ein Kriegsinvalide, der stolz seine Auszeichnungen trägt. Sobald er seinen Gesang beginnt, nimmt er, ebenso wie die anderen Mitglieder der kleinen Künstlerschar, den Hut ab, was aber keineswegs eine Huldigung an die Kunst bedeutet, sondern eine zarte Anspielung ist, daß die Vorführung mit Absammeln schließen werde.

Nicht nur Bürgersfrauen und kleine Mädchen, sondern auch würdige Rechtsanwälte, die sich auf dem Wege ins Gericht befinden, Beamte und überhaupt Personen, denen man derartiges kaum zutrauen möchte, bleiben andächtig stehen und summen, wenn es sich um ein bekanntes Lied handelt, Text und Melodie leise mit. Wird aber ein neuer Schlager gesungen, so bietet der Sänger nach Beendigung seiner Produktion den Liedertext zum Verkaufe an und fordert das Publikum zum Mitsingen auf. Dieser freundlichen Einladung wird mit so viel Bereitwilligkeit und Temperament Folge geleistet, wie man dies höchstens noch in süditalienischen Städten beobachten kann. Unter diesen Darbietungen der Straßenfänger bekommt man nicht nur abgeleistete Schmachtfetzen von einer auf die Tränendrüsen wirkenden Rührseligkeit oder Gassenhauer von geschmackloser Erotik, sondern manchmal auch wahre Kunstwerke zu hören, Volkslieder, die sich auf den Boulevard verirrt haben und nun wie verflogene Vögel durch die Stadt flattern.

Hörbarmachung der Herztöne

Herztöne können derart verstärkt werden, dass sie in einem großen Saal vernommen werden können.

Neue Freie Presse am 14. Februar 1924

Aus Berlin wird uns berichtet: Im Institut für ärztliche Fortbildung hielt Dr. Leo Jokobsohn einen Vortrag, in dem er mitteilte, daß es gelungen sei, die Herztöne derart zu verstärken, daß sie in einem großen Saale vernommen werden können.

Der Vortrag behandelte im allgemeinen die Einführung der Kathodenröhren ins Radiotelephon, durch die es ermöglicht werden soll, eine große Anzahl biologischer und medizinischer Probleme zu lösen, denen man sonst in absehbarer Zeit wohl kaum näher gekommen wäre. Was insbesondere die Hörbarmachung der Herztöne anlangt, so setzte Dr. Jakobsohn die Methode, die er anwendete, folgendermaßen auseinander: Um die Herztöne hörbar zu machen, verwendet der Gelehrte nicht das gewöhnliche Mikrophon, sondern einen sogenannten Minenhörer, wie er auch im Kriege benützt wurde, um zu ermitteln, wo Minen gelegt wurden. Ein solcher Minenhörer läßt das Geräusch eines Spatenstiches auf die Entfernung von 70 Meter erkennen. Der Minenhörer wird auf das Herz gelegt und wandelt die Herztöne in elektrische Ströme um, die zunächst transformiert und dann durch Kathodenröhren verstärkt werden. Von einem Lautsprecher aus hallen sie dann als überall deutlich vernehmbar in den Saal hinein. Nimmt man an, daß die Kathodenröhren eine tausenfache Verstärkung ergeben und daß der Lautsprecher noch weitere fünfmal verstärkt, so kommt man auf eine fünftausenfache Verstärkung. So wird die kleine Energie des Herzschlages zu großer akustischer Wirkung gesteigert. Man hört deutlich die Bewegungen, die den Herzschlag beschleunigen, auch Unreinheiten werden verstärkt, so daß sie deutlich erkannt werden können.

Auch Störungen der Frequenz und des Rhythmus lassen sich auf diese Weise leicht ermitteln was von hohem diagnostischen Werte ist. Leitet man die Ströme des Minensuchers einer drahtlosen Sendestation zu, die sie als hochfrequente Schwingungen von jener Antenne aus verbreitet, so kann man die Herztöne in ganz Deutschland hörbar machen. Auf einem Schiffe, das von Hamburg nach Amerika fuhr, erkrankte ein Passagier. Seine Herztöne wurden in Gestalt elektrischer Welten seinem Arzt in Newyork übermittelt, der die Diagnose stellte.

Der stärkste Tabak

Zigarren- und Zigarettenraucher werden gegeneinander ausgespielt.

Neue Freie Presse am 13. Februar 1924

Den Zigarrenrauchern wird in der amtlichen Begründung der neuesten Nikotinpreistreiberei ziemlich unverblümt gesagt, daß sie sich bisher von den Zigarettenrauchern sozusagen haben aushalten lassen. Hätten diese letzteren dem Tabakmonopol nicht unter die Arme gegriffen, so wäre die ganze Sache schon längst zusammengekracht. Die Zigarren wurden ohne Gewinn abgegeben. Nur der schönen Augen der Bevölkerung wegen. Aus purem Edelmut, aus reiner Menschenfreundlichkeit. Hand aufs Nikotinherz! Wer hätte an solchen unzeitgemäßen Idealismus gedacht? Wer hätte es sich beifallen lassen, daß die Tabakregie bei ihm genau genommen daraufzahlt? Der alte Grundsatz des Absolutismus: „Divide et impera!“ Teile und herrsche! wird wenigstens auf diesem Gebiet höchst erfolgreich in dei republikanische Aera übertragen. Zigarren- und Zigarettenraucher werden gegeneinander ausgespielt.

Das einemal ist dieser das patriotische Schoßkind und jener ein verächtlicher Schädling. Bei der nächsten Gelegenheit werden die Rollen wieder vertauscht. Die Tabakregie unterscheidet sich sehr auffallend von dem lieben Gott. Dem wurde mit einiger Respektwidrigkeit nachgesagt, er halte es mit den stärkeren Bataillonen. Die Tabakregie geht den umgekehrten Weg. Wenn die Zigarrenraucher üppig werden und überhandnehmen, so werden sie durch eine tüchtige Nikotinpreistreiberei zu Paaren getrieben. Nehmen sie aber ihre Zuflucht zu der Zigarette, so wird bei der nächsten Gelegenheit der überzeugende Nachweis geliefert, daß der Staat mit der Zigarettenfabrikation ein miserables Geschäft mache.

Man könnte sich überhaupt eine geschicktere, eine besser gewickelte Begründung der neuesten Erhöhung der Zigarrenpreise denken. Das Deckblatt für diese recht unpopuläre Maßregel ist ungemein rissig. Es wird für die Zigarrenraucher nur einen höchst unzulänglichen Trost bedeuten, wenn ihnen mit dem Brustton der Ueberzeugung versichert wird, daß auch nach der neuesten Attacke gegen ihre Reihen der Staat bei den Zigaretten noch mehr verdiene als bei den Zigarren. Aber auch die Ankündigung der neuen Zigarrensorte, die den Namen „Kanzler“ führen soll, wird die allgemeine Mißstimmung des rauchenden Publikums nicht vollständig aus der Welt schaffen.

Wie denn überhaupt die Frage entsteht, ob solche Huldigung für den ersten Beamten des Staates besonders geschmackvoll ist. Warum will man es den Leuten gar so leicht machen, im oder am Kanzler ein Haar zu finden? Und dann die Regie der Tabakregie bei ihren Preiserhöhungen! War es wirklich nicht zu vermeiden, daß bereits einige Tage vorher das süße Geheimnis verraten wurde, damit zwischen den ausverkauften billigeren und den ab nächsten Montag zu erwartenden verteuerten Zigarren ein tabakloses Vakuum entstünde. Der Resteausverkauf mag ja glänzend gelungen sein: aber wenn der Tabakärar schon gegen eine Anklage wegen Preistreiberei gefeit ist, wenn es sich unbefangen rühmen darf, daß seine Fabrikate die Friedensparität nicht nur erreicht, sondern zum Teil bereits überschritten haben, der kaufmännische Geist, den man den staatlichen Betrieben nicht dringend genug wünschen kann, besteht sicherlich nicht darin, daß die schlechtesten Methoden von Winkelläden und Trödelgeschäften nachgeahmt werden.

In Linz beginnt der Bürgerkrieg

Bei einer Durchsuchung im Parteiheim der Sozialdemokraten fallen Schüsse.

Neue Freie Presse am 12. Februar 1934

Amtlich wird mitgeteilt: Wie schon vor einigen Tagen verlautbart wurde, haben der aufgelöste republikanische Schutzbund, beziehungsweise Angehörige der sozialdemokratischen Partei und dieser nahestehenden Organisationen eine gewaltsame Aktion vorbereitet. Im Zuge der durchgeführten Untersuchungen und Waffenkonfiskationen unternahm die Bundespolizeidirektion in Linz heute früh im Hotel Schiff im sozialdemokratischen Parteiheim eine Hausdurchsuchung.

Im Hause befanden sich größere Kontingente des ehemaligen Republikanischen Schutzbundes, welche sofort der Polizei bewaffneten Widerstand entgegensetzten. Unter Heranziehung von Heeresabteilungen wurde das Gebäude im Kampfe genommen, wobei ein Bundeswachebeamter getötet, mehrere Wachebeamte und Wehrmänner verletzt wurden. Auch an mehreren Stellen in Linz gingen Schutzbundabteilungen mit bewaffneter Gewalt vor. Über Linz wurde sofort das Standrecht verhängt.

In Wien haben Teile der sozialdemokratisch organisierten Arbeiter der städtischen Elektrizitätswerke die Arbeit niedergelegt. Deshalb wurde auch in Wien das Standrecht verhängt.

Anmerkung: Der Aufstand der Sozialdemokraten und ihrer Parteimiliz, dem Schutzbund, gegen die seit März 1933 autoritär regierenden Christlichsozialen und die Heimwehr unter Engelbert Dollfuß weitete sich nach den Schüssen in Linz auf Wien, die Steiermark und Tirol über. Nach vier Tagen Kämpfen mit rund 360 Toten und einem gescheiterten Generalstreik musste die Sozialdemokratie die Kämpfe aufgeben.Partei und Gewerkschaften wurden danach verboten, die Wiener Landesregierung entmachtet. Mehr dazu

Lawinenkatastrophen häufen sich

Die Bevölkerung musste von Tag zu Tag die steigende Zahl der Todesopfer zählen.

Neue Freie Presse am 11. Februar 1924

Die Lawinenstürze scheinen endlich zum Stillstand gekommen zu sein. Wenigstens hat der gestrige und der heutige Tag keine neuen Schreckensnachrichten gebracht. Auf viele Jahre zurück verzeichnet die Unglückschronik keine solche Häufung von Lawinenkatastrophen, wie sie sich in der vorigen Woche ereignet haben.

Der heurige Winter war durch einen ganz abnormalen Witterungsrückgang gekennzeichnet. Er brachte nicht nur enorme Schneefälle und lang andauernden Frost, sondern war auch durch die Kürze der Wetterperioden bemerkenswert, die in ihrem ewigen Schwanken auf die Lagerung der Schneemassen desgleichen nicht ohne Einfluß geblieben sind. Die orkanartigen Stürme, die vorige Woche über Mitteleuropa dahinrasten, fanden im Hochgebirge einen schon vorbereiteten Boden für das Niedergehen er Lawinen.

Die Häufung der schweren Schneeunglücksfälle lenkten aber auch die Aufmerksamkeit auf Rodungen in den Wäldern, und was speziell das Unglück in Vordernberg anlangt, ist in einem Teil der Öffentlichkeit der Meinung Ausdruck gegeben worden, daß die Lawine keine solchen Verheerungen hätte anrichten können, wenn die Waldbestände auf der Vordernberger Mauer nicht derart gelichtet wären, als es der Fall ist. Auch bezüglich der Bahnanlagen werden sich vielleicht Revisionen bezüglich des Lawinenstirzes als notwendig erweisen, gerade im Zusammenhange mit den starken Schlägerungen, die in den österreichischen Waldungen im Krieg und während der Nachkriegszeit vorgenommen worden sind.

Ganz zu verhüten sind natürlich solche Naturereignisse auch durch die entsprechenden forstpolizeilichen und anderweitigen Baumaßnahmen nicht. Soweit sich die Sachlage überblicken läßt, haben die lokalen und Landesbehörden sofort das Entsprechende verfügt gehabt, was zur Rettung der Opfer der Lawinenabgänge noch getan werden konnte. (...) Angesichts der ungeheuren Naturgewalt konnte aber das Ergebnis dieser Hilfsaktionen nur ein verhältnismäßig eingegrenztes sein, und mit aufrichtiger Trauer mußte die Bevölkerung von Tag zu Tag die steigende Zahl der Todesopfer zählen.

Der abgesagte Opernball

Es ist ein öffentliches Geheimnis, dass auf den Opernball verzichtet wird, weil die Zahl derer eine geringe ist, die gesonnen waren, die Mammutpreise für Eintritts- oder gar für Logenkarten zu bezahlen.

Neue Freie Presse am 10. Februar 1924

Der Opernball ist verschoben. Und in diesem Fall hat das Sprichtwort Gott sei Dank unrecht: Verschoben ist tatsächlich aufgehoben! Die Kunst darf sich bei der Börse bedanken. Wenn die Börsenkurse fallen, so steigen die Aktien Beethovens, Mozarts, Richard Wagners, dann besteht die begründete Aussicht, daß die Oper jenem Zwecke, der in der Vergangenheit wenigstens als ihr eigentlicher betrachtet wurde, nicht entfremdet wird, daß sie nicht Tanzboden werden, sondern vielmehr Kunstinstitut bleiben darf. Es ist ein öffentliches, ein sogar amtlich, oder sagen wir wenigstens halbamtlich zugestandenes bitteres Geheimnis, daß auf den Opernball verzichtet wird, weil die Zahl derer eine geringe ist, die gesonnen waren, die Mammutpreise für Eintritts- oder gar für Logenkarten zu bezahlen. Und diese Zurückhaltung wieder wird mit der augenblicklichen Börsenkonjunktur begründet. Lassen wir heute die Zweifelsfrage unerörtert, ob es angänglich ist, unsere Oper in ein Vergnügungslokal für jene Leute umzugestalten, die in Epochen der Börsenhausse in arger Verlegenheit sind, wie sie das leichtgewonnene Geld wieder zum Fenster hinauswerfen sollen. Es bleibe außer Diskussion, ob man der Wiener Oper, diesem angeblich höchsten Kulturstolz unserer Stadt, es nicht hätte ersparen können, in mehr oder weniger aussichtsreiche Konkurrenz mit den verschiedenen, reichlich genug vorhandenen Nachtlokalen zu treten.

.Angenommen, aber nicht zugegeben, daß der Sanierungszweck die Mittel heilige! Jedenfalls wäre es aber im höchsten Grade wünschenswert, wenn die verschiedenen Sanierungsprojektanten die nötige Konsequenz an den Tag legen würden, wenn man sich klar machte, daß es für die Entwicklung unserer Bundestheater, nicht nur für die künstlerische, sondern auch für die materielle, nichts Gefährlicheres geben kann, als wenn dem Publikum förmlich systematisch die Meinung beigebracht wird, es sei zur Rolle der Ratten im untergehenden Schiff verurteilt. Jeden Tag wird eine andere Methode angepriesen, das Weh und Ach unserer Bundestheater von einem Punkte aus zu kurieren. Jeden Tag wird ein anderer Teufel an die Wand gemalt. Bald heißt es Versteigerung, bald Verpachtung, bald Filmgemeinschaft, bald Kommunalisierung! Das alles geschieht mit einem solchen Unernst, so spielerisch und zusammenhanglos, so ganz in der Art der Banderiogs, der Affen in Ruyard Kiplings „Dschungelbuch“, daß man mit dem Gefühl aufrichtigen Mitleids an die Künstler denken muß, die verurteilt sind, unter solchen Umständen „die Fahne hochzuhalten“, wie der beliebte Ausdruck lautet. Es ist kein allzu großer Gewinn, daß bisher überzeugend nachgewiesen worden ist, wie Burgtheater und Oper nicht saniert werden sollen.

Zu der Erkenntnis, daß die Schnüre der Geldkatzen unserer Milliardäre nicht so locker zugezogen sind, wie gläubiger Optimismus angenommen zu haben scheint, gesellt sich jetzt die Erkenntnis, daß der Snobismus in der ehemaligen Kaiserloge der Hofoper am Büfett schmatzen und Zigarettenstummeln auf den kostbaren Teppich werfen zu dürfen, an einem Male schon genug hat und sich eine Wiederholung dieses Genusses keine sechs- oder siebenstelligen Beträge kosten lassen will. Die mangelnde Ehrfurcht für die künstlerische Tradition und für die Bestimmung des Opernhauses aber war mit einer geradezu rührenden Unkenntnis der Wiener Faschingseele gepaart. Man kann darüber urteilen, wie man will: die Tatsache bleibt bestehen, daß sich seit Jahr und Tag eine unverkennbare Abkehr von den großen Repräsentationsfesten immer deutlicher geltend macht, was auch darin seinen Ausdruck findet, daß immer mehr Bälle sich in Redouten umwandeln. Es war von vornherein ein verfehltes Experiment, sich durch den Klang des aus Paris importierten Schlagwortes berauschen zu lassen und zu glauben, daß man im Handumdrehen eine alte Pariser Institution jenem Teile der Wiener mundgerecht machen könne, welche die Mittel besitzen, solche Feste mitzufeiern. Nach der Opernredoute einen Opernball ansetzen, bedeutet eine Umkehrung der Speisenfolge, die auch für jene nichts Verführerisches hatte, denen sich bei der ganzen Angelegenheit nicht ohnehin schon der Magen umdrehte.

Russland baut das größte Flugzeug der Welt

Das Flugzeug “Maxim Gorki” soll  hauptsächlich der „geflügelten Propaganda” dienen.

Neue Freie Presse am 9. Februar 1934

Nach Meldungen aus Rußland ist jetzt im Zentralhydrodynamischen Institut ein Flugzeug in Bau, welches das größte der Welt werden soll. Der Aeroplan, der den Namen “Maxim Gorki” erhalten soll, wird siebzig bis fünfundsiebzig Personen in Salons und Kabinen unterbringen können, von denen einige auch in die Flügel eingebaut sein werden. Selbstverständlich ist auch für entsprechende Schlafräume gesorgt.

Der “Maxim Gorki” soll hauptsächlich der „geflügelten Propaganda” dienen und wir dementsprechend ausgestattet. Er wird photo- und kinematographische Laboratorien, eine Radiosende- und -empfangsstation, Fernsehapparate enthalten, ferner unter den Flügeln montierte Lautsprecher, durch die aus der Luft Reden und Nachrichten übermittelt werden.

Sollte der Luftkreuzer gezwungen sein, auf freiem Felde niederzugehen, so wird ein mitgeführtes Motorrad ermöglichen, die Verbindung mit der nächsten Ortschaft herzustellen., Ein dichtes Netz von Telephon- und Sprachrohranlagen sorgt im Inneren des Riesenflugzeuges für rascheste Verständigung.

Anmerkung: Die Tupolew ANT-20 “Maxim Gorki” startete am 17. Juni 1934 zu ihrem Erstflug.  Am 18. Mai 1935 stürzte sie bei einem Paradeflug über Moskau mit Arbeitern der Flugzeugfabrik und deren Angehörigen an Bord ab. Grund für das Unglück war ein Kunstflugmanöver, das ein I-5-Jäger als Begleitflugzeug neben der ANT-20 ausführte und dabei eine Tragfläche rammte. 49 Menschen kamen bei dem Absturz ums Leben.

Österreichs Wiederaufbau als Vorbild

Zwei hochrangige Briten loben die wirtschaftliche Entwicklung Österreichs.

Neue Freie Presse am 8. Februar 1924

In London wurden gestern Lobreden auf Österreich gehalten. Der Lord-Präsident des Geheimen Rates und Sprecher der neuen Regierung im Oberhause Lord Parmoor war zugegen und Lord Balfour, der bekanntlich bei der Genfer Aktion die entscheidende Rolle gespielt hat. Das Festbankett der Englisch-Österreichischen Gesellschaft wurde durch die Teilnahme dieser zwei Staatsmänner und durch die Ansprachen, die sie hielten, zu einer politischen Kundgebung von Bedeutung.

Die Reden auf Österreich wurden zugleich zu Lobreden auf den Völkerbund. Lord Balfour bezeichnete den österreichischen Wiederaufbau als den größten Erfolg, den der Völkerbund bisher zu verzeichnen gehabt habe und erklärte, daß die Erinnerung  an diese Tat den Pessimismus verscheuchen könne.

Lord Parmoor knüpfte an diese Worte gewissermaßen an, und er gedachte der Lage Deutschlands und der großen Aufgabe der nahen Zukunft, nun Deutschland Hilfe zu bringen. (...) Für Österreich ist es eine große Genugtuung, daß seine Anstrengungen neuerdings so klare Anerkennung finden und daß seine Entwicklung als vorbildlich angesehen wird. Und es ist eine nicht geringere Genugtuung und Freude für uns, daß einer der führenden Männer der englischen Regierung gerade ein österreichisches Fest in London zum Anlaß genommen hat zu einem Appell zugunsten der Befreiung Deutschlands aus seiner Not.

Soll es ein Recht auf Abtreibung geben?

Die Regierung überlegt geringere Strafen für Schwangerschaftsabbrüche. Das gehe nicht weit genug, meint die “Presse”.

Neue Freie Presse am 7. Februar 1924

Es ist bereits als ein entschiedener Fortschritt zu begrüßen, daß heute im Finanzausschuss des Nationalrates auch vom Regierungstische aus in einer brennenden Frage dem bequemen Grundsatz des “Wer darf vor keuschen Ohren nennen…” ganz entschieden entgegengehandelt wurde. Diese Frage steht nicht erst seit gestern auf der Tagesordnung der Öffentlichkeit. Nur hat man sich scheu und verlegen an ihr vorbeigedrückt, hat sich willig damit abgefunden, daß die veralteten Bestimmungen unseres Strafgesetzbuches über die Abtreibung der Leibesfrucht geltendes Unrecht geblieben sind.

Die einen, die blinder Zufall unter die Räder der Gesetzesmaschine geraten ließ, werden mit schwerer Ahndung, mit Vernichtung der bürgerlichen Existenz bedroht, während die anderen, die Glücklicheren, mit behendem Fuß den verrosteten Fußangeln auszuweichen wissen, die im Paragraphengestrüpp liegen geblieben sind. Der Vizekanzler hat heute die Reformbedürftigkeit und Reformreife der einschlägigen Bestimmungen zugegeben. Er hat auch darauf verwiesen, welche Unbill darin gelegen ist, daß die Strafbarkeit wegen Unterbrechung der Schwangerschaft geradezu ein Privileg der minderbemittelten Schichten der Bevölkerung ist. (...)

Noch immer spukt die optimistisch-utilitaristische Weltanschauung der Theologen herum, noch immer will man auch auf diesem Gebiete von einer wirklichen Trennung von Staat und Kirche nichts wissen, noch immer hat man sich vor allen Dingen nicht genügend klargemacht, daß der alte Militärstaat versungen hat, und daß daher kein staatliches Interesse daran besteht, Alkovenspionage zu betreiben. Auch in dieser Hinsicht wird man jedoch schließlich nicht daran vorbeikommen können, daß die Frau in der modernen Gesellschaft eine ganz andere Stellung einnimmt als in jener grauen Vergangenheit, da zu Beginn des vorigen Jahrhunderts jene Strafgesetzparagraphen geformt wurden, die beinahe unverändert in das geltende Strafgesetzbuch übersiedelt sind

.Es widerspricht jedoch unserer sittlichen Anschauung, die Frau ausschließlich als Gebärmaschine zu werten und ihr das Selbstbestimmungsrecht darüber zu versagen, ob sie ein Kind zur Welt bringen will oder nicht. Das generelle Verbot der Fruchtabtreibung hat sich längst als undurchführbar erwiesen. Leider verspricht der Ausweg, dessen Möglichkeit der Vizekanzler heute andeutete, keine genügende und durchgreifende Abhilfe. Damit wäre nämlich blutwenig getan, wenn man sich begnügte, die angedrohten Strafen herabzusetzen, die Abtrteibung fernerhin nicht mehr als Verbrechen, sondern bloß als Vergehen zu betrachten und als solche milder zu bestrafen.

 Das wäre bloß eine neuösterreichische Halbheit. Es stünde sogar zu befürchten, daß solche gutgemeinte Abänderung eher nachteilige Folgen nach sich zöge. Das Risiko gewissenloser Hebammen und anderer ungeübter Personen würde geringer. Das Hauptrisiko der verzweifelten und unglücklichen Frau, die durch Unberufene einen Eingriff vornehmen ließe, würde hingegen dasselbe bleiben. Das Risiko der Gesundheit nämlich oder gar des Lebens. Man wird Farbe bekennen müssen und die Frage des Rechtes auf kein Kind ohne Voreingenommenheit und ohne atavistische Scheuklappen zu beantworten haben. 

Die Beförderung von Hunden auf der Straßenbahn

Tierfreunde befürchten, dass nach erfolgter Elektrifizierung auf der Stadtbahn das Mitnehmen von Hunden, wie das bereits auf der Straßenbahn der Fall ist, nicht gestattet sein wird.

Neue Freie Presse am 5. Februar 1924, Abendblatt

Unter der Führung des Abgeordneten Forstner sprach gestern vormittag beim Bürgermeister Seitz eine Abordnung des Wiener Tierschutzvereines un des Oesterreichischen Kynologenverbandes vor. Präsident Hofrat Führer und Vorsitzender Dr. Karl Witzelhuber machten den Bürgermeister darauf aufmerksam, daß gegenwärtig auf der Wiener Stadtbahn die Beförderung von Hunden gestattet sei. Da die Gemeinde nunmehr die Stadtbahn elektrifiziere und auf der Straßenbahn Hunde nicht befördert werden, befürchten die Tierfreunde, daß nach erfolgte Elektrifizierung auch auf der Stadtbahn das Mitnehmen von Hunden nicht gestattet werden würde. Dadurch werde aber eine rationelle Ausbildung der Hunde zur Führung Blinder, der Polizeihunde, Jagdhunde usw. sehr erschwert, da diese Ausbildungsgelegenheiten meist sehr weit entfernt sind und die Besitzer der Hunde diese weiten Strecken zu Fuß zurücklegen müßten.

Die Abordnung verwies ferner darauf, daß nicht nur in Graz und Linz, sondern auch in einer Reihe großer deutscher Städte, wie Berlin, Dresden und München, das Mitnehmen von Hunden in die Straßenbahn gestattet sei. Die Gemeindeverwaltung möge daher ebenfalls die Beförderung von Hunden auf der Straßenbahn gestatten. Der Bürgermeister sagte, daß derzeit dieser Wunsch noch nicht erfüllt werden könne, da die Straßenbahnwagen meist stark überfüllt sind. Bei der Elektrifizierung der Stadtbahn werde über die Beförderung von Hunden noch beraten werden. Die Abordnung sprach dann noch bei dem amtsführenden Stadtrat für die städtischen Unternehmungen, Vizebürgermeister Emmerling, vor, der in Anwesenheit des Straßenbahndirektors Ingenieur Spängler eine wohlwollende Lösung dieser Angelegenheit im geeigneten Zeitpunkt in Aussicht stellte.

Zum Tod des amerikanischen Ex-Präsidenten Woodrow Wilson

Woodrow Wilson ist unter den tragischen Gestalten der großen Welttragödie, die wir seit einem Jahrzehnt erlebten, eine der tragischsten.

Neue Freie Presse am 4. Februar 1924

Ein Einsamer ist gestern gestorben. Vor fünf Jahren war Woodrow Wilson für die halbe Menschheit eine größere Hoffnung und schien seine Gestalt sich zur übermenschlichen Größe eines Messias zu erheben. Die Enttäuschung ist damals rasch gekommen und schon die letzten Monate seiner Präsidentschaft, von der er im Frühjahr 1921 abtrat, sahen ihn ohne Macht und Ansehen, verflucht von den einen, belächelt von den andern. Beides, Fluch wie Spott, waren ungerecht, aber sie waren begreiflich nach dem Uebermaß der Gläubigkeit, mit der man von ihm die Rettung aus dem Chaos, die Ueberwindung alles Bösen, die Zertretung des Kriegsgeistes und des Völkerhasses erwartet hatte. Der Umschwung im Winter der Pariser Friedensverhandlungen war zu groß gewesen und der Gegensatz zu kläglich zwischen dem Prediger eines neuen Weltheils und dem Politiker, der in der Gesellschaft routinierter Diplomaten und Minister versagte.

Woodrow Wilson ist unter den tragischen Gestalten der großen Welttragödie, die wir seit einem Jahrzehnt erlebten, eine der tragischsten. Man darf wohl sagen, daß kaum je ein Mann unter so günstigen Auspizien, wie er, an den Stufen des höchsten Menschenruhmes gestanden hat. Er war Präsident der Vereinigten Staaten, die an Macht und Reichtum von Monat zu Monat zunahmen, während Europa sich zerfleischte, und auf die alle Blicke der europäischen Nationen gerichtet waren. Der Präsident dieses Riesenreiches mochte als der natürliche Mittler erscheinen, als vom Schicksal Berufener, um die Völker aus dem Krieg zum Frieden zurückzuführen und unter dem Protektorat eines neutralen Amerika eine gerechtere Welt aufzubauen. Millionen erschien Wilson auch als Mensch für diese Mission wohl geeignet. Denn er war ein Kind jenes amerikanischen Puritanismus, der als eine Abzweigung des englischen dessen Züge bewahrt hat und der das eigene Volk als von Gott dazu auserwählt betrachtet, der Welt ein Beispiel rechten Menschentums zu geben. Diesen Kreisen entstammten von jeher eifrige Missionäre, die zugleich für ihren Gott und für ihr Land werben gingen und in ihnen waren auch die Ideen des Pazifismus und der Völkerverbrüderung längst heimisch.

Der demokratische junge Historiker Woodrow Wilson stand früh unter dem Einfluß dieser Gedanken. Ueber dem Studium der Grundsätze Rousseaus und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung war er, wie Professor Lammasch einmal über ihn schreibt, zu ähnlichen Theorien gekommen, wie ein Jahrhundert vor ihm Immanuel Kant. Und seit er dann öffentlich zu wirken begann, dachte der Professor sich wohl seinen berühmten Landsmann William Penn als Vorbild, von dem er selbst sagte: Er sei eine Art geistiger Ritter gewesen, der auf seine Abenteuer auszog, um die Fackel voranzutragen, die ihm in die Hand gegeben war, auf daß der Menscheit der Pfad, der zur Gerechtigkeit und Freiheit führt, erleuchtet werde. In seinen Reden, in seinen großen Kundgebungen gab sich Wilson als ein solcher Fackelträger, trat er auf als der Apostel einer neuen Heilslehre.

Was hätte er leisten können, wäre er gewesen, was die anderen, was er selbst geglaubt hatte. Aber schon ehe er nach Paris herüberkam, hatte er die schwersten Fehler begangen und gezeigt, daß der Apostel nur ein Professor war, wenn auch von einem besonderen Zuschnitt und von dem reinen Willen, auf der Höhe, auf die ihn das Schicksal gestellt hatte, für das Gute zu wirken. Viele nahmen ihn freilich von Anfang an nicht ernst, und gerade unter seinen Mitbürgern gab es keine geringe Anzahl, die ihm Heuchelei und politische Winkelzügigkeit vorwarfen. Vor dem Kriege als Nachfolger von Taft, hatte er in der inneren und äußeren Politik die demokratischesten Gesichtspunkte vertreten, in den mexikanischen und chinesischen Angelegenheiten jede Eimischung in fremde Verhältnisse verdammt und in der Frage der Trusts mit ihrer Politik der geheimen Konventikel, wie er sie genannt hat, den in der Masse populären Standpunkt vertreten. Damals war Hartnäckigkeit eine seiner bezeichneten Eigenschaften gewesen und auch später, in seinem Verhalten von Beginn des Weltringens bis zum Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg, hatte er diese Starrheit, dieses Festhalten an einmal aufgestellten Thesen bewiesen, von denen er keine Abweichungen zulassen wollte. Aber seine heimischen Gegner fanden schon da manchen Widerspruch zwischen dem demokratischen Gehaben und dem Gewährenlassen der Schwerindustrie, die Amerika systematisch in den Krieg hineintrieb und die Idee des Kampfes gegen Deutschland auf dem Wege über die Börse popularisierte. Lincoln Colcord nannte in der Newyorker „Nation“ den Präsidenten in einem später entworfenen Porträt einen Charlatan von besonderer Fähigkeit zu vollständiger Selbsttäuschung und unglaublicher Selbstzufriedenheit. Erst habe er die vierzehn Punkte aufgestellt und in ihnen Amerikas Ideale in Worte gekleidet und dann habe er sich tatsächlich einzubilden vermocht, daß die Geheimverträge, die er aus Paris mitbrachte, noch immer die selben vierzehn Punkte seien.

Die Pariser Konferenz war das Grab der Willsonschen Größe. Hier, in den Beratungssälen, in denen die Sieger die neue Weltkarte zeichneten und in denen ein Feilschen um Länder und Völker geführt wurde, schamloser und verheerender als je in den Tagen des verrufenen Wiener Kongresses, hier ward Wilson rasch zu einer fast tragikomischen Figur. Die Franzosen erkannten bald seine Eitelkeit und wußten sie vom Augenblick seiner Landung an geschickt zu benützen. Noch als er in den Kreis der Alliierten eintrat, fürchtete ihn jeder als den Repräsentanten des mächtigen Amerika als den Träger von Ideen, die in den Massen auch der Siegerstaaten bereits gewaltige Anhängerscharen hatten. Wohl war seine Situation durch die deutsche Katastrophe bereits erschwert, denn der innere Niederbruch Ludendorffs und der Waffenstillstand, der aus ihm folgte, hatten den Ententegeneralen in Zivil und Uniform das Gefühl der Unabhängigkeit von den kurz zuvor noch untertänig erflehten amerikanischen Divisionen gegeben. Aber immerhin, hinter Woodrow Wilson stand doch das Riesenreich mit seiner neugewonnenen außerordentlichen finanziellen Vormachtstellung, hinter ihm stand sein eigener großer Ruf, hinter ihm standen die Hoffnungen der Völker.

Wie hat er diesen Besitz ruhmlos vertan und verschleudert. Sein erster Fehler war, daß er sich sachlich und technisch gänzlich unvorbereitet nach Europa begab, statt vom Weißen Haus in Washington aus die Rolle des mächtigen Schiedsrichters zu übernehmen. Und dann in Paris selbst war sein ganzer monatelanger Aufenthalt eine Kette von politischen Schlappen. Keynes, der ihn damals an der Arbeit sah, bezeichnete ihn als einen blinden und tauben Don Quichotte, unfähig, seine Gedanken zu vertreten, in Rede und Wechselrede für sie einzustehen und sie den Menschen mundgerecht zu machen. Seine Ungewandtheit erregte allgemeines Erstaunen, und bald sahen die Clemenceaus und alle die anderen Baumeister der Friedensverträge, daß er tatsächlich keine Pläne, keine Vorschläge, keine konstruktiven Ideen über den Ozean mit herübergebracht hatte, daß er waffenlos war und leicht zu bekämpfen und zu besiegen.

Und sie besiegten ihn gründlich. Sie wußten ihm einzureden, daß alles, was sie, die Gedanken der vierzehn Punkte, in deren Namen die Waffenruhe zustandegekommen war, vergewaltigend, in ihre Friedensparagraphen aufnahmen, daß alles das diesen Gedanken entspreche. Sie brachten ihn so weit, daß er in seiner Denkschrift über die Adria die Londoner Abmachungen, mit denen in der Hand Italien in den Krieg eingetreten war, fast gänzlich mit seiner Autorität deckte, erst viel später das Unheil dieser Anerkennung begreifend. Freilich, eine gewaltige Hilfe war seinen Ueberwindern, daß er schon damals fast allein stand, daß er gerade in seiner Heimat, die Mehrheit nicht mehr hinter sich wußte und mit der Stimmung zu kämpfen hatte, die, angeekelt und verärgert durch die Pariser Erfahrungen, den innenpolitischen Umschwung beschleunigte und die Partei der Abwendung von Europa rasch anwachsen ließ. So blieb nichts übrig als der Gedanke des Völkerbundes, aber nachdem man den anderen großen Gedanken der nationalen Selbstbestimmung völlig einseitig nur im Interesse der Sieger und ihrer Protegés verwirklicht hatte, blieb auch der Völkerbund eine Waffe in der Hand der europäischen Alliierten, ein unfertiges Gebilde, das erst allmählich sich von den Fesseln, in die es geschnürt wurde, loszumachen hoffen kann, und das trotz seiner großen Leistungen gerade für Oesterreich und nun für Ungarn auch heute noch der Sehnsucht der Völker für diese Idee so gar nicht entspricht. Gleichwohl, die Begründung dieses, wenn auch so unfertigen und so mißgestalteten Völkerbundes wird mit Wilsons Namen verknüpft bleiben und als sein historisches Verdienst angemerkt werden.

Heute, im Augenblick des Todes dieses Mannes, der in den Annalen des Weltkrieges immerhin eine so große Rolle spielen wird, muß man gerechterweise neben seinen Schwächen auch dieses Verdienst feststellen. Das Tragische an ihm war, daß man ihn für mehr hielt, als er gewesen ist, daß das tiefe Verlangen, der Wunsch der durch die Kriegsgreuel gequälten Menschheit nach einer großen und überragenden Gestalt, nach einem Heilbringer ihn zu einer Höhe erhob, der er, der wirkliche Wilson, ganz und gar nicht gewachsen war. Millionen sahen in ihm ein Licht, und mußten erkennen, daß es ein Irrlicht war. Millionen glaubten an ihn und wurden enttäuscht. Seine Schuld aber war, daß er diesen Glauben zuerst durch große Worte gestützt hat und daß er diese Enttäuschung ins Ungeheure steigerte durch die menschlichen Schwächen der Eitelkeit und der Unbelehrbarkeit. Wieviel hat die Welt, wieviel haben besonders wir, hat besonders das deutsche Volk unter diesem Versagen, unter dieser Abtrünnigkeit Woodrow Wilsons gelitten. Unter den Schuldigen der Weltkatastrophe, des Chaos von heute, ist er mit in erster Reihe. Daß man diese seine Schuld als eine tragische bezeichnen kann, macht sie nicht geringer. Trotzdem aber wird Woodrow Wilsons Gestalt, wenn auch die Ereignisse mehr schwächliche als große Züge in sie eingezeichnet haben, im Gemälde unserer Zeit einen vordersten Platz innehaben.

Die Katastrophe der russischen Stratosphärenflieger

Es wurden keinerlei Anzeichen einer Vereisung der Hülle und Gondel entdeckt.

Neue Freie Presse am 3. Februar 1934

Die Kommission, die am Orte der Katastrophe des Stratophärenballons die Untersuchung durchgeführt hat, stellte fest, daß ein Teil der wissenschaftlichen Apparate der Piloten zerschlagen, der andere Teil halb zerstört ist. Die Niederschriften der Flugteilnehmer und die Niederschriften der Barographen sind vollkommen erhalten. Die Kommission hat weiter festgestellt, daß der Stratosphärenballon um 12.33 Uhr eine Höhe von 22 Kilometer erreichte, auf der er sich bis 12.45 Uhr hielt, worauf der Abstieg begann. Die Notizen des Bordjournals wurden regelmäßig eingetragen. Die letzte Eintragung ist von 16.10 Uhr. Diese Zeit betrachtet die Kommission als den Katastrophenbeginn. Der Barograph setzte seine Arbeiten um 16.21 Uhr aus. Die Zeiger der Taschenuhr Wassenkos blieben infolge des Aufschlages der Gondel um 16.23 Uhr stehen.

Die Ursache der Katastrophe ist die überaus progressiv wachsende Schnelligkeit des Niederganges des Stratophärenballons, was augenscheinlich ein Zerreißen eines Teiles der Stropps und eine Störung des Gleichgewichtes des ganzen Systems zur Folge hatte, weshalb sich die Gondel von der Hülle losriß und zur Erde stürzte. Es ist festgestellt, daß die Flugteilnehmer infolge dieses Aufschlages ums Leben gekommen sind. Es wurden keinerlei Anzeichen einer Vereisung der Hülle und Gondel entdeckt. Das von einem Radioamateur empfangene Radiogramm, das eine Vereisung des Stratosphärenballons mitteilte, entspricht daher nicht der Wirklichkeit.

Aus allen erhaltengebliebenen Niederschriften geht hervor, daß während der ganzen Flugzeit bis 14.10 Uhr die Besatzung des Stratophärenballons guter Stimmung und von dem Gelingen der Landung fest überzeugt war. Aus den Niederschriften und den Apparatresten konnte die große wissenschaftliche Arbeit, die die Flugteilnehmer geleistet haben, festgestellt werden.

Die Häufung tödlicher Straßenunfälle in England

Die Festsetzung einer Höchstgeschwindigkeit wird verlangt. In ein neues Gesetz dürfte diese Bestimmung aber nicht aufgenommen werden. Dafür dürften Fußgängern Strafen drohen.

Neue Freie Presse am 2. Februar 1934, Abendblatt

Der kürzlich vom Ministerium des Innern veröffentlichte Bericht über die Häufung tödlicher Straßenunfälle in England hat in der Bevölkerung, insbesondere bei den Mitgliedern der gesetzgebenden Körperschaften, alarmierend gewirkt. Von allen Seiten wurde die Regierung aufgefordert, eine gesetzliche Bestimmung über den Straßenverkehr zu erlassen, da offenbar die bisherigen nicht ausreichen, die Gefahren der Straße auf ein Minimum zu reduzieren. In erster Linie richten sich die Angriffe gegen die Autowildlinge, und dementsprechend verlangt man die Festsetzung einer Höchstgeschwindigkeit und strenge Strafen für Geschwindigkeitsexzesse.

Die Regierung ist nun daran, ein neues Verkehrsgesetz auszuarbeiten, dessen Fertigstellung aber kaum vor Ostern zu erwarten ist. Soweit darüber bekannt wird, ist nicht beabsichtigt, in das neue Gesetz eine Bestimmung über eine Höchstgeschwindigkeit aufzunehmen, da es schon jetzt die lokalen Behörden in der Hand haben, in ihrem Bereich Geschwindigkeitsgrenzen festzusetzen. Immerhin sind auch in dieser Richtung strenge Maßnahmen zu erwarten. Wichtig ist, daß das neue Gesetz eine Strafe für Fußgänger festsetzen wird, die wild an beliebigen Stellen die Straßen überqueren oder sich nicht an die Zeichengebung der den Verkehr regelnden Beamten halten.

Die mangelhafte Beheizung in den Mittelschulen

Hierin tritt wieder die stiefmütterliche Behandlung der Schulen zutage.

Neue Freie Presse am 1. Februar 1924

Aus Kreisen der Wiener Mittelschullehrer wird uns geschrieben: Schon seit mehreren Jahren wird über die höchst mangelhafte Beheizung der Wiener Mittelschulen Klage geführt, da das Heizen durch eine Reihe behördlicher Erlässe gedrosselt wird, die übrigens auch das Lüften der Schulräume fast unmöglich machen. Auch hierin tritt wieder die stiefmütterliche Behandlung der Schulen zutage. Es gibt Rentner, für die es keine Heizvorschriften zu geben scheint, und es war ein merkwürdiger Kontrast, als im vorigen Winter in einer Mittelschule Lehrer und Schüler vormittags bei 9 Grad, nachmittags sogar bei 4 Grad frieren mußten, während in einem benachbarten Amtsgebäude die Fenster offen standen, weil die Bureauräume überheizt waren.

In dem heutigen außergewöhnliche strengen Winter hoffte man auf eine Zurücknahme der erwähnten Erlässe. Statt dessen wurden die Direktoren kürzlich auf das peinlichste durch einen neuen drakonischen Erlaß überrascht, der sie unter persönlicher Haftung verpflichtet, in diesem Winter eine 30prozentige Ersparnis an Brennmaterial zu erzielen. Als Grund wird das angeblich hochwertige Material angeführt, das den Schulen geliefert wird. In den kalten Klassenzimmern merkt man allerdings von dem hohen Werte dieses Materials nichts. Gleichzeitig wird das Verbot der Beheizung der Räumlichkeiten, welche die Lehrmittelsammlungen enthalten, erneuert. Es wird also zum Beispiel dem Professor für Physik, der sich täglich stundenlang in seinem Kabinett aufhalten muß, um die Experimente für den nächsten Schultag vorzubereiten, zugemutet, dies in einem während des ganzen Winters ungeheizten Raume zu tun.

Es wird Sache des Verbandes der Mittelschullehrer und der Direktorenvereinigung sein, dieser unwürdigen Behandlung der Lehrer und der Schule mit Entschiedenheit entgegenzutreten. Auch die Eltern gedenken, sich eine derartige Gefährdung der Gesundheit ihrer Kinder nicht bieten zu lassen, und diese Angelegenheit wird voraussichtlich in den nächsten Sitzungen des an jeder Mittelschule eingerichteten Elternrates zur Sprache kommen.

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