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Zeitreise

Heute vor 100 Jahren: Die Hausherren wollen streiken

Wenn Haustore und Wasserversorgung abgesperrt werden, was wird die Polizei dann für die Mieter tun können? Sorge geht um.

Neue Freie Presse am 3. Oktober 1922

Nach den Verhandlungen und Beratungen, die heute den ganzen Tag über stattgefunden haben, muß die Be­fürchtung ausgesprochen werben, daß ein großer Teil der Hausbesitzer, unterstützt von den Hausbesorgern, morgen nachmittag um 6 Uhr tatsächlich den Versuch unternehmen wird, die Haustore zu schließen und die Wasserleitungen ab­zusperren. Polizei und Magistrat stehen, wie nicht anders zu erwarten war, in dieser Frage uneingeschränkt auf seiten der Mieter und erklären sich bereit, durch polizeiliche Intervention für das Offenhalten der Haustore und der Wasserleitungen Sorge tragen zu wollen.

Es wird natürlich ganz davon abhängen, in welchem Umfange der Streik durchgeführt wird, ob die Sicherheitsbehoerde diese ihre Zusage auch tatsächlich einzulösen imstande sein wird. Unter allen Umständen sind schwere Unzukömmlichkeiten, Polizeiliche und strafgerichtliche Anzeigen, Zivilprozesse, Streitigkeiten sonder Zahl zu befürchten. Die Berechtigung der Hausbesitzerschaft nach einer Steigerungsmöglichkeit der Mietzinse innerhalb gewisser Grenzen wird durch die Stimmung, die ein solcher Schreck auslösen muß, gewiß keine Festigung erfahren. Es zeigt sich jetzt, welcher Fehler es war, die Frage parlamentarisch allzu lange hinhaltend behandelt zu haben, denn die Geldentwertung der letzten Wochen mußte es jedem Einsichtigen klar machen, daß der Hausbesitz vor dem Novembertermin einen Sturmlauf gegen die Mieterschutzbestimmungen unternehmen werde. So sind kostbare Wochen verstrichen, und heute wird die Frage in einem möglichst wenig dafür geeigneten Zeitpunkte mit Mitteln zu lösen versucht, welche die schwersten Bedenken wachrufen müssen.

Der Auffassung der Behörden, daß durch die Nicht­beleuchtung der Stiegen und durch die Absperrung der Wasserleitungen eine Gefährdung der persönlichen Sicherheit entstehen könnte, daß die vorzeitige Schließung der Haus­tore praktisch der Tatsache gleichkomme, nicht in die eigene Wohnung gelangen zu können, setzen die Hausherren die Erklärung entgegen, daß mit der Einführung des Torschlüssels die Wohnparteien sich darauf eingerichtet haben, nach 10 Uhr nachts die Stiegen, auch wenn sie von der Hausverwaltung nicht beleuchtet würden, ohne Gefährdung ihrer Sicherheit zu passieren. Nun müßten sie das eben schon um 6 Uhr nachmittags tun. Es gebe, sagen die Hausherren, auch heute noch Häuser in Wien, die nur einen Wasser­auslauf im Erdgeschoß besitzen, und wenn es in solchen Häusern möglich sei, sich mit Wasser zu versorgen, so müßte dies in der Streikzeit in allen Häusern geschehen können, ohne daß dadurch die persönliche Sicherheit der Einwohner berührt werde.

Die Wirkung des Streiks wird natürlich auch nach der Lage des einzelnen Hauses, nach der Zahl seiner Mieter, nach der Art ihrer Beschäftigung, auch nach ihrer politischen Orientierung verschieden sein. Die Arbeiterbevölkerung fürchtet, daß, wenn die erste Masche in dem Netz des Mieter­schutzes gelockert wird, bald vielleicht das ganze Gewebe zer­stört werden könnte, und verweigert daher ihre Zustimmung zu jeder Erhöhung der Mietzinse, trotzdem sie sich darüber im klaren ist, daß Jahreszinse von einigen wenigen tausend Kronen heute einen durch nichts zu rechtfertigenden Ana­chronismus darstellen. Man hört auch, daß in den äußeren Bezirken die Mieter willens sind, zur Selbsthilfe zu schreiten, eine „technische Nothilfe" zu organisieren, die sich leicht zu einer ständigen Einrichtung entwickeln und Hausbesorger und Hausverwalter überflüssig machen soll.

Die anderen Punkte des Streikprogramms, wie Ver­weigerung der Entgegennahme jetzt fälliger Monatsmieten für den Monat Oktober, können dadurch paralysiert werden, daß der Mieter den Zins bei Gericht erlegt. Die Verweigerung der Einhebung und Abfuhr von Umlage und staatlichen und städtischen Steuern zum Mietzins wird natürlich für die ohnedies überlasteten Steuerämter überflüssige Mehrarbeit bringen. Die Lahmlegung von Telephon, Telegraph und Post durch Entfernung der Dachständer, der Briefkasten und die entsprechenden Maßnahmen gegen die  Befestigungsvorrichtungen der Straßenbahnoberleitung sind nur leere Schreckschüsse, es wird sich wohl kaum ein Hausherr beifallen lassen, über die Kündigung des bezüglichen Abkommens Hinauszugelfen und solche Einrichtungen gewaltsam zu entfernen oder zu zer­stören, weil dies nach § 85 und 89 des Strafgesetzes das Verbrechen der öffentlichen Gewalttätigkeit bedeuten würde.

Der Kernpunkt des Streikprogramms ist die Sperrung der Haustore und der Wasser­leitung. Im Interesse der Erhaltung des sozialen Friedens darf gehofft werden, daß die Hausbesitzer vielleicht doch im Laufe des morgigen Tages den elementarsten Be­dürfnissen der Bevölkerung so weit Rechnung  ragen werden, daß sie diese beiden Programmpunkte zunächst ausschalten, wenn ihnen vielleicht Zusicherungen gemacht werden, daß über ihre Forderungen baldigst beraten und entschieden werden soll. Der 1900fache Friedenszins, auf den sich die gestrigen Protestversammlungen der Hausbesitzer nicht nur in Wien, sondern auch in den Provinzhauptstädten festgelegt haben, wird zunächst ein unerfüllbarer Traum bleiben, denn das wäre eine Steigerung, die in manchen Fällen einer Kündigung gleichkäme, und an dem Mieterschutz in dieser Richtung darf nicht gerüttelt werden.

Heute vor 100 Jahren: Ein kommunistisches Monte Carlo

Der Moskauer Sowjet hat den Garten „Eremitage" als Kasino an Privatunternehmer verpachtet.

Neue Freie Presse am 2. Oktober 1922

Aus Riga wird gemeldet: Der Moskauer Sowjet hat den Garten „Eremitage" als Kasino an Privatunternehmer verpachtet, welche dem Sowjet einige Trillionen Rubel als Pachtsumme zahlen. Das ist eine gewöhnliche Spielhölle, in der trotz des Dekrets vom 11. August d. J., das alle Hasardspiele aufs strengste verbietet, wahre Spielorgien stattfinden. Roulette ist auch vorhanden.Es werden allnächtlich Hunderte von Milliarden im Spiel umgesetzt, welches bis 10 Uhr morgens dauert. Die Einrichtung ist die in diesen Lokalen übliche. Alle nötigen „Akzessorien“ sind vorhanden. Dem Kasino werden 50 stark bewaffnete Rotarmisten als Bewachung und zum Schutz gegen Ueberfälle zur Verfügung gestellt.