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Kanalinsel

Kriegstunnel und Teufelsloch auf Jersey

Die Kanalinsel Jersey hat die drittstärksten Gezeiten der Erde, eine bewegte jüngere Geschichte und trotz seiner überraschenden Winzigkeit jede Menge Platz für Wanderungen, Radtouren und Biolumineszenz-Treks.

Geologisch und topologisch gesehen müsste es sich bei Jersey (100.000 Einwohner) um eine französische Insel handeln, liegt sie doch nur 24  Kilometer von der französischen, aber beachtliche 160 Kilometer von der britischen Küste entfernt. Die Geschichte wollte es anders. Jerseys Status ist kompliziert. Europäische Union war es nie, sonst hätte der Oligarch Roman Abramovich hier nicht einen Löwenanteil seiner Beute parken können. Doch Jersey war auch nie United Kingdom oder Kronkolonie – Londons Parlament hat keinen Zugriff. Es handelt sich vielmehr um einen direkt der Krone unterstellten autonomen Kronbesitz.

„Lohnt sich ein Angriff?“, dachten Pariser Außenpolitiker in den vergangenen Jahrhunderten wohl das eine oder andere Mal angesichts des 119 Quadratkilometer kleinen Objekts vor ihrer Küste. „Ça ne vaut pas le coup“, entschieden sie regelmäßig. Lediglich 1461–68 fiel es an die Franzosen; das letzte Mal versuchten sie bei der „Battle of Jersey“ (1781) ihr Glück – Niederlage.

Das Meer kommt und geht

Vor 250.000 Jahren lebten Menschen in jerseyschem Gebiet, damals noch Festland, und später trieben sich Neandertaler hier herum. Vor 6000 Jahren vereilandete die Scholle und entwickelte golfstrombedingt ein partiell mediterranes ­Mikroklima. Die Frühlinge mit ihren Blumenteppichen kommen früh, die Sommer sind mild, die bunten ­Herbs­te laden auf Cider ein, und die frische winterliche Seeluft gilt als legendär. Der Tidenhub von bis zu zwölf Metern ist der drittextremste der Welt, die Insel wächst bei Ebbe fast bis zur doppelten Größe an – „Europe’s largest rocky intertidal area“, ein 3000 Hektar großer Ebberaum zwischen Havre des Pas und Gorey. Mit 30  km/h einbrechende Fluten bedeuten Gefahr, anderswo fragt man nach dem Wetter, hier nach der Gezeit.

Markant. Mont Orgueil Castle thront über dem Hafen von Gorey.Visit Jersey


Seine Einwohner und Einwohnerinnen sprachen bis ins 20. Jahrhundert Jérriais, eine normannische Sprache, die einem zunächst recht französisch vorkommt. Selbst bezeichnen sie sie als Jersey-French, die Linguistik besteht auf „Jersey Norman“. Angesichts der eindringenden Weltsprache existierten bald nur noch knapp 3000 Menschen, die es sprechen. Erst neuerdings wurde Jérriais wieder zum Schulfach. „Meine Großmutter sprach es fließend“, berichtet Kary, die eine lokale Tourismusagentur führt, „aber sie achtete penibel da­rauf, dass ich nicht zuviel Jérriais mitkriegte. Ich verstehe die Sprache, aber ich trau’ mich nicht so richtig, sie zu sprechen, ich mache zu viele Fehler.“


Touristikerin Kary hat noch die Erzählungen ihrer Mutter aus dem Weltkrieg im Ohr, die aus Hunger zum Nachbarn Früchte stibitzen ging – und jene der Großmutter, die mutig Feindsender hörte. Letztere führte einen Obst- und Gemüsestand. Vorher hatte sie die Breaking News des Krieges auf Jérriais auf Zeitungspapier geschrieben, unverständlich für jeden Deutschen, in das sie die Ware einwickelte und zuverlässigen Freundinnen und Freunden weitergab.


Auf Schritt und Tritt begegnen einem in Jersey Spuren der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs, besonders die des letzten Jahres, als Hunger herrschte. Zwischen 1. Juli 1940 und 9. Mai 1945 kam ein fremder Soldat auf vier Einheimische. Jersey wurde administrativ dem besetzten Frankreich zugeordnet, Rechtsverkehr ersetzte den linken, und die „Jersey Evening Post“ erschien als Marionettenzeitung, wobei der Chefredakteur dafür sorgte, dass jene Artikel, die von Deutschen verfasst wurden, nur eine vage Korrektur erfuhren, um den Lesenden die Urheber des Texts plastisch sichtbar zu machen.

Besetzt. Die Deutschen besetzten Jersey im Zweiten Weltkrieg.(c) Copyright-MattPorteous / Visit Jersey


Die „Jersey War Tunnels“ mit ihrer Ausstellung in einer von den Besatzern mithilfe von Zwangsarbeitern der „Organisation Todt“ erbauten Bunkeranlage sind wohl eines der eindringlichsten und didaktisch bestarrangierten Museen Europas. Man verlässt es als anderer Mensch. Anhand einzelner Schicksale vollzieht es nach, wie eine harmlose Insel in den Weltkrieg stolperte, wie die Bevölkerung gegen die Wehrmacht Widerstand leistete oder sich mit ihr arrangierte und wie die Hoffnungen, der D-Day würde die Befreiung bringen, brutal enttäuscht wurden.


Technisch gesehen ist der begehbare Tunnel nur eine von 25 „Hohlgangsanlagen“, die Hitler-Deutschland gemeinsam mit Geschütztürmen als Teil des „Atlantikwalls“ anlegte, um seine Truppen und Militärausrüstung vor Luftangriffen zu schützen. Nach der Wende des Kriegsglücks, ab 1944, richteten die Deutschen darin ein Spital für bis zu 500 Verwundete ein.


Das alles präsentiert sich in anglosächsischer Äquidistanz mit Einfühlungskraft – neben den Originalexponaten mit einer Installation von Wehrmachtsuniformen, denen man als Köpfe Bildschirme mit sprechenden Besatzern auf die Schultern montiert hat, Deutsche, die Kontakt zur Bevölkerung aufnehmen.

Einer will seine Wäsche gewaschen kriegen, ein anderer einem einheimischen Kind ein Eis schenken, da er seine eigenen Kinder vermisst, ein Dritter streckt uns zum Gruße höflich die Hand hin. Der Kriegstunnel, ein unvergleichlich intensives Erlebnis, endet mit der berühmten Radio­ansprache Churchills: „Our dear Channel Islands are also to be freed today!“

Nummerierte Schafe, Eiskrem-Kühe

Die sonnigste britische Insel, Wander- und Radparadies, einer der raren Orte auf der Welt, wo einem noch eine Ein-Pfund-Banknote unterkommt („Jersey Pound“), hat ausgeprägte Eigenheiten. „Wir sind eine Fantasieinsel mit Fantasiemenschen und mit Fantasiegesetzen“, spielt eine ältere Dame auf der Straße auf die besonderen Finanzregelungen an, die Jersey in ein schamloses Steuerparadies für Superreiche verwandelt haben.

Üppig. Markthalle in St. Helier. Ein Ort, um feine Jersey-Erdäpfel zu kaufen.Visit Jersey

Im täglichen Leben gerät man mit Briefkastenfirmen und schwindligen Finanzprodukten kaum in Kontakt – die Otto-NormalGäste konzentrieren sich auf die Leuchtturmwanderungen wie „Corbiere Lighthouse at low tide“, auf den Surferspot, den mit Preisen ausgezeichneten Tiergarten oder La Hougue Bie, das zehntälteste Gebäude der Welt – und auf Biolumineszenz-Treks im La Rocque Havre, der keinen nennenswerten Felsen vorweisen kann. Für wilde Gesteinsformationen steht vielmehr der 5,6 Kilometer lange North-West-Coastal-Walk von der Bucht Grève du Lecq bis zum Fischerdorf Rozel Bay.

Maschinenraum politischer Macht

Die Felsenschlucht Devil’s Hole heißt so, weil hier 1851 der französische Kutter La Josephine auflief, wobei seine Galionsfigur abriss, an die Küste gespült wurde und sich im Stein einnistete. Der Bildhauer John Giffard fügte der unheimlichen Figur kurz darauf Arme und Beine hinzu, damit sie einem Teufel ähnelte. Lange hielt die Installation nicht. Vom Aussichtspunkt weitet sich der Blick zu den Nachbarinseln und der französischen Küste. Heute erhebt sich auf dem kurzen Spazierweg zum Devil’s Hole in einem grün überwachsenen Teich eine andere, übermenschengroße Teufelsstatue.

„Wir sind eine Fantasieinsel mit Fantasiemenschen und mit Fantasiegesetzen.“

Eine Ente lehrt hier ihrem Nachwuchs, wie man beim Durchschwimmen aus dem grünen Teppich Samen, Pflanzen und Insekten herauspickt.
Das mächtigste Kastell der Kanalinseln, Mont Orgueil an der Ostküste, nahe dem Städtchen Gorey – erstmals 1204 errichtet und nach dem Mittelalter ausgebaut –, liegt Aug’ in Aug’ mit der Küste. Bis zur Ära der Kanonen galt der befestigte Hügel als Maschinenraum der politischen Inselmacht und erwies sich mit seinen zwei, später drei Verteidigungsringen als fast uneinnehmbar. Nebenbei diente er als Gefängnis. In der Bürgerkriegszeit saßen hier antiroyalistische Parlamentarierfreunde wie der Leveller John Lilburne (1614–1657) ein, Gegenspieler Oliver Cromwells und früher Verfechter der Demokratie.

Cocktails und Delfine

Das Hotel Ommaroo am Havre de Pas in der Hauptstadt St. Helier (35.000 Einwohner) wurde nach dem Krieg zu einem Honeymoon-Spot für britische Paare. Viele von ihnen hatten die Reise in Preisausschreiben der Boulevardmedien gewonnen. Neben der Cocktail-Bar und dem Tanzsaal war der steinern eingehegte Salzwasserpool jener Ort, an dem der Nachwuchs von Generationen schwimmen lernte.
Und überhaupt ist das Meer nie weiter als zehn Minuten entfernt!

„Seafari“-Trips zu den halb bewohnten und biodiversen Nebeninseln wie Les Ecréhous oder Les Minquiers mit ihren Riffs im kristallklaren Wasser versuchen, die lokale Delfinpopulation der Großen Tümmler aufzuspüren, die Vogelwelt zu beobachten und grauen Robben zu begegnen. Radfahrer, darunter auch Profis, umrunden die Insel auf 64 Kilometern verkehrsberuhigter Wege oder Alleen mit Steinmauern, deren Bäume ein dicht gestricktes Blätterdach bilden.

Archaisch. Die Überreste von Grosnez Castle bei St. Ouen (14. Jh.).(c) Copyright of Andy Le Gresley Photography / Visit Jersey


Der Autoverkehr auf den schmalen Straßen hat etwas von einer Begegnungszone mit britischer, beinahe amerikanischer Straßenhöflichkeit. Neben Schafen mit aufgesprayten Nummern begegnen einem immer wieder sanfte Jersey-Rinder, eine hellbraune Uraltrasse, deren eiweiß- und fettreiche Kuhmilch seit 1763 zum populären Jerseyer Eis verarbeitet wird.

Jeder kennt die „Big four“ der Gastronomie: Neben Milchprodukten, Lobstern und Austern die königliche, 140 Jahre alte Erdapfelsorte „Jersey Royals“ mit ihrer superdünnen Schale, deren Exemplare man auch noch knapp vor dem Abflug, hübsch eingepackt, neben dem Duty-Free-Shop erhält. Ganz wie am Straßenrand geht man zu keiner Kassa, sondern zahlt direkt in eine briefkastenartige „honesty box“. Schön, und so ungefähr das Gegenteil einer Briefkastenfirma.

Hotel: The Ommaroo, am Strand, St. Helier, ommaroo.com
Lokale: The Salty Dog, Bar & Bistro, am pittoresken Hafen von St. Aubin’s, unglaubliche Seafood-Platte, saltydogbistro.om
El Tico Beach Cantina, Fish and Chips am Surferstrand,
St. Ouen’s Bay, elticojersey.com
The Portelet Inn, schön mit Garten zwischen Felsen; St. Brelade.
Samphire, mit seinen „crafted plates“ eines der besten Lokale in St. Helier, samphire.je
Besonderes: Jersey War Tunnels, jerseywartunnels.com, Inselhopping mit Schnellboot, islandribvoyages.je, jerseysafaris.com
Infos: jersey.com

("Die Presse Schaufenster" vom 09.09.2022)