Buch der Woche

Very british mit einem Schuss Liebe

Meister der Ironie: Julian Barnes, geboren 1946.
Meister der Ironie: Julian Barnes, geboren 1946. Roberto Ricciuti/Getty Images
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„Elizabeth Finch“: Julian Barnes erzählt von der platonischen Verbundenheit einer Professorin mit einem Studenten und einer intellektuellen Beziehung, die über den Tod hinaus hält. Trotz aller Fähigkeit des Autors wirkt der Roman statisch und spröde.

Der als Schauspieler mäßig erfolgreiche Kellner Neil besucht eine Philosophievorlesung und ist fasziniert von der Professorin, die sie hält, Elizabeth Finch – von ihrer Art zu sprechen ebenso wie von ihrem Kleidungsstil, von ihrer Intelligenz noch viel mehr, ebenso wie von ihrem Witz. Er ist so fasziniert von ihr, dass er nach dem Ende des Kurses Kontakt zu ihr halten möchte. Die beiden beginnen einander zu treffen, zwei-, dreimal jährlich essen sie gemeinsam zu Mittag, immer italienisch, und immer bezahlt Mrs Finch – bis zu ihrem Tod, der für Neil plötzlich kommt und ihn erschüttert.

Da Mrs Finch ihm aber ihre Bücher und Aufzeichnungen hinterlassen hat, geht Neils Beziehung zu ihr auch nach dem Tod der Professorin noch weiter. Neil durchforstet gewissenhaft Mrs Finchs Notizbücher, um sie besser kennenzulernen, aber auch, um herauszufinden, ob sie etwas enthalten, was er zur Publikation bringen könnte.

Selbstmitleidlos und scharfzüngig

Tatsächlich stößt er auf eine Reihe interessanter Aphorismen, vor allem aber auf die Figur des Julian Apostata, des letzten heidnischen Kaisers Roms, der sich noch einmal bemüht hätte, das Christentum als alleinige Religion zurückzudrängen zugunsten des hellenistischen Polytheismus, was ihm allerdings nicht gelungen ist. Über diesen Apostaten, also einen „vom Glauben Abgefallenen“, wollte Mrs Finch offenbar schreiben. Neil beschließt, dies an ihrer Stelle zu tun.

In etwa so lässt sich der Inhalt des ersten Teils von Julian Barnes neuem Roman, „Elizabeth Finch“, wiedergeben, der – wie auch der Titel verrät – in bewährtem Barnes'-Stil wieder eine Figur in den Mittelpunkt rückt, deren Porträt der Roman zeichnet und zugleich die Unmöglichkeit thematisiert, ein Individuum jemals voll und ganz zu erfassen. Diesmal ist die zentrale Figur also keine Berühmtheit wie noch Dmitri Schostakowitsch in „Der Lärm der Zeit“, sondern die unnahbare, spröde, alleinstehende, kinderlose, vollkommen selbstmitleidlose, alles hinterfragende, scharfzüngige Elizabeth Finch, die als Professorin für Philosophie allein durch ihre Wissenschaftsdisziplin eine Außenseiterin der Gesellschaft ist.

Und das ist sicher kein Zufall, denn so wie „Elizabeth Finch“ angelegt ist, fungiert die Figur der Mrs Finch dazu, um eben für diese heute nicht moderne Denkweise der Philosophie mit ihrem strengen Imperativ zu Logik und allgemeiner Gültigkeit, durch den sie unserer psychologisch geprägten subjektiv-fühlenden Gedankenwelt entgegensteht, eine Lanze zu brechen. Jedenfalls erstrahlt Elizabeth Finch in den Augen des Ich-Erzählers Neil in hellstem Glanz. Es sind die Augen eines Liebenden, Verehrenden, Idealisierenden, die das Porträt der Professorin zeichnen, auch wenn der Ich-Erzähler seine Gefühle für Mrs Finch im Verlauf des Romans zunächst immer wieder abstreitet. „Elizabeth Finch“, könnte man sagen, ist damit ein zweifacher Roman über die Liebe: einmal über die stille platonische Liebe zwischen Mrs Finch und Neil, zwischen Professorin und Studenten, und einmal über die „Liebe zur Weisheit“, was „Philosophie“ ins Deutsche übertragen ja bedeutet.


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