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Eine Liebe in Briefen

Max Frisch: „Mein Du namens Ingeborg“

Max Frisch und Ingeborg Bachmann in Rom, 1962. Das einzige gemeinsame Bild.
Max Frisch und Ingeborg Bachmann in Rom, 1962. Das einzige gemeinsame Bild.[ Foto: Mario Dondero]
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Jahrzehnte lang wurde er unter Verschluss gehalten: Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch, die viereinhalb Jahre ein Paar waren. Doch die beiden wollten ihre private Korrespondenz nie veröffentlicht sehen.

Vorweg: In ihrer Rede bei der Verleihung des Anton-Wildgans-Preises erklärte Ingeborg Bachmann 1971 ihr Modell von Autorschaft: „Ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe.“ Wie darf man solch heroische Exklusivität verstehen, Identität ausschließlich in der Arbeit am künstlerischen Ausdruck zu finden? Haben wir es mit einem genialischen Kunstbegriff des Sturm und Drang oder der Romantik zu tun? Und gibt es da noch Platz für Menschen?

Acht Jahre davor, im Frühjahr des Jahres 1963, hatten sich die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann und der Schweizer Schriftsteller Max Frisch getrennt. Ihre vertrackte Beziehung währte viereinhalb Jahre. In dem Romanzyklus „Todesarten“ hatte Bachmann nicht nur versucht, „ein Kompendium der Verbrechen, die in unserer Zeit begangen werden“, zu erstellen, sondern vor allem ihre schwere Krise in der Mitte der 1960er-Jahre, in die sie nach der Trennung geraten war, zu verarbeiten. Auf Hunderten von Seiten entwickelte sie aus der Geschichte ihrer Kränkung eine fundamentale Kritik des Patriarchats, womit sie zugleich die Deutungshoheit über das Scheitern ihrer Liebesgeschichte ergreifen wollte. Das ist ihr gelungen. Max Frisch erscheint uns – man denke etwa an das zweite Kapitel in „Malina“, an sein Alter Ego in „Der Fall Franza“, den Psychoanalytiker Leopold Jordan, zuletzt auch an die 2017 veröffentlichten „Traumnotate“ Bachmanns – je nach Bedarf nicht nur als Fossil, Bulldogge, Ungeheuer oder Monster, sondern auch als Gewalttäter, Schlächter, Mörder, Faschist usw. Ein bedeutender Teil der biografischen und germanistischen Forschung ist Ingeborg Bachmann gefolgt. Jetzt aber haben wir die Gelegenheit, das wirkungsmächtige Narrativ von Opfer und Täter aufzulösen.

 

Fragen wegen der Beistriche

In Paris trafen sich, es war der 3. Juli 1958, Ingeborg Bachmann und Max Frisch zum ersten Mal. Bachmann war 32 Jahre alt, durch zwei Gedichtbände und einige Hörspiele bekannt, ein aufstrebender Star der Literaturszene; 1954 hatte sie es bereits auf die Titelseite des „Spiegel“ geschafft. Frisch, damals 47, war ein international renommierter Dramatiker, und, wenn man den Fotos glaubt, Tag und Nacht pfeifenrauchend; das politische „Tagebuch 1946–1949“ zeigte ihn als kritischen Schweizer Intellektuellen, seine Romane „Stiller“ und „Homo faber“ waren Bestseller.