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Hochbegabung

Breit fördern statt einzeln testen

Das vorhandene Interesse nicht erlahmen zu lassen ist wesentliches Ziel der Begabtenförderung.
Das vorhandene Interesse nicht erlahmen zu lassen ist wesentliches Ziel der Begabtenförderung.PH Salzburg/ÖZBF/Christina Klaffinger
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Was braucht es, um in Schulen und Hochschulen Begabung zu erkennen und systematisch zu fördern? Ein Kongress in Salzburg ging diesen Fragen nach.

Es kommt auf die Umwelt an.“ Die Botschaft, die der Begabungsforscher Albert Ziegler in seinem Tagungsbeitrag an das Auditorium richtet, gilt der Lernumwelt des Menschen. Genauer gesagt sind es verschiedene Lernumwelten, von denen Ziegler spricht – von der Vorschulklasse bis zum naturwissenschaftlichen Museum, vom Klavierunterricht oder Handballtraining bis zum Arbeitsplatz zu Hause. All diese „Soziotope“ so zu gestalten, dass sie nicht nur Lernen ermöglichen, sondern auch zu einem nicht nachlassenden Interesse führen, ist für den Experten entscheidend, um Begabungen zum Durchbruch zu verhelfen.

Ziegler, Generalsekretär der Internationalen Begabtenforschervereinigung, war einer der Hauptreferenten beim 11.Internationalen Kongress des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF). Die Leiterinnen des an der PH Salzburg angesiedelten ÖZBF, Claudia Resch und Silke Rogl, haben zusätzlich zu ihren persönlichen Forschungsprojekten den Auftrag, Konzepte der Begabungs- und Begabtenförderung zu entwickeln.

Drehtürmodell

Was der Schlüssel dazu wäre, klingt aus Reschs Mund simpel und ist dennoch ein hohes Ziel: ein gut differenzierender Unterricht. Das Bild der Drehtür veranschaulicht, was damit gemeint ist. Schüler, die bestimmte Inhalte bereits erfasst haben, sollen sich aus dem regulären Unterricht „herausdrehen“ können, um sich einer anderen Materie zuzuwenden. Dies sei im Klassenzimmer möglich, in dem man etwa in einer „Ressourcenecke“ eine neue Fragestellung bearbeite, sagt Rogl. „Es kann aber auch so weit gehen, dass, wenn die Klasse in einer Fremdsprache geteilt ist, beide Unterrichte besucht werden, oder dass jemand, der den Stoff schon beherrscht, selbstständig an einem vertiefenden Projekt arbeitet.“

All dies im schulischen Alltag praktisch umzusetzen sei zweifellos eine Herausforderung, jedoch nicht unmöglich, zumal bereits eine Reihe von Materialien zur Unterstützung von Begabungsförderung auch auf organisatorischer Ebene existierten.

Es sei schon lange nicht mehr der Weisheit letzter Schluss, einzelne Schüler – meist auf Wunsch der Eltern – auszutesten und sich im Fall eines hohen Intelligenzquotienten Fördermaßnahmen für sie zu überlegen. Das Konzept „Erst testen, dann fördern“ gelte aus der Sicht vieler Fachleute als veraltet. „Unser Mantra ist eher ,Fördern auf Verdacht‘“, so Resch. Testen ermögliche Lehrpersonen, Verantwortung für das Fördern abgeben zu können, da erst eine andere Institution eine Diagnose stellen müsse. „Aber es ist das Anliegen von uns als ÖZBF, die Lehrpersonen zu ermächtigen, selbst genau hinzuschauen.“

Ebenso wichtig wie dieser Paradigmenwechsel vom Testen hin zum Fördern ist aus Sicht der Forscherinnen der Wechsel von Einzelfördermaßnahmen, wie sie derzeit an vielen Schulen bestehen, zu einem Gesamtsystem. „Einzelmaßnahmen wirken sich möglicherweise auf die Selbstwirksamkeit von Schülern positiv aus. Aber sie sind nicht nachhaltig. Es braucht systemische Veränderungen“, sagt Rogl.

Tools für Lehrende

Um eine nachhaltige und auch sozial gerechte Begabungs- und Begabtenförderung in der Lehrerausbildung zu verankern, haben die beiden ÖZBF-Leiterinnen bereits etliche Maßnahmen umgesetzt. So wurden Hochschullehrgänge und Fortbildungen ins Leben gerufen. Die vom ÖZBF entwickelten Förderinstrumente wie „mBET“ (multidimensionales Begabungs-/Entwicklungstool) oder „mBETplus“ stoßen sowohl an österreichischen, als auch an deutschen Schulen auf gute Resonanz. Sie helfen Lehrpersonen, Begabung bei Volksschulkindern oder Jugendlichen wahrzunehmen und pädagogisch zu diagnostizieren, aber auch konkrete Schritte zu erarbeiten, um diese Begabung weiterzuentwickeln.

Derzeit arbeitet das ÖZBF daran, ein analoges Instrument auch für Studierende zu etablieren. Dass der Bereich des Studiums in puncto Begabtenförderung noch wesentlich unbeackerter ist als der Schulunterricht, steht für beide Expertinnen außer Frage. An Hochschulen gehe es daher zunächst primär darum, für das Thema zu sensibilisieren, sagt Resch. Als besonders dringende Maßnahme erachtet sie, jene Lehrenden fortzubilden, die für die Erstausbildung der künftigen Pädagogen an Kindergärten und Schulen zuständig sind.

Ein Positivbeispiel zeigte Ziegler in seinem Vortrag auf. In Kitzbühel treffen skiaffine Kinder auf entsprechende Strukturen – Skiklubs, gute topografische Bedingungen und Förderinstitutionen. Ein Megatop nennt sich eine solche optimale Lernumwelt – die auch in anderen (nicht nur sportlichen) Disziplinen wünschenswert wäre.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2022)