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Staatsballett auf Jiří Kyliáns Spuren

(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)
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Der erste Ballettabend 2011 überzeugt mit Werken, die die Handschrift des Starchoreografen und längjährigen künstlerischen Direktors des Nederlands Dans Theate tragen. Die Tänzer glänzen in Charakterrollen.

Es mag für die Voyeure der Society-Welt eine Enttäuschung gewesen sein, für den nur oberflächlich an Kultur interessierten Boulevard, der marktschreierisch vorab das Gegenteil verkündet hatte, ein Affront: Jedenfalls war Karina Sarkissova am Sonntag an der Staatsoper bei ihrem ersten Auftritt seit dem Nacktfoto-Skandal nicht unter jenen Tänzerinnen, die in Jiří Kyliáns „Bella Figura“ oben ohne auftraten.

Vielmehr glänzte die Ballerina in Jorma Elos von strenger Ästhetik und waghalsigem Tempo geprägtem „Glow – Stop“, das bei der ersten Ballettpremiere der Saison als Wiederaufnahme gezeigt wurde. Hier loten die Tänzer in einem unermüdlichen Fluss konzentrierter Bewegungen die Schwerkraft aus und nehmen das Publikum mit Entschlossenheit und unterkühlter Eleganz für sich ein. Ein Stück, das herausragende Solisten erfordert, die bereit sind, sich zur Höchstleistung anspornen zu lassen. Die Wiener Compagnie hat mehrere Tänzer von solchem Format.

Das zeigte sich schon zum Auftakt des Abends in Jiří Bubeníčeks „Le Souffle de l'Esprit“. Der ehemalige Erste Solist unter John Neumeier stellt in seinem 2007 für das Zürcher Ballett entstandenen Stück die muskulösen Körper der Tänzer in den Mittelpunkt – als lebende Ergänzung zu den an die Wand projizierten Gemälden von Leonardo da Vinci. Roman Lazik, Denys Cherevychko und Masayu Kimoto treffen als zunächst etwas verloren wirkende Vertreter der Männerwelt auf selbstbewusste Tänzerinnen in weißen Hemdblusen, die sich in ihren Armen zusammenrollen wie Embryos, über ihren Schultern ein Rad schlagen und sie später zu fröhlich-verträumten Pas de deux auffordern.

 

Genial komischer Testosterontanz

Echte Komik dürfen Cherevychko, Kimoto und Mihail Sosnovschi in „Skew-Whiff“ entwickeln, einem kurzen, aber intensiven Stück des Choreografen-Duos Paul Lightfoot und Sol León. Mit erfrischendem Humor und unverbrauchten choreografischen Ideen lassen die beiden das geniale Trio einen grotesken Testosterontanz vollführen, angestachelt von Ioanna Avraam, deren Körperwallungen den dreien den Kopf verdrehen. Das Ergebnis ist eine Art wahnwitziger Ringkampf, ebenso athletisch wie grotesk. Ein köstliches Stück, gerade richtig, um das Publikum beschwingt in die Pause zu geleiten.

Erst zum Schluss kommt der Abend auf den Punkt: „Schritte und Spuren“ ist Jiří Kylián gewidmet – dem tschechischen Choreografen und langjährigen künstlerischen Direktor des Nederlands Dans Theater, der vielen zeitgenössischen Choreografen Vorbild ist. Dem Finnen Elo zum Beispiel, dessen Karriere beim NDT begann – und dessen „Glow – Stop“ unübersehbar von Kylián geprägt ist. Auch der Brite Lightfoot und die Spanierin León sind am NDT tätig, Bubeníček ist von Kylián inspiriert.

 

Nacktheit, die nicht provoziert

Kyliáns „Bella Figura“, das 1998 erstmals in Wien (im Burgtheater) zu sehen war, verdeutlicht, wie stilprägend Kylián für die anderen Choreografen des Abends war. Er lässt die Tänzerinnen die zerbrechliche Attitüde ablegen, stellt sie gleichberechtigt neben die Partner. Kylián fördert Charakter und Persönlichkeit der Tänzer zutage. In „Bella Figura“ spielt er mit dem Vorhang, mit Lichteffekten und dem Kontrast zwischen nackten Oberkörpern und wallendem Stoff. Männer und Frauen (hervorragend: Ketevan Papava und Marie-Claire D'Lyse) stehen oben ohne nebeneinander, tragen rote Röcke – und dann hebt Kylián die Geschlechtertrennung in einem poetischen Akt hingebungsvollen Tanzes auf. Von dieser Nacktheit fühlt sich keiner provoziert – nicht einmal an der Staatsoper.

Ballett/Tanz-Termine

„Schritte und Spuren“: 12., 15., 18., 20., 27. Jänner, Staatsoper.

An der Volksoper präsentiert das Staatsballett „Junge Talente“: Premiere ist am 29. Jänner.

Das Tanzquartier zeigt am 20., 21. und 22. Jänner Choreografien zu Orchesterminiaturen, live gespielt vom Radio-Symphonieorchester.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2011)