Kolumne

Karriere in Balance

Trotzdem Abheben zum Traumjob
Trotzdem Abheben zum Traumjob(c) Getty Images (pinstock)
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Auf zum Traumjob. Folge 50. Kaum eine Woche vergeht, in der in den Medien derzeit nicht in irgendeiner Form über Teilzeitarbeit debattiert wird. Vor allem der Fachkräftemangel hat diese Diskussion noch einmal befeuert. Aber kann Karriereentwicklung in Teilzeit überhaupt funktionieren bzw. ist die ganze Diskussion nicht zu einseitig geführt?

„Mehr als eine halbe Stunde Anfahrtszeit ist seiner/ihrer Erfahrung nach schlecht für die Work-Life-Balance“, sagte ein/e Bewerber:in zu mir im Jobinterview. Es ging um eine Position in der erste Berufserfahrung gefragt war, mit sehr guten Chancen, sich beruflich in den nächsten Jahren zu einer/m Fachexperten/in im Finanzbereich weiterzuentwickeln.

Das Unternehmen ist etabliert, expandiert und ist in einer absolut zukunftsträchtigen Branche tätig. Nach der Einschulungszeit waren zwei Tage Home-Office vorgesehen. Der/die Bewerber:in selbst gab als nächstes Karriereziel ebenfalls an, sich in die vorgegebene Richtung entwickeln zu wollen.

An und für sich ein Top-Match. Nichtsdestotrotz lehnte er/sie die Stelle mit der Begründung des zu langen Anfahrtsweges, in diesem Fall waren es 45 Minuten, ab. Natürlich erfährt man in einem Jobinterview nicht allzu viel über die allgemeinen Lebensumstände einer Person, weshalb von einem Einzelfall nicht zwangsläufig auf das große Ganze geschlossen werden kann.

Jedoch häufen sich solche Erfahrungen und es stellt sich die Frage, inwieweit persönliche Karriereentwicklung so überhaupt möglich ist oder ob zur Lebenszufriedenheit nicht andere Aspekte als die Teilzeitarbeit dazugehören?

Work-Life-Balance versus erfolgreiche Karriere

Wenn über eine erfolgreiche Karriere gesprochen wurde, war früher damit gemeint, die Karriereleiter ganz nach oben zu klettern und entweder berühmt zu werden oder viel Geld zu verdienen oder im besten Fall beides.

In diesem Atemzug wurden dann Anwält:innen, Ärzt:innen, Top-Manager:innen, Spitzensportler:innen oder Stars aus der Kunstszene genannt. In den letzten Jahren hat sich dieser Zugang ein wenig geändert, zumindest wird auf HR-Kongressen viel darüber geredet und in der Social Media-Welt ebenso.

Immer mehr rückt heute die persönliche Weiterentwicklung, abgesehen von der Stufe der Karriereleiter in den Fokus und viel Geld mit seinem (Traum-)Job zu verdienen erscheint mittlerweile überhaupt obszön.

Voll im Trend liegt der Sinn der Tätigkeit und es ist zu einem Wettbewerb für HR-Manager:innen geworden, jedem Unternehmenszweck und jedem Job einen solchen zu verleihen. Ein Blick auf die Arbeitszeiten (Sozioökonomisches Panel DIW Berlin 2021/Kienbaum Beraterstudie) zeigt, dass Manager im Schnitt 50 Stunden pro Woche arbeiten, Topmanager sogar 60 bis 70 Stunden.

Zusätzlich gibt die Mehrheit der befragten Vielarbeiter:innen an, mit dieser Lebenssituation durchaus zufrieden zu sein, ja sogar Glücksmomente bei der Bewältigung dieser Herausforderungen zu empfinden bzw. es als Investition in sich selbst zu sehen. Wie gesagt, es handelt sich dabei um Manager oder High Potentials.

Die sind in der Regel überdurchschnittlich mit ihrem Job identifiziert und das macht sie deshalb anscheinend resilienter. Aber nicht jeder will das sein. Und viele der Befragten geben an, diese Situation nach einer Aufbauphase wieder weniger arbeiten zu wollen.

Interessant ist jedoch, dass vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer:innen im Schnitt immerhin auch noch 41 Stunden arbeiten und sich diese Zahl in den letzten 30 Jahren kaum verändert hat. Und das, obwohl unzählige Studien belegen, dass Arbeitszeiten von über 40 Stunden das Burn-out Risiko erhöhen.

Mehr Arbeitszeit bedeutet in vielen Branchen auch, dass „die Kohle stimmt“. Ausnahmen sind da die Sozial- oder Gesundheitsberufe. Da ist die Arbeitsbelastung extrem hoch, aber die Belohnung unterdurchschnittlich – ein doppeltes Drama, denn wer viel arbeitet und nicht ausreichend dafür belohnt wird, ist ebenfalls krankheitsgefährdeter.

Die finanzielle Belohnung, auch wenn sie derzeit eher kleingeredet wird, ist genauso wichtig und gehört zu einem Traumjob einfach dazu. Kahnemann/Deaton haben errechnet, das Idealgehalt wären brutto ca. € 64.000, heute ca. 81.000, weil die Studie schon einige Jahre alt ist.

Bis zu diesem Wert steigt die Kurve des Glücksempfindens exponentiell an. Der Durchschnittsverdienst für Vollzeitbeschäftigte lag 2021 in Österreich bei ca.€ 50.000, also noch einiges unter dem sogenannten Optimalwert von Kahnemann/Deaton. Bei Teilzeitbeschäftigten lag er jedoch bei ca. € 24.000. Man muss jetzt kein Forscher sein, um zu wissen, dass sich dafür nur ganz wenig Glück ausgeht, weder im Hier und Jetzt, noch im Alter, weil die Pension nach dem Arbeitsleben nur sehr mager ausfallen wird. Der Teilzeitwunsch scheint in dieser Hinsicht wohl etwas kurz gedacht.

Leben in Balance

Identifikation und finanzielle Belohnung sind nur zwei der fünf Säulen unserer Identität (nach Petzolt). Diese beiden sind jedoch sehr eng mit unserem Jobleben verbunden. Die drei weiteren wären Körper & Psyche, soziale Beziehungen sowie unsere Werte und Normen. Ein erfülltes Leben gelingt dann, wenn alle fünf Säulen in ausreichendem Maße Beachtung finden. Wird das Hauptaugenmerk auf die eine oder andere Säule gelegt, dann geht das meistens auf Kosten der anderen und dann ist unser Leben aus der Balance. Wenn das Ganze nur vorrübergehend passiert, also zum Beispiel während dem Karriereaufbau, dann ist das kein Thema. Das darf in der einen oder anderen Lebensphase wohl auch so passieren. Ich empfehle meinen New/Outplacement-Kandidat:innen die fünf Säulen langfristig als Lebensmodell im Hinterkopf zu behalten, weil es gibt definitiv ein Leben abseits des eigenen Traumjobs!

Gutes Gelingen

Michael Hanschitz

Michael Hanschitz ist seit nunmehr 15 Jahren als New/Outplacementberater, Autor und Karrierecoach tätig. Er ist Gründer des Beratungsunternehmens Outplacementberatung (www.outplacementberatung.co.at) und Autor des Buches Menschen fair behandeln. Mit seiner Arbeit unterstützt er Menschen und Organisationen in schwierigen Veränderungsprozessen. Beraten mit Herz und Verstand lautet seine Devise.

Michael Hanschitz
Michael Hanschitz(c) Marek Knopp

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