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Schenk begeistert als Charmeur

Schenk begeistert Charmeur
(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

„Noch einmal verliebt“ von Joe DiPietro mit Otto Schenk und ChristineOstermayer: sehr hübsch. Zarte Seniorenliebe wird von bissiger Schwester gestört.

Hoboken, New Jersey, Gegenwart: Ein alter Mann auf einer Bank im Park, erwartet er jemanden? Raffaello, kurz Ralph genannt, wollte Opernsänger werden. Beinahe hätte ihn die Met engagiert. Doch etwas lief schief. Also arbeitete er bei der Post – nun ist er auch schon seit 20 Jahren in Pension. Er wird von seiner Schwester Rose betreut. Die zwei sind wie ein altes Ehepaar. Sie umsorgt ihn, er hält nach Frauen Ausschau, seine eigene, Anna, ist seit Jahren tot, ebenso sein einziger Sohn. Da taucht eine Dame mit Hündchen auf ...

Verglichen mit den geistreichen Dialogen, welche die israelische Autorin Savyon Liebrecht für Hannah Arendt und Martin Heidegger schrieb – die Premiere von „Banalität der Liebe“ war dieser Tage im Wiener Nestroyhof-Theater –, ist „Ralph und Carol – Noch einmal verliebt“ von dem italienischstämmigen Amerikaner Joe DiPietro, seit Donnerstag in den Wiener Kammerspielen zu sehen, ein schlichtes Komödchen. Und Regisseur Dieter Berner, der einst immerhin Turrini/Pevnys bissige „Alpensaga“ drehte, inszenierte auch eher gemütlich, gemütvoll.

Das Ensemble entzückt rundum: Otto Schenk, nach seinem Oberschenkelhalsbruch wieder hergestellt, spielt Ralph, der seine Flamme nach allen Regeln der Kunst umgarnt. Er rückt zart näher, er stolpert von einem Fettnäpfchen ins andere, er requiriert einen fremden Hund, er scheucht seine Schwester („Madonna!“) nach Hause; als er aber seine Angebetete endlich erobert hat, stellt sich eine traurige Wahrheit heraus.

 

Herb-süßer Damenflor für den „Liebling“

Kommen die zwei doch zusammen? Hoffentlich. Es ist schwer, noch mehr zu entzücken als Otto Schenk an diesem Abend, aber Christine Ostermayer als Carol schafft es fast, speziell, nachdem sie die saure Miene einer früheren Sekretärin abgelegt hat und sich von Ralph aufs Kanapee locken lässt.

Ingrid Burkhard als Rose begleitet die süßen Geigen dieser Liebschaft, die ihr zuwider ist, mit harschen Bässen und manchem Trompetenstoß. Scheint es zunächst, als wäre das vertrocknete Scaloppine al Limone, das der turtelnde Ralph versäumt hat, das Hauptproblem, wird mit der Zeit klar, dass auch Rose ihr Packerl zu tragen hat. Seit 22 Jahren hat sie ihren Mann nicht gesehen, der sich nun scheiden lassen will, um seine todkranke Freundin zu heiraten.

Ein richtiger Sänger (Thomas Weinhappel) begleitet mit passenden Opernarien von Mozart bis Verdi (hauptsächlich Gassenhauern) das Geschehen: Er singt schön und ist schön. Was will man mehr? Im Übrigen wirkt die Italianità in der Sprache aber etwas bemüht und künstlich. Rolf Langenfass entwarf für dieses anrührende und nur ganz selten sentimentale Stück eine karge Ausstattung, in der Schatten und Licht (Karl Binder) eine besonders feine Rolle spielen.

Ein würdiges Comeback für „Otti“ ist dies: Er und die Zuschauer freuten sich, von Schenks gewohnter Mieselsucht war nichts zu bemerken. Klar, das Ganze ist ein Heimspiel für den bald 81-Jährigen. Aber es gab schon weniger Gelungenes dieser Art.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2011)