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Spurensuche im Warschauer Ghetto

Spurensuche Warschauer Ghetto
(c) Diogenes
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Die deutsche Autorin Astrid Rosenfeld über ihren ersten Roman „Adams Erbe“, die Faszination über finstere Zeiten und einen Rat der Mutter beim Beobachten von Charakteren.

Sie sei keine Jüdin, sagt Astrid Rosenfeld im Gespräch über ihren Debütroman, auch wenn das manche bei ihrem Namen vermuten. Dennoch handelt „Adams Erbe“ von mehreren Generationen einer jüdischen Familie in Deutschland, von der Nazizeit, dem Holocaust, den Überlebenden. Rosenfeld legt eine raffiniert verflochtene Geschichte vor.

Zu den Hauptfiguren zählen Adam Cohen, der als Bub im Deutschland der Dreißigerjahren während der Herrschaft der Nazis aufwächst, und sein Großneffe Edward, der in der Gegenwart in Berlin lebt und seinem Großonkel nach Meinung der Verwandten nicht nur ähnlich sieht, sondern auch seinen Charakter hat. Beide handeln nach der Maxime „Du sollst dich nicht fürchten!“. Die Verbindung zwischen ihnen: Edward findet auf dem Dachboden ein Paket, das ein Manuskript Adams enthält, adressiert an dessen große Liebe Anna Guzlowski. Das Paket ist nie angekommen. So beginnt erneut eine Suche in diesem spannenden Roman, der exzentrische ältere Damen, einen wilden Stiefvater und einen verliebten Sturmbannführer als Nebenfiguren hat.

 

Abrechnung mit Hans Frank

Eineinhalb Jahre hat Rosenfeld an ihrem Buch geschrieben, zusätzlich Fakten zum Warschauer Ghetto, zu Krakau und Schloss Kressendorf recherchiert. Diese Suche zeigt sich in den authentischen Passagen. „Das Thema hat mich schon sehr früh zu interessieren begonnen“, sagt die 1977 in Köln geborene Autorin, die zwei Jahre in Kalifornien lebte und dort mit dem Theater in Berührung kam, dann in Berlin Schauspiel zu studieren begann, um schließlich berufliche Erfahrung beim Film zu sammeln, unter anderem als Casterin.

Der Kindheitstraum, Schauspielerin zu werden, hat sich nicht erfüllt. „Ich habe die Schauspielschule abgebrochen.“ Der Wille zum Schreiben setzte sich durch. „Die Faszination an Geschichten war bei mir immer da. Ich habe ab 18 sehr viel und auch wahllos über die Nazizeit gelesen, da dachte ich aber noch nicht daran, ein Buch darüber zu schreiben. Wenn man in Berlin oder Köln lebt, scheint man so nah an dieser Geschichte dran.“

Ein für ihren Roman einflussreiches Buch stammt vom Sohn eines Täters: „Niklas Frank hat über seinen Vater Hans Frank geschrieben. Das ist zwar nicht die klassische Holocaust-Literatur, aber das Unfassbare wird an einer grotesken Persönlichkeit eindrücklich beschrieben. Dieses Buch hat mich nicht losgelassen, so wie die Dokumente mit Aussagen von Auschwitz-Überlebenden.“ Hans Frank war 1939 bis 1945 als Generalgouverneur im besetzten Polen an zahlreichen Kriegsverbrechen beteiligt, man nannte ihn den „Schlächter von Polen“. Er wurde 1946 im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und gehängt. „Der Vater. Eine Abrechnung“ (1987) ist ein schonungsloser Versuch, die Wahrheit über die Eltern und das Dritte Reich zu erfahren.

 

„Hier ist das also passiert“

Wenn sie in Deutschland spazieren geht, auf den Boden schaut, denkt Rosenfeld oft: „Hier ist das also passiert.“ Ihr Buch verknüpft das Heute mit der Vergangenheit. „Der Motor der Geschichte ist, dass etwas bleibt, dass nicht einfach alles verschwinden kann.“ Rosenfelds erstes Buch ist gleich ein umfangreicher Familienroman geworden und fand sofort einen Verleger. „Meine Agentin hat mit dem Text die Runde gemacht, er wurde bei Diogenes akzeptiert. Das ist wie ein Jackpot. Zugleich macht mich der Erfolg aber ziemlich verlegen.“

Wie wird es weitergehen als Autorin? „Ich habe gelernt, dass man besser nicht zu viele Pläne macht. Ich habe kein Lebensmotto, aber wenn es eines gäbe, würde es lauten, dass man sein Leben ändern darf. Ich würde gerne vom Schreiben leben können. Ich sehe für mich derzeit auch keine Alternative zum Schreiben.“

 

Nachts droht zu viel Pathos

Das nächste Buch ist bereits im Entstehen, der Stoff ist noch ein Geheimnis. Vorbilder hat Rosenfeld nicht für ihren Stil, sie liebt Bücher mit viel Handlung mehr als jene mit viel Reflexion, und doch mag sie besonders Vladimir Nabokov, Scott F. Fitzgerald, Elias Canetti. „Das ähnelt aber nicht meinen Texten. In der Familie gab es bisher keinen, der geschrieben hat, bis auf meine ältere Schwester, die Journalistin ist. Sie ist auch meine erste Leserin. Ich schreibe für mich selbst, jeden Tag. In den Nachtstunden muss ich aber aufpassen, dass ich nicht zu pathetisch werde. Da liegen die Geister anders. Ich habe Freude daran, das Schreiben empfinde ich gar nicht als Arbeit. Meine Welt findet dabei im Kopf statt, da spinnt sich so einiges zusammen.“

Freude empfindet Rosenfeld auch, wenn sie erfährt, dass ihr Buch jemanden zum Lachen oder Weinen gebracht hat. „Ich möchte, dass der Leser zumindest für ein paar Stunden in eine andere Welt abtauchen kann.“ Und bei der Beobachtung von Charakteren hält sie sich an einen Ratschlag der Mutter: „Die sagte mir, ich sollte nicht darauf schauen, was die Menschen sagen, sondern darauf, was sie tun. Das Interessanteste ist, wenn man hört, wie eine Person spricht, und sieht, wie sie dann handelt. Wenn das weit auseinander klafft, wird es spannend.“ „Adams Erbe“. Diogenes 2011. 400 S., € 22,60. ISBN 978-3-257-06772-9

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2011)