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Haben die islamophoben Spaßbremsen am Ende vielleicht doch recht gehabt?

Bis jetzt liefert die Serie von Aufständen in der arabischen Welt keine wirklich überzeugenden Beweise dafür, dass Islam und Demokratie füreinander geradezu geschaffen sind.

Ach, was waren das nicht für romantische Tage und Nächte, da sich die revolutionär twitternde Jugend auf dem Tahrir-Platz in Kairo einfand, um den bösen Tyrannen Mubarak zu stürzen und das Feuer der Demokratie in Ägypten zu entzünden, von wo es den ganzen arabischen Raum mit dem Licht der Freiheit erfüllen sollte. Ein „1989“ der arabischen Welt sei in diesem Jänner 2011 angebrochen, jubelten alle, die schon immer behauptet hatten, dass Islam und Demokratie in Zeiten von Facebook eh supergut zusammenpassten.

Nur die allerschlimmsten islamophoben Spaßbremsen wiesen in diesen euphorischen Tagen beckmesserisch darauf hin, dass sich die Umwandlung der islamischen Welt in eine Demokratie nach dem Muster des Kantons Zürich vielleicht doch etwas schwieriger gestalten würde, als es in jenen Tagen den Anschein haben konnte. Leider wird kein halbes Jahr später immer deutlicher, dass sich die Spaßbremsen zumindest nicht völlig geirrt hatten.

Natürlich ist es noch viel zu früh, die arabische Revolution valid zu bewerten. Aber ziemlich sicher ist eines: Das war kein Mauerfall, der eine Diktatur beendete und eine Demokratie begründete wie 1989 in Osteuropa nach dem Sturz der KP-Regimes. Ob die arabische Welt am Ende des derzeitigen Umbruches wirklich jener bessere Platz sein wird, der damals für optimistische Gemüter greifbar nahe schien, wird sich erst weisen müssen.

Besonders klar wird das gerade in Libyen. Was dort anfangs wie ein Aufstand der Geknechteten gegen Diktator Gaddafi erschien, hat mittlerweile den Charakter eines bizarren Stammes- und Bürgerkrieges, in dem religiöse, ethnische, territoriale und ökonomische Motive genauso eine Rolle spielen wie der Kampf um Freiheit.

Dass sich die Nato dort plötzlich in einer legeren Allianz mit radikalen Islamisten und sogar libyschen al-Qaida-Kämpfern findet, zeigt, wie weltfremd die simple Vorstellung von einem Aufstand der Guten gegen den Bösen in Libyen mittlerweile ist.

Auch in Syrien sind die Good Guys nicht so ganz einfach von den Bad Guys zu unterscheiden. Denn so unbestritten die Assad-Diktatur ein Fall für die Müllhalde der Geschichte (und das Haager Tribunal) ist, so klar ist auch, dass gerade in Syrien die islamistischen Moslembrüder eine wesentliche Kraft hinter dem Aufstand gegen den Despoten sind. Und dass Syriens Moslembrüder das Land nach einem allfälligen Sturz Assads zu einer Mehrparteiendemokratie machen wollen, ist eher nicht zu erwarten.

Doch selbst aus Ägypten, wo die Revolution (dank diskreter Regie der US-Militärs) bisher relativ günstig verlief, kommen eher durchwachsene Nachrichten. Nur kurz nach Mubaraks Sturz wird in der Öffentlichkeit über die Zulässigkeit des Alkoholausschanks und die Einführung einer Art Religionspolizei diskutiert, wie sie führende Moslembrüder verlangen. Dass Ägyptens neuer Außenminister angekündigt hat, künftig die Beziehungen zum iranischen Gottesstaat und der von dort gesteuerten Terrororganisation Hisbollah verbessern zu wollen, passt ebenso in dieses Bild wie die Kriegsdrohungen selbst moderater Politiker wie Mohammed ElBaradeis gegen Israel.

Man muss keine islamophobe Spaßbremse sein, um angesichts dieser Fakten von der Demokratieaffinität der islamischen Welt noch nicht völlig überzeugt zu sein.


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Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2011)