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Gefahr aus dem Netz: Wir fürchten uns zu wenig

Andernorts bedroht das Internet Diktaturen, hierzulande Staat und Bürger. Es ist höchste Zeit, IT-Sicherheit genauso ernst zu nehmen wie Einbruchschutz.

Was haben Alfred Gusenbauer, die Bundesregierung, zahllose Firmen und Millionen Bürger gemeinsam? Antwort: Keine Vorstellung davon, wie gefährdet sie sind.

Die immer weiter fortschreitende Vernetzung der Welt, das Verschmelzen von Internet und Mobilfunk sowie die zunehmende Abhängigkeit sensibler Einrichtungen von eben dieser Kommunikationsinfrastruktur haben moderne Staaten für Angriffe aus dem sogenannten Cyberspace anfällig gemacht. Während Internetaktivisten im arabischen Raum an den Fundamenten von Diktaturen rütteln, bedrohen Geheimdienste und Kriminelle im selben Netzwerk die Demokratien entwickelter Länder.Cyber-War, Cyber-Kriminalität und Cyber-Terrorismus sind im Schatten der Möglichkeiten, die das Netz bietet, zu ernsthaften Gefahren geworden. Das Schadenspotenzial basiert oft auf der Sorglosigkeit der potenziellen Opfer. Womit sich der Kreis zu Alfred Gusenbauer schließt.
Der ehemalige Kanzler mit Sinn für die schönen Dinge des Lebens war hierzulande der Erste, der im Winter 2008 das In-Handy mit dem Apfel-Logo besaß. Noch vor der offiziellen Markteinführung ließ sich der Regierungschef in Boulevardzeitungen mit iPhone am Ohr ablichten. Die Opposition war empört. Handelte es sich bei dem Gerät gar um einen illegalen Grauimport? Der Politzirkus hatte seinen Hightech-Skandal. Nur die wichtigen Fragen stellte damals niemand. Etwa jene, welches Sicherheitsrisiko der Einsatz des Geräts mit sich bringt.

Wenn man mit den Experten von Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt über die Bedeutung von Smartphones für ihre Arbeit spricht, beginnen ihre Augen zu leuchten. Von Biografien im Hosentaschenformat ist da die Rede. Passwörter, vertrauliche Kontakte und Notizen, Kommunikations- und damit Persönlichkeitsprofile sind mit ein wenig Aufwand auslesbar. Zuletzt wurde bekannt, dass das Gerät auch heimlich den Standort des Nutzers speichert. Das verlorene oder gestohlene iPhone eines Bundeskanzlers kann theoretisch zur Bedrohung für eine ganze Nation werden. Für den ebenso beliebten Blackberry gilt das Gleiche.

Die Konsequenzen? Keine. Nur Innen- und Verteidigungsministerium haben Smartphones bisher als Sicherheitsrisiko identifiziert und kein Interesse an Systemen, die E-Mails über Server schicken, die am anderen Ende der Welt stehen. Und von denen niemand verbindlich weiß, was damit geschieht. Für einen Staat ist das eine ernste Angelegenheit.

Der Fall Gusenbauer steht exemplarisch dafür, dass wir zu leichtfertig mit dem Thema Cyber-Security umgehen. Dem Verfassungsschutz sind Fälle bekannt, in denen österreichische Ministerien defekte Festplatten, auf denen vertrauliche Dokumente gespeichert waren, von wildfremden Dienstleistern reparieren und wiederherstellen ließen. Eine geradezu marktschreierische Einladung für Spione ausländischer Dienste. Auch Firmen mit wertvollen Patenten sparen so lange bei der IT-Sicherheit, bis Unterlagen aus vernetzten Systemen verschwinden. 2010 sind fünf Fälle dokumentiert, die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Und: Privatpersonen geben im Vertrauen darauf, dass ihre Daten dort sicher sind, Bankverbindungen und Kreditkartennummern in Systeme von Konzernen wie Sony ein – bis das Material plötzlich auf dem Schwarzmarkt auftaucht.

Was fehlt, ist das Bewusstsein für die Gefahren im Umgang mit moderner Kommunikationstechnologie. Wie sonst ist es zu erklären, dass jeder beim Verlassen des eigenen Hauses die Tür verschließt, vertrauliche Daten aus ungesicherten PCs aber für einen halbwegs begabten HTL-Absolventen ausspähbar sind? Neue Gesetze zur Überwachung potenzieller Opfer durch den Staat werden keine Hilfe sein. Er selbst steht nämlich im Fadenkreuz und muss lernen. Eine Analyse des militärischen Abwehramts ist ernüchternd: Wer es richtig anstellt, könnte mit koordinierten Cyber-Angriffen sogar „politische Ergebnisse erzwingen“. Die neue Sicherheitsstrategie soll das Thema Cyber-Security endlich entsprechend würdigen. Die Zeit drängt. Der Schutz vor digitalen Angriffen ist ungleich wichtiger als die politischen Ränkespiele um die Frage, ob die Wehrpflicht bleibt oder nicht.

E-Mails an: andreas.wetz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2011)